EY will Digitalberatung Etventure kaufen

EY will Unternehmen bei der Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle begleiten und plant deshalb einen Star der Berliner Digitalberaterszene zu übernehmen: Etventure.

EY hat Nachholbedarf: Noch fehlt der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft ein wirklich zugkräftiges Aushängeschild für ihre Consultingsparte. Im April 2017 kursierten Gerüchte, die Big-Four-Gesellschaft wolle die Strategieberatung OC&C übernehmen, die allerdings nie von EY offiziell bestätigt wurden. Jetzt steht ein anderer Deal im Raum, mit dem EY sich in puncto Digitalberatungskompetenz innerhalb der Riege der Big-Four-Gesellschaften auf einen Schlag vom Schlusslicht zum Trendsetter verwandeln könnte.

Philipp Depiereux, Gründer und Geschäftsführer der Digitalberatung Etventure

Philipp Depiereux, Gründer und Geschäftsführer der Digitalberatung Etventure

Deutschlands drittgrößte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft plant die Berliner Digitalberatung Etventure zu übernehmen. Noch ist der Kaufprozess nicht abgeschlossen, doch EY hat öffentlich mehrfach bestätigt, dass es eine verbindliche Absichtserklärung für den Deal gibt.

Etventure rät Firmen zunächst zu eigenständigen Digitaleinheiten

2010 gegründet, zählt die Digitalberatung Etventure heute 250 Mitarbeiter und hat sich darauf spezialisiert, als Brückenbauer zwischen Old und New Economy zu wirken und Unternehmen bei der digitalen Transformation und der Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle zu unterstützen. Dabei verfolgen die Etventure-Berater einen speziellen Ansatz: Damit neue Geschäftsideen nicht gleich in der Mühle der Konzernorganisation zerrieben werden, rät die Digitalberatung Unternehmen zum Aufbau einer eigenständigen Digitaleinheit.

Digitalprojekte dauern nicht länger als drei bis sechs Monate

Im geschützten Raum entwickelt ein Team aus Etventure-Spezialisten und unternehmenseigenen Mitarbeitern binnen drei bis sechs Monaten neue Geschäftsideen und treibt deren schnelle Umsetzung im Sinne eines minimal überlebensfähigen Produkts voran. Am Anfang steht die Analyse der konkreten Bedürfnisse – häufig durch Vor-Ort-Besuche bei Kunden der Etventure-Auftraggeber.

Den Kunden genau zuhören, um ihre wahren Wünsche kennenzulernen

Mithilfe der Innovationsmethode Design Thinking arbeitete Etventure beispielsweise im Auftrag von Putzmeister, einem Hersteller von Betonpumpen, in Gesprächen auf der Baustelle heraus, dass vor allem kleine Handwerksbetriebe Pumpen nur punktuell benötigen. Auf der Basis dieser Erkenntnis wurde anschließend eine Online-Plattform entwickelt, die die flexible Vermietung von Estrichpumpen ermöglicht.

Zu den ersten Kunden von Etventure zählten der Stahlhändler Klöckner, der Großanlagenbauer SMS Group und die WüstenrotWürttembergische Versicherungen. 150 Projekte hat Etventure auf diese Weise bereits durchgeführt und setzte damit 2016 rund 20 Millionen Euro an zehn Standorten weltweit um. Doch mit dieser Größe ist das Beratungsunternehmen zu klein, um große, internationale Kunden zu bedienen. Der Zusammenschluss mit dem weltweit tätigen Prüfungs- und Beratungshaus EY macht daher auch für Etventure Sinn.

Zusätzlich zum Beratungsgeschäft betreibt Etventure auch noch eine eigene Startup-Plattform, den Etventure Startup-Hub. Über diesen hält das Haus 15 Beteiligungen an zum Teil selbst gegründeten Startup-Firmen. Zu den bekanntesten Eigengewächsen zählt das Jobportal mobilejob für den gewerblichen Arbeitsmarkt sowie der crowdbasierte „Shopper-Insights-Intelligence-Anbieter“ POSpulse.

Klassische Mittelständler treffen auf Startup-Welt

Über den Startup Hub möchte Etventure aber auch vor allem große Mittelständler mit der Startup-Welt in Kontakt bringen, ihnen Zugang zu neuen Technologien verschaffen und ihnen zeigen, wie sich durch Startup-Methoden schnell neue Geschäftsmodelle und Produktlinien entwickeln lassen. Der Zusammenschluss mit EY könnte auch hier belebend wirken, hat doch EY Zugang zu genau den finanzkräftigen Unternehmen, die sich für Startups interessieren könnten.

Im Zusammenhang mit dem Startup Hub sagte Philipp Depiereux, Gründer und Geschäftsführer von Etventure, einst: „Wenn Unternehmen und Startups zusammenarbeiten, prallen Welten aufeinander. Das fehlende Verständnis für die jeweils andere Seite stellt ein großes Hemmnis dar und kann Kooperationen mitunter schon im Keim ersticken“.

Das könnte jetzt durchaus auch für die neuen höchst ungleichen Partner EY und Etventure selber gelten. Ihre Unternehmenskulturen liegen weit auseinander. Nun kommt es darauf an, wie bewusst sich die Partner von EY tatsächlich sind, dass die Digitalisierung allen abringt, genauer zuzuhören, dazuzulernen und sich zu verändern – auch wenn das eigene Unternehmen nach Maßstäben der alten Welt ein mächtiger Gigant ist.

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