Sepa – ein milliardenteures Infrastrukturprojekt ohne Gesicht

Sepa ist ein milliardenteures Infrastrukturprojekt, das Wirtschaft und Wohlfahrt im Blitzverfahren stemmen müssen. Vieles steht bei einem Nicht-Gelingen auf dem Spiel: Die Jobs von Unternehmen, die zu lange vom Geldfluss abgeschnitten sind, weil sie die Sepa-Umstellung nicht pünktlich geschafft haben. Und auch die Leistungsfähigkeit von Hilfsorganisationen, die eine wichtige Stütze für die Schwachen in der Gesellschaft sind, könnte nach dem 1. Februar 2014 durch Liquiditätsengpässe bedroht werden.

„Aus dieser Nummer kommen Sie nicht mehr heraus“, heißt denn auch der Slogan einer Anzeigenkampagne, die die Deutsche Bundesbank starten will, um den Verbrauchern die Angst vor der IBAN zu nehmen. Die Aktion soll allerdings erst nach der Bundestagswahl anlaufen. Dabei bleiben dem Wahlvolk (zu dem auch Unternehmer und Vereinsvorsitzende zählen!) nach dem 22. September – dem Wahltag – gerade einmal nur noch vier Monate Zeit – um sich auf die tiefgreifenden Veränderungen im bargeldlosen Zahlungsverkehr einzustellen, die ihnen die Politik eingebrockt hat.

Sepa-Experten klagen schon seit vielen Monaten, dass es eines TV-Spots vor der Tagesschau bedürfe, um deutsche Unternehmen und Vereine wachzurütteln. Doch kein Politiker, kein Bundesminister war bislang bereit, diese Klagen ernst zu nehmen, geschweige denn sich selbst als Leitfigur für das Mammutprojekt zur Verfügung zu stellen. Doch ohne Gesicht, ohne Leitfigur geht es nicht. Die politisch Verantwortlichen irren sich, wenn sie glauben, es reiche aus, monatelang „nur“ das Bundesbank-Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele vorschicken zu können. Thiele mag sein Geschäft verstehen, er ist aber in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Seine mahnende Stimme, die Unternehmen und Vereinen gingen die Sepa-Umstellung zu gemächlich an, verhallt. Ihm dies zum Vorwurf zu machen, wäre zu kurzgesprungen. Am Zuge ist vielmehr Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Doch der hält sich wohl aus wahltaktischen Gründen bei dem Thema lieber öffentlich zurück. Doch Achtung! Für viele Unternehmen und Vereine wird der Zug schon bald abgefahren sein.

Die WirtschaftsWoche wollte von der Bundesbank wissen, welche Maßnahmen getroffen werden, um in Deutschland den enormen Nachholbedarf bei der Sepa-Umstellung voranzutreiben. Bundesbank-Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele stellte sich unseren Interview-Fragen im Mai 2013:

WirtschaftsWoche: Laut Commerzbank wird 90 Prozent des Zahlungsverkehrs nach der Sepa-Umstellung zum Stichtag 1. Februar 2014 ohne Probleme laufen. Im Umkehrschluss heißt das, dass die zweitgrößte Bank Deutschlands davon ausgeht, dass zehn Prozent des gesamten Zahlungsverkehrs im Februar 2014 nur mit Verzögerungen laufen wird und Bankmitarbeiter eine Flut von Rückläufen abwickeln werden müssen. Teilt die Bundesbank die Einschätzung der zweitgrößten Bank in Deutschland?

Carl-Ludwig Thiele: Mit SEPA wird der Zahlungsverkehr letztlich auf einen neuen europaweiten technischen Standard gebracht. Dieser Schritt kommt nicht über Nacht. Die SEPA-Überweisung wird von der Kreditwirtschaft seit Januar 2008 angeboten, die SEPA-Lastschrift seit November 2009. Die per EU-Verordnung festgelegte Auslauffrist für die nationalen Verfahren am 1. Februar 2014 erfordert nun einen sicherlich anspruchsvollen Endspurt bei der Umstellung, der vermutlich nicht ganz ohne Reibungen ablaufen wird. Bei arbeitstäglich 24 Millionen Überweisungen und 35 Millionen Lastschriften in Deutschland wird wie bei allen technischen Umstellungen die anfangs erhöhte Rückweisungsquote den manuellen Bearbeitungsaufwand erhöhen. Wir gehen aber davon aus, dass die Kreditwirtschaft sich darauf einrichten wird. Wie hoch der Anteil der Rückläufe sein wird, ist spekulativ.

WirtschaftsWoche: Wie schätzt die Bundesbank die volkswirtschaftlichen Schäden ein, die dadurch entstehen könnten, wenn zehn Prozent des Zahlungsverkehrs in Deutschland nicht ohne Probleme laufen werden?

