Debatte: Wie wird Deutschland zum Gründerland?

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Im Gründerraum-Interview hatte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle sie erstmals angekündigt, kürzlich gab er offiziell den Startschuss für die Initiative “Gründerland Deutschland”. Mit der Offensive will Brüderle die Lust auf Unternehmertum wecken – unter anderem an Schulen und Unis. Außerdem will er die Finanzierungsmöglichkeiten für innovative Gründungen verbessern.

In der Gründerszene kommt die Idee im Großen und Ganzen an, wie eine kurze Gründerraum-Umfrage zeigt: Für “prinzipiell sehr gut” hält etwa der Gründer und Investor Lukasz Gadokwsi die Initiative. Auch Investor Stefan Glänzer befürwortet die Aktion. Dass die Initiative schon an Schulen ansetzt, trifft auf Zustimmung: “Gründergeist und Unternehmertum können gar nicht früh genug gefördert werden”, meint Unternehmerin Julia Derndinger von der Entrepreneurs’ Organization.

Unabhängig davon müsse die Regierung aber noch viele Hausaufgaben machen, um das Land gründungsfreundlicher zu machen, fordert Andreas Lutz, der Selbständige und Gründer berät. Er fordert den Abbau von Bürokratie und will, dass die Regierung Startups bei neuen Gesetzen generell besser berücksichtigt.

Auch die anderen Befragten haben eine Menge Vorschläge, was sich ändern sollte: So sollten etwa technische und wirtschaftliche Studiengänge enger verzahnt werden, fordert etwa Lukasz Gadokwsi. Stefan Glänzer und Julia Derndinger glauben, dass sich vor allem Mentalität und Kultur in Deutschland ändern müssten – dafür brauche es mehr Vorbilder und Rollenmodelle.

Umstritten ist der Vorschlag von Achim Berg, dem Chef von Microsoft Deutschland. Berg hat jüngst gefordert, junge Technologieunternehmen zehn Jahre lang von Steuern und Sozialabgaben zu befreien. Während Oliver Beste, Investor bei FoundersLink, darin eine “Investition in Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit und Zukunft” sieht, fürchtet Julia Derndinger eine einseitige Bevorzugung von Technologie-Startups. Auch Lukasz Gadowski ist skeptisch: Dem bekannten Investor wäre es lieber, wenn sich Risikoinvestments von der Steuer absetzen ließen.

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Hier die Antworten der Befragten im Einzelnen:

Was brauchen wir?

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Eine neue Mentalität, fordert Stefan Glänzer

Glänzer ist Serien-Unternehmer: Er gründete das Online-Auktionshaus Ricardo und hat später in die Musikplattform LastFM mit aufgebaut. Heute investiert er in Startups und berät Gründer.

Die Zahl der Gründer in Deutschland stagniert, die der High-Tech-Gründer sinkt immer weiter, wie eine aktuelle Studie des ZEW zeigt. Was muss sich ändern, damit Gründen hierzulande attraktiver wird?

  • Stefan Glänzer, Investor:
    “Die Mentalität aller Beteiligten: Gründer, Investoren und die potentiellen Käufer in späteren Phasen, also etablierte Firmen aus Media, Telekommunikation und Handel.”
  • Lukasz Gadowski, Team Europe Ventures:
    “Mehr Verzahnung von wirtschaftlichen und technischen Studiengängen. Bessere steuerliche Bedingungen für Risikokapital, insbesondere für Privatpersonen.”
  • Julia Derndinger, Entrpreneurs Organization’:
    “Ich glaube es ist in vielen gesellschaftlichen Schichten immer noch nicht ‘schick’, Unternehmer zu sein. Unsere Einstellungen zu Selbständigkeit und Unternehmertum müssen sich ändern, dafür brauchen wir Vorbilder und Rollenmodelle. Aber auch eine Kultur des Scheiterns, in der es in Ordnung ist zu scheitern und wieder neu anzufangen.”
  • Oliver Beste, Founderslink:
    “Erforderlich ist eine Kulturveränderung, daher sind Initiativen genau richtig, wenn sie dort ansetzen.”
  • Andreas Lutz, gruendungszuschuss.de:
    “Wer das Gründen attraktiver machen möchte, sollte die vielen bürokratische Hindernisse in Angriff nehmen, das komplizierte Steuersystem, das verkrustete Arbeitsrecht, den fehlenden Markt insbesondere für Kleinkredite.”
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Gründerland Deutschland?

