» 07.06.2012, 23:25

, , , , ,

Die gewagten EM-Prognosen

Wissenschaftler prognostizieren die EM mit verschiedenen Methoden und lagen in der Vergangenheit oft gut. Pech für Deutschland: Nur die fragwürdigeren Methoden sagen einen Titel für die Elf voraus – trotzdem sprechen drei Gründe für das DFB-Team.

Im Prinzip ist schon alles klar: Im Finale werden die Deutschen durch einen Treffer von Robin van Persie, der den Ball in der 24. Spielminute von der Strafraumgrenze mit links in die Maschen hämmert, zunächst zurückliegen. Der Holländer sichert sich mit seinem fünften Turniertor auch die Auszeichnung als bester Torschütze. Doch Mesut Özil gleicht nur zwölf Minuten später aus, Mario Gómez sorgt dann für die Entscheidung und den EM-Titel der Deutschen.

Was nach einer besonders blühenden Fanfantasie klingt, ist eine von vielen Prognosen – zugegeben eine besonders gewagte. Der Computerspielriese EA SPORTS hat  mit seinem EM-Spiel eine Turniersimulation durchgeführt. Daher kann die Firma nicht nur den Europameister prognostizieren, sondern auch wann und wie die Tore fallen. Diese Vorhersagen werden sicher nicht so eintreffen, doch beim Gesamtergebnis könnte die Daddel-Methode sogar funktionieren. Immerhin hat EA auf die gleiche Weise bei der WM 2010 in Südafrika Spanien richtigerweise als Weltmeister prognostiziert. Schließlich liegen den virtuellen Spielern möglichst realistische Spielstärken zugrunde.

Sehr viel wahrscheinlicher ist die Zocker-Methode, schließlich beschäftigt sich niemand so intensiv mit der Analyse der Siegchancen wie die professionellen Buchmacher. Ein Kollege orientiert sich daher bei Tippspielen an den Quoten der Wettbüros und fährt damit oft verdammt gut. Die Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim hat die Wettquoten von zwanzig international tätigen Sportwettanbietern untersucht:

“Das Ergebnis der Prognose besagt, dass der amtierende Fußballweltmeister und Titelverteidiger Spanien mit 24,1% die höchste Gewinnwahrscheinlichkeit hat 2012 erneut Fußballeuropameister zu werden. Deutschland liegt mit 22,5% nur knapp dahinter. An dritter Stelle folgen die Niederlande mit 11,5% vor Frankreich mit 7,9% und England mit 7,2%.”

Allerdings zeigen sich bei den Wettprofis interessante Unterschiede: Einige Wettanbieter bewerten die Gewinnchance des eigenen Landes teilweise zu hoch. Dieser so genannte “home-bias” fällt vor allem am Beispiel Italien auf. “Während dieses
Land bei allen Anbietern eine Gewinnwahrscheinlichkeit von durchschnittlich 6,3% erhält, wird die Gewinnchance unter bwin.it mit 10,1% von allen Anbietern am höchsten gehandelt. Dasselbe gilt im geringeren Maß auch für Frankreich”, schreibt der Hohenheimer Glücksspielforscher Dietmar Barth.

Übrigens hatten die Hohenheimer auch bei der WM 2010 mit ihrer Quotenanalyse den späteren Weltmeister Spanien richtig vorhergesagt.

Das gilt auch auch für die Marktwert-Methode, mit der der Soziologieprofessor Jürgen Gerhards von der Freien Universität Berlin und der Gert G. Wagner vom DIW  bereits den Ausgang der letzten zwei Fußballwelt- und der letzten Europameisterschaft richtig prognostiziert haben. Auch bei der EM-Qualifikation gewannen fast durchgängig die Mannschaften mit den teuersten Spielern. Lediglich in zwei Gruppen haben sich die Mannschaft mit dem höchsten Marktwert nicht durchgesetzt – in der Gruppe F und in der Gruppe H. Dort hatten sich jedoch die gemäß Marktwert zweitteuersten Mannschaften den Gruppensieg gesichert: Griechenland zog an Kroatien vorbei, Dänemark an Portugal.

Die Rangliste der Marktwerte ist auch für die EM ziemlich eindeutig:

Spanien 658.000.000 €
Deutschland 459.000.000 €
England 392.250.000 €
Frankreich 340.000.000 €
Italien 296.100.000 €
Niederlande  277.000.000 €

Zusätzlich haben die Forscher den Faktor Homogenität ergänzt, also berücksichtigt wie stark der Ausfall einzelner, besonders wertvoller Spieler den Gesamtwert beeinflusst. Allerdings sind hier Spanien und Deutschland relativ ähnlich.

Die Wissenschaftler weisen aber auch darauf hin, dass der Zufall eine weit stärkere Rolle spielt, als bei Meisterschaften und anderen Sportarten. Zudem scheint an dem beliebten Spruch “Es gibt keine kleinen Mannschaften mehr” durchaus etwas dran zu sein: “Betrachtet man die Ergebnisse der letzten drei großen internationalen Fußballturniere (WM 2006 und 2010, EM 2008) so zeigt sich, dass der Zufall an Bedeutung gewonnen hat und zwar nicht im Hinblick auf den Turniersieger, aber im Hinblick auf die weiteren Platzierungen”, schreiben die Wissenschaftler.

