Der Fluch der guten Tat

Eigentlich ist gute Zahlungsmoral ja eine positiv besetzte Eigenschaft. In der Wirtschaft und im globalisierten Wettbewerb liegen die Dinge allerdings manchmal anders: Da können sich positive Verhaltensweisen wie eine Schwäche und damit negativ auswirken. Deutsche Großunternehmen etwa handeln sich einen Wettbewerbsnachteil gegenüber europäischen Mitbewerbern ein, weil sie eine vergleichsweise gute Zahlungsmoral pflegen. „Sowohl auf der Käufer- als auch auf der Zulieferseite sind die Zahlungsziele mit rund 30 Tagen knapp zehn Tage kürzer als im europäischen Schnitt“, hat Paul Moody ausgerechnet, der Deutschland-Chef von REL Consultancy.

Die Tochtergesellschaft der US-Beratung The Hackett Group hat in einer Studie das Umlaufvermögen von 933 Großunternehmen in Europa analysiert, darunter waren auch 118 deutsche Firmen. Die haben, das ergab Moodys Fleißarbeit, eine längere durchschnittliche Kapitalbindungsdauer und ein geringeres Umlaufvermögen als im europäischen Vergleich. Um Skonti in Anspruch nehmen zu können, würden viele deutsche Unternehmen ihre Rechnungen sogar schon nach 14 Tagen begleichen. „Die Kunden, die ihren Sitz größtenteils außerhalb Deutschlands haben, zahlen aber oft erst nach 60 Tagen“, sagt Moody. Seine Schlussfolgerung: „Das ist ein klarer Wettbewerbsnachteil, weil das im Umlaufvermögen gebundene Kapital den Unternehmen nicht für Investitionen und andere Wachstumsmaßnahmen zur Verfügung steht.“

Womit ein weiterer Beweis dafür erbracht wäre, dass in der freien Wildbahn des globalisierten Kapitalismus eher die Gesetze des Dschungels denn die der Nächstenliebe herrschen

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