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Wie brauchen mehr Macher, findet Julia Derndinger

Julia Derndinger ist Unternehmerin und Präsidentin der Entrepreneurs’ Organisation in Berlin. Sie koordiniert das Accelerator Program der Organisation, das Gründern hilft, ihre Firmen erfolgreicher zu machen.

Wie bewerten Sie die Initiative „Gründerland Deutschland“, mit der Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle für mehr Unternehmertum sorgen will?

  • Lukasz Gadowski:
    “Prinzipiell sehr gut – auf den ersten Blick wirkt es aber ein wenig PR-lastig. Aufrufe und Bewustsein schärfen ist sicher flankierend wichtig, im Kern machen aber konkrete Programme den Unterschied.”
  • Julia Derndinger:
    “Gründergeist und Unternehmertum können gar nicht früh genug gefördert werden. Unternehmerisch sein, heißt Macher sein, und das können wir in unserer Gesellschaft in allen Situationen gebrauchen, egal ob als Angestellter, Unternehmer, im Ehrenamt oder auch in der Familie.”
  • Stefan Glänzer:
    “Alles ist gut, was hilft, das enorme Innovationspotential junger deutscher Gründer zu aktivieren.”
  • Oliver Beste:
    “Gründen muss schon an Schulen als wertvoller sozialer Beitrag zur Gesellschaft dargestellt werden. Dazu gehören Erfolgsgeschichten wie von Fussballstars, Schauspielern und Sängern.”
  • Andreas Lutz:
    “Ich freue mich über jede Initiative, gerade wenn sie schon früh ansetzt, um eine Kultur der Selbständigkeit und Eigeninitiative zu fördern. Darüber darf die Regierung aber nicht die eigentlichen Hausaufgaben vergessen, siehe oben.”
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Business-Angels-Jahr 2010?

Das Business Netzwerk Deutschland (BAND) hat mit Unterstützung Brüderles die Offensive „Business-Angels-Jahr 2010“ ausgerufen, um „mehr Menschen für die Business-Angels-Idee zu begeistern“. Was erwarten sie von der Aktion?

  • Julia Derndinger:
    “Viele Menschen wissen gar nicht, was ein Business Angel ist und lachen über den Begriff. Aufklärung ist sicher gut, aber noch wichtiger wäre, transparent zu machen, welcher Business Angel seine Schützlinge wirklich unterstützt und nicht nur Geld gibt.”
  • Stefan Glänzer:
    “Siehe oben. Leider gilt in beiden Fällen dass häufig mehr gerufen als agiert wird. Aber ich bin ja Optimist. “
  • Oliver Beste:
    “Angels ersetzen Banken und sind ein wichtiger Teil der Gründungsinfrastruktur, die in Deutschland weit schwächer ist als in den USA, Israel und Großbritannien.”
  • Andreas Lutz:
    “Für High-Tech-Gründungen könnte das hilfreich sein, gemessen wird die Regierung aber daran, was sie für die große Masse der Gründer und Selbstständigen bewegen kann.”
  • Lukasz Gadowski:
    “Ich weiss nicht, was konkret geplant ist, deswegen erwarte ich nichts.”
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Steuerbefreiung für High-Tech-Startups?

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“Keine gute Idee”, meint Lukasz Gadowski

Gadowski gründete 2002 das Unternehmen Spreadshirt, ist seit 2007 als Business Angel aktiv und hat Team Europe Ventures aufgebaut, das sich an Internet-Startups beteiligt.

