Industrie 4.0 – Der gefährliche Tunnelblick der Consultants

Vertreibt Industrie 4.0 endgültig die Menschen aus Fabriken und Büros? Und welche Rolle spielen dabei die Unternehmensberater? Ein Gastbeitrag von Martin Haas, Vorstand der Lean Management-Beratung Staufen AG.

Wer in diesem Frühjahr durch die Hallen der großen Industrie-, Computer- oder Automobilmessen streifte, konnte landauf und landab den Eindruck gewinnen, als hätte die Menschheit im Wettkampf mit der IT längst die weiße Flagge gesetzt. Gewohnt pointiert rief der „Spiegel“ nicht weniger als den „Sieg der Algorithmen“ aus. Die passenden Zahlen lieferten Carl Benedikt Frey und Michael Osborne von der University of Oxford. Die beiden Wissenschaftler hatten die Wahrscheinlichkeiten berechnet, in welchen Branchen der Mensch in 20 Jahren durch Kollege Computer ersetzt worden sein dürfte.

Gastautor Martin Haas ist Vorstand der Staufen AG

Gastautor Martin Haas ist Vorstand der Staufen AG

Dass Immobilienmakler (97 Prozent Wahrscheinlichkeit), Bürokaufleute (96 Prozent) oder Taxifahrer (89 Prozent) laut Oxford-Studie am stärksten gefährdet sind, mag den ersten Schreck bei Verantwortlichen und Beschäftigten in der Industrie vielleicht etwas gedämpft haben, dennoch passt die Zeile „Jeder zweite Arbeitsplatz bedroht“, mit der in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über die Studie berichtet wurde, in das aktuelle Klima, das den Menschen im Vergleich mit den Maschinen auf der Verliererstraße wähnt – Wendemanöver unmöglich.

Auch die Consulting-Branche hat beim Thema Industrie 4.0 – vorsichtig gesagt – nicht gerade auf die Euphorie-Bremse getreten. Im Gegenteil: Fast scheint es manchmal so, als komme der Beraterzunft die – egal ob vermeintliche oder tatsächliche – industrielle Zeitenwende gerade recht, um die Umbrüche in der eigenen Branche abzufedern. Gibt es doch gleichzeitig genügend Wissenschaftler wie etwa den Harvard-Professoren Clayton M. Christensen, der den Consultants vorhersagt, dass auch bei ihnen kein Stein auf dem anderen bleiben werde. Christensens Warnung: „Nichts kann so gefährlich sein wie der Erfolg, der auf eingefahrenen Bahnen beruht.“
Eine dieser bisher erfolgreichen Bahnen ist es in der Vergangenheit gewesen, sich bei den sogenannten Megatrends fast ohne Wenn und Aber stets an die Spitze der Bewegung zu stellen, wie es derzeit auch beim Thema Industrie 4.0 zu beobachten ist. Wurde die Rolle des Vorreiters und Ideengebers bisher von den Kunden überwiegend goutiert, scheint es diesmal aber vielerorts anders zu laufen. Vom Mittelständler bis zum Weltkonzern häufen sich die genervten Stimmen, dass die 4.0-Vertriebsaktivitäten über das Ziel hinausschießen. Mancherorts fällt das böse Wort vom „Tunnelblick“ – ein für Berater äußerst gefährliches Urteil.

Nur um es an dieser Stelle nochmal klar zu machen: Es geht nicht darum, die Chancen von Industrie 4.0 in Abrede zu stellen. Gerade aus Sicht eines in der Wolle gefärbten Lean-Managers wäre es ja töricht und auch unglaubhaft, das Potenzial von Standardisierung und geregelter Kommunikation zu relativieren. Industrie 4.0 ist folglich eine Veredelung des Lean-Ansatzes, der neue Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung bietet und eine Stabilisierung von Prozessen ermöglicht.Es soll hier also vielmehr darauf hingewiesen werden, dass die im Markt zu beobachtende technische Fixierung mittlerweile dazu führt, dass viele Unternehmen nicht mehr ganzheitlich beraten und Lösungsvorschläge präsentiert werden, in denen beispielsweise Mitarbeiterführung und -motivation an den Rand gedrängt werden oder sogar komplett hinten runterfallen.

Matthias Loskyll vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz hat es jüngst in der „Süddeutschen Zeitung“ treffend so formuliert: „Aufgrund seiner Fähigkeit zum flexiblen Handeln wird der Mensch künftig als zentraler Entscheider und Problemlöser in einer hochkomplexen und vernetzten Produktionsumgebung agieren.“ Und weiter: „Ziel von Industrie 4.0 ist es keinesfalls, den Menschen aus der Fabrik zu vertreiben.“ Wie bei allen vorherigen Standardisierungs- und Automatisierungstechnologien geht es also nicht um Mensch oder Maschine, sondern um ein eindeutiges Bekenntnis zu Mensch und Maschine.

Consultants sollten sich immer wieder klar machen, dass eine Technologie allein nicht führen kann. Das wird auch künftig die Aufgabe von Menschen sein, also erfahrenen Führungskräften und Experten, die hinterfragen und reagieren, die Abweichungen erkennen und einschätzen und gemeinsam mit ihren Mitarbeitern in einem regelmäßigen und offenen Dialog nach Problemlösungen suchen.

Wenn auf Grundlage dieses Führungsverständnisses das Zusammenspiel von Mensch und Maschine reibungslos klappt, ist eine Produktivitätssteigerung von bis zu 30 Prozent durchaus möglich. Der einzige Weg, dieses Potenzial vollständig zu heben, ist allerdings die konsequente Anwesenheit aller Führungskräfte in der Fabrikhalle – einschließlich der Unternehmensleitung. Denn woran es beispielsweise liegt, dass von Industrie-4.0-Anwendungen erhoffte Erfolge ausbleiben, lässt sich nur direkt am Ort der Wertschöpfung feststellen. Um schnell und auf den Punkt genau zu erfahren, wo der Schuh drückt, führt am sogenannten Shopfloor Management also kein Weg vorbei, auch wenn die tägliche Auseinandersetzung mit Menschen und Maschinen den Führungskräften einiges abverlangt.

Um ihre Kunden auf diesem Weg erfolgreich zu beraten, sollte die Consulting-Branche den drohenden Tunnelblick in Sachen Industrie 4.0 unbedingt vermeiden.

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