“Viele Hochschulen unterschätzen das Thema Gründung”

Marco Winzer

Marco Winzer arbeitet als Investment Director für den High-Tech Gründerfonds (HTGF) und verhandelt mit und betreut Unternehmen. Zuvor arbeitete der gelernte Volkswirt als Gründerberater und betreute später Beteiligungen. Foto: HTGF

Herr Winzer, die Projekte, die der High-Tech-Gründerfonds finanziert, ballen sich meist an bestimmten Orten – etwa rund um München, Berlin, Dresden oder Aachen. Wie kommt es zu dieser Verteilung?

Cluster und innovative Milieus bilden sich oft dort, wo es Hochschulen mit einem technologischen Schwerpunkt und damit Netzwerke mit dem nötigen Know-How gibt. Das sollte man als Gründer bedenken – und eventuell auch seinen Standort danach auswählen. Denn diese lernenden Netzwerke produzieren immer wieder neues Wissen und neue Technologien; sie reproduzieren sich selber. Außerdem hängt die Verteilung eng damit zusammen, wo sich gründungsaktive Hochschulen finden.

Was zeichnet die aus?

Ob eine Hochschule gründungsaktiv ist, hängt vor allem von den Personen ab: Haben Professoren Lust auf das Thema Gründung – oder sind es Theoretiker? Haben sie Beziehungen zur Industrie oder bleiben sie lieber zu den Unternehmen auf Distanz? Bieten sie Exkursionen zu Mittelständlern an, damit die Studierenden dort Unternehmergeist schnüffeln? Davon hängt ungemein viel ab. Jede Uni hat inzwischen einen Beauftragen für Technologietransfer – und von seinem Engagement hängt es stark ab, ob es zu Spin-Off-Aktivitäten von Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitern kommt. Leider unterschätzen viele Hochschulen das Thema Gründung immer noch.

Haben Sie Beispiele für besonders gründungsaktive Hochschulen und Cluster?

Was uns sehr überrascht sind die Unis in Sachsen, die wirklich viele Gründungen anstoßen. In Dresen etwa gibt es viele Startups im Bereich der Halbleiterindustrie, in Leipzig viele Life-Science-Unternehmen. In Aachen wiederum gibt es viele Gründer aus dem Bereich Maschinenbau, rund um München viel Biotechnologie. Und in Berlin überdurchschnittlich viele Internet-Gründer. Meist sind in all diesen Orten sehr engagierte Professoren am Werk, die das Thema Gründung Naturwissenschaftlern oder Medizinern näher bringen, die sich damit sonst vermutlich nicht beschäftigen würden.

Der HTGF beschäftigt knapp 30 Leute und sitzt in Bonn. Reicht das überhaupt, um deutschlandweit alle aussichtsreichen Technologie-Startups zu entdecken?

Wir haben ein sehr aktives Netzwerk in den einzelnen Regionen, die uns Startups empfehlen und auch die spätere Betreuung vor Ort übernehmen, aufgebaut. Das sind sogenannte Coaches, Side-Investoren, die mit uns zusammen investieren und weitere Gründerinitiativen (ein Überblick bietet unsere Hompage www.htgf.de). Gründer, die über das Netzwerk kommen, haben dann bei uns meist bessere Chancen als jene, die sich ganz normal bei uns bewerben – einfach, weil die Partner natürlich eine Vorauswahl treffen.

Wie sieht Ihre Bilanz seit der Gründung des HTGF zahlenmäßig aus?

Wir haben seit 2005 rund 1950 Businesspläne bekommen. 189 Gründer haben nach Prüfung von uns eine Finanzierungszusage erhalten, dennoch ist es etwa bei 10 Prozent der Finanzierungszusagen nicht zu einer Beteiligung durch den HTGF gekommen.

Was sind die Hauptgründe dafür, dass Projekte scheitern?

Es kommt gelegentlich vor, dass Gründer kalte Füße bekommen, und sich doch noch für eine Festanstellung entscheiden oder sich das Gründer-Team zerstreitet und auseinanderfällt. Und in zwei, drei Fällen haben uns die Gründer auch falsche Angaben gemacht, etwa Insolvenzen verschwiegen oder Patente vorgetäuscht, was in dem eigentlichen Prüfprozess, der Due Diligence, nicht heraus kam. Aber da konnten wir natürlich nicht investieren.

Herr Winzer, vielen Dank für das Gespräch.

Wiwo-Gruendermap

Wo der High-Tech-Gründerfonds investiert hat

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Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 33, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

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