Sind die Big Four für einen Schwarzen Schwan gewappnet?

Als Arthur Andersen 2002 kollabierte, war das ein Black-Swan-Ereignis, das auch heute noch Wirtschaftsprüfern Kopf und Kragen kosten könnte.

Auf den ersten Blick geht es den Big Four der Wirtschaftsprüferszene so gut wie nie zuvor. In ihrem angestammten Markt – dem Prüfgeschäft – ist zwar kaum noch ein Blumentopf zu holen. Dafür wachsen und gedeihen ihre Consultingsparten.

Branchenprimus PwC setzte mit Managementberatung zuletzt 662 Millionen Euro um, KPMG 568 Millionen Euro, Deloitte 314 Millionen Euro und EY immerhin noch 279 Millionen Euro. Damit liegen die Big Four – zumindest was ihre Beratungsumsätze angeht – schon fast auf Augenhöhe mit den großen amerikanischen Strategieberatern. Laut Handelsblatt wird der Umsatz von McKinsey in Deutschland mittlerweile auf deutlich über 800 Millionen Euro taxiert. The Boston Consulting Group soll Brancheninsidern zufolge 2015 hierzulande rund 620 Millionen Euro Umsatz gemacht haben.

Fazit: Die Wirtschaftsprüfer verwandeln sich nicht nur immer mehr zu ernst zu nehmenden Konkurrenten für die traditionellen Managementberatungshäuser, auch ihre eigenen Organisationen erleben derzeit einen Identitätswandel. Denn durch die enormen Umsatzzuwächse im Beratungsgeschäft, verschiebt sich peu á peu auch das Machtgefüge innerhalb der Prüfungshäuser.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: 2014 lag der Anteil des Consultinggeschäfts am Gesamtumsatz bei den Big Four im Schnitt bei 25 Prozent. Mittlerweile ist er auf 30 Prozent gestiegen. Zumal die Entwicklung, was den Anteil der Prüfungsumsätze am Gesamtgeschäft der Big Four angeht, genau umgekehrt verlief: Hier sank der Anteil im selben Zeitraum um fünf Punkte auf mittlerweile nur noch 35 Prozent.

Offen ist die Frage, ob PwC, KPMG, EY und Deloitte durch ihre seit der Finanzkrise gestiegene Marktdominanz sowie ihre zusätzlichen Umsätze im Non-Audit-Bereich an Überlebensfähigkeit hinzugewonnen haben. Für Jim Peterson, Autor des Buches „Count Down: The Past, Present and Uncertain Future of the Big Accounting Firms“ (Emerald Publishing), steht fest: So laut die Kassen bei den großen WP-Gesellschaften derzeit auch klingeln mögen, ihr Geschäftsmodell ist nach wie vor erheblichen Bedrohungen ausgesetzt.

Immer noch herrsche eine weit verbreitete Unzufriedenheit in der Wirtschaft, was das Kernprodukt der Wirtschaftsprüfer – den Prüfungsbericht – angeht, betont Peterson. Auch die nach der Finanzkrise viel zitierte Erwartungslücke zwischen dem, was die Abschlussprüfer zu leisten vermögen, nämlich zu prüfen, ob ein Unternehmen die Regularien eingehalten hat und dem was Anleger und Öffentlichkeit eigentlich von ihnen erwarten, sprich vor Börsencrashs und anderen Debakeln wirksam geschützt zu werden, bestehe immer noch, warnt der Ex-Arthur-Andersen-Jurist.

Vor allem aber bezweifelt Peterson, dass die Big Four heute besser auf sogenannte Black-Swan-Ereignisse wie milliardenschwere Anlegerklagen oder Strafmaßnahmen der Auffsichtsbehörden vorbereitet sind.

Als ein US-Journalist ihn fragte, ob ein zweites Arthur Andersen-Debakel denkbar wäre, antwortete Peterson: „Ich kann nicht genau sagen, dass es wieder passiert, es kann aber auch niemand sagen, dass es nicht passieren wird. Die großen Prüfungsfirmen stehen heute solchen Schock-Ereignissen genauso anfällig und zerbrechlich gegenüber wie einst Andersen.“

Ein Grund für ihre Anfälligkeit sei – so Peterson – die Tatsache, dass es sich um private Partnerschaften handelt, die schlicht und einfach nicht über die Kapitaldecke verfügen, milliardenschwere Klagen mal eben aus der Portokasse zu bezahlen.

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