Carl-Ludwig Thiele: Es kann passieren, dass Zahlungen verspätet abgewickelt werden. Im Extremfall führt dies in Unternehmen ebenso wie in Privathaushalten zu Liquiditätsengpässen. Doch eine Kumulation in einem solchen Ausmaß, dass es zu nachhaltigen volkswirtschaftlichen Schäden kommt, halte ich für Schwarzmalerei. Denn die Vorbereitungen auf SEPA laufen unter Hochdruck, auch wenn sicherlich nicht überall alles schon rund läuft. Doch grundsätzlich sind die SEPA-Verfahren betriebsbereit und das Umstellungsszenario ist klar festgelegt.

WirtschaftsWoche: Was tut die Bundesbank, damit die Banken auf die Bearbeitung von zehn Prozent nicht automatisiert funktionierenden Zahlungstransaktionen vorbereitet sind beziehungsweise diese von vornherein ausgeschlossen werden können?

Carl-Ludwig Thiele: Seit Beginn der Entwicklung der SEPA-Verfahren 2004 ist die Bundesbank im intensiven Dialog mit der Kreditwirtschaft und trifft sich seit 2006 mindestens zwei Mal jährlich auf Vorstands- und Abteilungsleiterebene, um über das Thema SEPA zu diskutieren. Deshalb geht die Bundesbank davon aus, dass die Kreditwirtschaft das Thema ganz oben auf der Agenda hat und strategische Lösungen umsetzt. Darüber hinaus ist die Bundesbank in regelmäßigem Austausch mit den Marktteilnehmern, etwa im Deutschen SEPA-Rat, und hat bereits verschiedene öffentlichkeitswirksame Maßnahmen ergriffen, um dazu beizutragen, dass die SEPA-Umstellung so reibungslos wie möglich verläuft. Wir sehen alle Beteiligten (v.a. Deutsche Kreditwirtschaft, Wirtschaftsverbände) in der Pflicht, hinreichend auf den not­wendigen Handlungsbedarf hinzuweisen. Wichtig ist mir der Hinweis,
dass je eher Unternehmen und andere Organisationen mit der SEPA-Umstellung beginnen, desto besser sind die Möglichkeiten, frühzeitig Fehlerquellen zu identifizieren und rechtzeitig zu bereinigen.

Die Bundesbank wird den Migrationsfortschritt weiterhin aktiv beobachten. So werden im Deutschen SEPA-Rat regelmäßige Umfragen unter den Mitgliedsverbänden zum Stand der SEPA-Migration ihrer Mitglieder durchgeführt – hierzu zählen auch die Spitzenverbände der deutschen Kreditwirtschaft. Die Ergebnisse werden im SEPA-Migrationsplan auf www.sepadeutschland.de veröffentlicht. Zudem haben Bundesbank und Bundesfinanzministerium im April und Mai 2013 verschiedene Multiplikatoren, wie die Bundessteuerberaterkammer, das Institut der Wirtschaftsprüfer und die kommunalen Spitzenverbände, angeschrieben, denen als Multiplikatoren eine Schlüsselrolle zukommt, um ihre Mandaten über die SEPA-Umstellung zu informieren. Zu den Kommunikationsmaßnahmen der Bundesbank zählen die Website www.sepadeutschland.de, die Entwicklung eines SEPA-Flyers sowie regelmäßige Presseveröffentlichungen. Weitere Wege, um die Endnutzer über die SEPA-Umstellung zu informieren, sind neben Reden, Interviews und Gastbeiträgen des Vorstands auch regelmäßige Vorträge auf Fachveranstaltungen und Fachartikel. Die Bundesbank wird in diesem Jahr ihre Informationsmaßnahmen zu SEPA für die breite Öffentlichkeit weiter intensivieren und somit weiter dazu beitragen, dass die Umstellung auf SEPA so reibungslos wie möglich erfolgt. Beispielsweise liegt die Auflage des SEPA-Flyers bei über zehn Millionen Stück, die mit Unterstützung der Bundesagentur für Arbeit und anderen verteilt werden. Jede öffentliche Verwaltung, jedes Unternehmen, jeder interessierte Verein und auch jeder private Nutzer etc. kann das Faltblatt kostenlos über www.sepadeutschland.de bestellen.

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Alle Kommentare [1]

  1. Nach meinen Beobachtungen wird es grossen Trouble geben.
    Insbesonders in der Verischerungswirtschaft, speziell bei Vermögens-
    bildungsverträgen. In aller Regel wird an ein Konto der Vesicherung
    überwiesen und eine Trennung erfolgt intern über die Vertragsnummer
    aus dem Verwendungszweck.
    Hier sind sehr selten im Internet Informationen über IBAN/BIC hinterlegt;
    noch gibt es Aktivitäten der Versicherer in Richtung der überweisenden
    Arbeitgeber.
    Hat man es hier eigentlich mit einer Bringschuld- oder Holschuld zu tun?
    Wenn man sich das Wirrwar vor Augen hät, dass innerhalb der
    Verischerungsgruppen durch Fusionen und Zusammenlegungen
    entstanden ist, kann ich mich vorstellen, dass man diese
    Teilproblematik gerne einmal separat journalistisch bearbeiten könnte.

    Liebe Bundesbank – schickt euren Flyer vor allem an die Versicherer.

    MfG
    Harry Braun