Achim Berg, der Chef von Microsoft Deutschland, hat jüngst gefordert, junge Technologieunternehmen zehn Jahre lang von Steuern und Sozialabgaben zu befreien. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

  • Julia Derndinger:
    “Alles, was Bürokratie abbaut, ist willkommen. Ob eine solch einseitige Bevorzugung von Unternehmern gerecht ist, mag ich bezweifeln. Warum nur Technologieunternehmen?”
  • Stefan Glänzer:
    “Auch der Staat muss dazu beitragen, junge, wachstumsstarke und Arbeitsplätze schaffende Branchen zu unterstützen. Welches konkrete Instrumentarium eingesetzt wird, gilt es zu diskutieren. Das Wichtigste ist, dass wir ein Klima für Innovation schaffen, das global erfolgreiche Firmen im Bereich digitale Medien schafft. Ansonsten geben wir die Zukunft aus unseren Händen.”
  • Oliver Beste:
    “Jede Entlastung von Bürokratie und Kosten fördert Gründer. Gezielte Förderung von Technologieunternehmen ist eine Investition in Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit und Zukunft.”
  • Andreas Lutz:
    “Dann wird es sicher viel mehr Technologieunternehmen geben, wenn auch nur aus steuerlichen Gründen. Ich halte den Vorschlag für nicht praktikabel. Lieber das Steuersystem vereinfachen und Bürokratie abbauen als dem vorhandenen Flickenteppich an Förderungen noch eine weitere hinzufügen.”
  • Lukasz Gadowski:
    “Hört sich für mich nach keinem guten Vorschlag an, da er bürokratielastig etc., scheint. Lieber ein Modell á la Frankreich, bei welchem Privatpersonen Risikoinvestments von der Steuer absetzen können.”


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Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 33, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

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Alle Kommentare [7]

  1. Warum so wenig gegründet wird? Ganz einfach: Weil das gründen von Firmen in sehr vielen Unis einfach keine Rolle spielt. Weder Tips und Hinweise für kleine Unternehmen, noch wirkliche Unterstützung bei der Ideenkonkretisierung und dem Finden von Investoren – aber das wichtigste, den Studenten wird einfach kein Mut gemacht, einfach mal was eigenes zu wagen.

  2. Die Lust am Gründen muss nicht wirklich erst geweckt werden. Die ist sogar vielfach vorhanden. Das eigentliche Problem ist, dass sehr viele Gründer mit wirklich guten Ideen am Kapital scheitern: Die Banken bleiben auf ihren Geldern sitzen. Da können die Banken vor Ort noch so angetan sein vom Business-Plan und vom willigen Gründer. Die Zentralen, die die letztendlich über Start oder Stopp entscheiden, sagen nein.

    Was nützt ein solches Projekt, wenn Gründer mit einem kleinen Kredit von ca. 50 000,- € starten wollen, aber keine Chance auf einen Kredit haben? Bei einer solchen Summe lohnt es sich für die Bank der Aufwand nicht. Es gibt staatliche Fördermittel? Schön. Doch dazu braucht es die Banken.

    Ich weiß wovon ich rede. Ich selber versuche schon seit einem dreiviertel Jahr an eine Kreditsumme von 50 000,- € ranzukommen. Laut Banken vor Ort ist der Business-Plan sehr umfassend, und doch nicht erschlagend. Und auch die Zahlen sind sehr realistisch eingeschätzt. Von der Idee her: Sie ist nicht im technischen Bereich, und trotzdem schlägt sie in die Kerbe von Nische und Trend.

  3. Hallo Herr Tönnesmann,

    wenn Sie das StartupWiki.org verlinken könnten, würde ich mich ggf. geschmeichelt fühlen ;-)

    Auch wenn es Arbeit ist. Bei dem Wiki tragen sich viele Gründungswillige Firmen ein – aber das Wiki bildet die Realität gut ab.

    Es fehlt an einer Community, die diese Eintragungen weiterbetreut, unterstützt und mit Geld versorgt. Am Ende muss man also doch wieder jeder alleine los ziehen. Das könnte man besser machen.