So weisen sie auch darauf hin, dass durch eine gute oder schlechte Tagesform ein Sieg der Deutschen im Finale genauso wenig überraschend wäre, wie ein Ausscheiden in der Vorrunde.

Es kommt also auch auf den Zufall an, das ist eine wenig überraschende Erkenntnis. Erstaunlich ist hingegen, dass Mitarbeiter der Deutschen Sporthochschule in Köln und der International School of Management in Frankfurt am Main den Faktor Glück gleich mit in ihre Prognose eingerechnet haben. In einem zweistufigen Modell wurde der mögliche EM-Verlauf prognostiziert. Berücksichtigt wurden dabei verschiedene Messgrößen, darunter der Marktwert der Mannschaften, Wettquoten und zusätzliche Sondereffekte wie Zufallsfaktoren oder Gastgeberbonus.

Nach dieser Glücks-Kombi-Methode fliegt die Niederlande schon in der Vorrunde und Polen kommt bis ins Halbfinale.

“Von den insgesamt 24 Partien der EM-Vorrunde gibt es nur 7, bei denen es haushohe Favoriten gibt und 17 Spiele, in denen die Spielstärke der beteiligten Mannschaften weniger stark auseinanderdriftet. Von diesen 17 Spielen nehmen wir bei 7 Spielen an, dass Tagesform und Glück den Ausschlag für das nicht-favorisierte Team geben werden. Darunter sind drei Schlüsselspiele: Polen gegen Russland (Sieg für Polen), Portugal gegen Niederlande (Sieg für Portugal) und Frankreich gegen England (Sieg für Frankreich). Eine weitere Überraschung wird es bei England gegen die Ukraine geben (nur ein Unentschieden), jedoch zieht England aufgrund des besseren Torverhältnisses in das Viertelfinale ein.”

Wie die Experten der Deutschen Sporthochschule in Köln und der International School of Management zu diesen Ergebnissen kommen und wie genau sie Tagesform und den Faktor Glück berechnen wird leider nicht klar. Dabei ist dies das zentrale Element ihrer Prognose:

“Im Finale schlägt dann noch mal der Faktor Zufall zu: Deutschland gewinnt gegen den Favoriten Spanien. Dagegen spricht eigentlich nur, dass Deutschland bereits gegen die nur gering schwächer eingeschätzten Gegner Portugal, Niederlande und Frankreich jeweils das Glück hatte, dass der Zufall nicht in die Hände des jeweiligen Gegners spielte. Aber dieses Glück soll man ja bekanntlich auch erzwingen können.” Genau wie die Richtigkeit vermeintlich wissenschaftlich untermauerter Prognosen.

Interessant ist sicher auch ein Projekt des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik der Technischen Universität Dortmund. Sie erstellen während der EM Prognosen mit verschiedenen Methoden des maschinellen Lernens durch die “Prognose-Eule Peule” und vergleichen sie mit Tipps von Studierenden der TU Dortmund (“Wisdom of the Crowd”). Ziel des Projektes ist ein Vergleich der Methoden im Hinblick auf die Prognosegenauigkeit.

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Prognosen, die ich hier nur kurz vorstellen möchte:

  1. Der Business-Discovery-Spezialist QlikTech nutzt statistische Daten von Infostrada Sport und sieht damit ebenfalls die größte Siegchance für Spanien (26,4 Prozent) vor Deutschland (16,4%) und den Niederlande (14,5 %).
  2. Die niederländische Bank ABN Amro berücksichtigtvor allem vergangene Spielergebnisse, Dank der aktuell besseren Form sieht sie Deutschland als Favorit vor Spanien.
  3. Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) prognostiziert ebenfalls auf der Basis von Wettquoten, kombiniert mit Marktwert und Homogenität. Dabei liegen Spanien und Deutschland gleichauf.
  4. Wissenschafter der Universität Innsbruck sagen auf der Basis von Wettquoten einen Finalsieg von Spanien gegen Deutschland voraus.
  5. Die DekaBank stützt ihre Prognose auf die Elo-Ratings, einem recht komplexen Ranglistensystem. Auch dabei ist Spanien vorn, Deutschland hinter den Niederlanden nur Dritter.

Die meisten Prognosen sehen also die Spanier vorn. Doch die Ökonomen der DekaBank haben drei Dinge gefunden, die trotzdem für einen deutschen Titel sprechen:

  1. Noch nie ist es einer Mannschaft bei der EM gelungen, den Titel zu verteidigen.
  2. Bei den sechs Finalteilnahmen der Deutschen wechselten sich immer Sieg und Niederlage ab. Sollte es das DFB-Team also wieder ins Endspiel schaffen, ist nach der Pleite gegen Spanien 2008 also der Ausgang statistisch klar.
  3. Den letzten EM-Titel gewann die deutsche Mannschaft 1996. Und direkt vor diesem Turnier schaffte es Borussia Dortmund, den Meistertitel zu verteidigen. Genau wie 2012.

 

» 07.06.2012, 23:25

    Ein Kommentar zu “Die gewagten EM-Prognosen”


  1. Stefan sagt:

    Sehr interessante Analyse, fasst man die Leistung der bisherigen Mannschaft zusammen, begegnen sich die Kontrahenten Spanien und Deutschland im Finale der EM 2012. Diesmal hoffentlich mit Sieg für Deutschland. Sollten Theorie und Praxis einmal mehr übereinstimmen?

Kommentar abgeben