    Dafür bräuchte ich aber einen Partner aus der Ventureszene – ich bin selber Startup und muss meine eigene Kernkompetenz vermarkten – kein oder noch kein Gründer der Nachwuchs nachziehen kann – wie das in Amerika der Fall ist.

    Die Infrastruktur in Deutschland und vorallem die mentale Unterstützung durch alle Formen von Bedenkenträgern ist eher Belastung als Hilfe. Ob Banken oder Privatleute die Risikoaversion ist erschreckend. Ein Kollege von mir hat sieben Banken für einen Kleinkredit abgeklappert um seine Altagskosten zu bezahlen. Der Gründer in Deutschland kriecht finanziell knapp über der Bordsteinkante.

    Eine Steuerentlastung in den ersten Jahren bringt nicht viel, wenn sie in den ersten Drei Investmentjahren verhungert sind. Eine Offerte in der Zeit aus den USA und sie stehen schnurstracks beim US-Konsulat an. Vorallem wenn die ersten Freunde schon in Palo Altositzen und nur mal über die Strasse zu Google oder Facebook müssen.

    Bei uns läuft es hervorragend, aber nach zwei Jahren K(r)ampf und wenn sie sehen was in den USA beim Thema Web 2.0 abgeht – bekommen sie schon langsam eine “Ihr könnt mich echt bald am A…” Einstellung.

    Deutschland steht (sehr weit) nach den USA aber blendent da. Da muss mehr gehen, wenn man will.

    Viele Grüsse
    M. Bregulla

  4. Warum gründen, wenn man dadurch nicht wohlhabend werden kann? Allen idealistischen Betrachtungen zutrotz,”es zu was bringen” ist der eigentliche Sinn einer Unternehmensgründung. Andernfalls empfiehlt es sich, der Katholischen Kirche beizutreten. Ergo: das Steuerrecht und die gründerfeindliche Bürokratie gehören abgeschafft, ebenso wie die einseitige Unterstützung von Großkonzernen. Vielelleicht dann rührt sich etwas im Staate Deutschland.

  5. Die positive Fixierung der Politik auf Technologie Startups, zeigt die oberflächliche Einseitigkeit deutscher Politik. Ich frage deshalb ernsthaft, wo bleibt die positive Fixierung der Politik auf etablierte Kleinunternehmen, die tagtäglich seit Jahren ums nackte Überleben kämpfen. Man hat den Eindruck mit dieser Rosinenpickerei von Seiten der Politik ist es nicht weit her, denn über die vielen “gescheiterten” Startups mit menschlichen Tragödien und einer jahrzehntelangen, persönlichen Verschuldung mit einem Leben am Existenzminimum spricht in Deutschland kein Mensch. Als traurige Wahrheit dient die Dunkelziffer von 300.000 versicherungslosen, ehemaligen Selbständigen die in diesem Lande zwischen GKV und PKV hin und her geschubst werden – natürlich sind das alles, wie so oft die großen Außnahmen in diesem Staat.

  6. Ein NICHTHAFTER Namens Brüderle gibt den Startschuß für die Initiative “Gründerland Deutschland”, dies zeigt doch schon wie Unternehmerfremd dieses Land geworden ist. In den Aufbaujahren nach dem 2. Weltkrieg wurden Unternehmer angehimmelt, danach wurden sie ideologisch als asoziale Kapitalisten bezeichnet und seit Jahren plündert der Staat sie aus. Wer sich heute als vollhaftender Unternehmer outet, wird in einer Gesellschaft der risikoscheuen, angestellten Nichthafter müde belächelt und als unmodern diffamiert – nein, dieses Land hat keine “echten” Unternehmer mehr verdient, zu oft schon wurden diese innovativen, fleißigen Menschen politisch mißbraucht.

  7. “Wir brauchen mehr Macher, findet Julia Derndinger.
    Julia Derndinger ist Unternehmerin und Präsidentin der Entrepreneurs’ Organisation in Berlin.”

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    Eine seltsame Organisation, die Menschen die älter als 50 Jahre sind und weniger als 1 Mio. Dollar-Umsatz/Jahr machen AUSGRENZT – ein Skandal!