Die Gefahren der Wirtschaftsprüfer-Fusionitis

In der deutschen Wirtschaftsprüferszene wird derzeit heftig Bäumchen-Wechsel-Dich gespielt. Hinter verschlossenen Türen werden mögliche Fusionen austariert. Doch Achtung! Es kommt nicht nur auf Größe, sondern vor allem auf Passung an. Ein Gastkommentar von Hellmuth Wolf, Partner der Personalberatung Signium International.

Hellmuth Wolf, auf die Besetzung von Wirtschaftsprüfern, Steuerberatern und Rechtsanälten spezialisierter Personalberater von Signium International  Foto: Signium

Hellmuth Wolf,
auf die Besetzung von Wirtschaftsprüfern, Steuerberatern und Rechtsanwälten spezialisierter Personalberater von Signium International
Foto: Signium

Vor kurzem verlor KPMG ein 15-köpfiges Compliance-Team an den mittelständischen Wettbewerber WTS, Deloitte ein renommiertes Steuerberaterteam an Ernst & Young. Was ist nur los in der deutschen Wirtschaftsprüferszene? Während die Debatte um das Grünbuch im Wirtschaftsprüfungsmarkt nun im dritten Jahr läuft und das Grünbuch selbst mit konkreten Ergebnissen aus Gesetzesvorlagen auf sich warten lässt, scheint der Markt seinen eigenen Gesetzen zu folgen: Netzwerke bilden sich, Fusionen werden im Hintergrund vorbereitet, Mehrheiten kristallisieren sich heraus. Damit scheint der Markt der Politik mal wieder einen Schritt voraus zu sein – oder versuchen seine Protagonisten nur absehbare Entwicklungen vorwegzunehmen und Fakten zu schaffen?

Während die Big Four an ihrem Oligopol festhalten, geht es im mittleren Segment der WP-Gesellschaften etwas bewegter zu. Dort werden Zusammenschlüsse eher in Form von Fusionen beziehungsweise durch die Integration von zugekauften Teams vorangetrieben, um auf die neuen Marktanforderungen bestens vorbereitet zu sein. Im Personalberatungsmarkt sind diese Trends schon länger zu spüren. Vor wenigen Jahren noch waren Wirtschaftsprüfer nur schwer dazu zu bewegen, ihren Arbeitgeber zu wechseln. Die Kandidaten waren zu treu, zu sehr auf Sicherheit bedacht, um die Risiken eines Arbeitgeberwechsels auch nur in Erwägung zu ziehen. Diese Zeiten sind vorbei. Personalberater werden von großen wie mittelgroßen Prüfungs- und Beratungsgesellschaften seit zwei, drei Jahren verstärkt damit beauftragt, nicht mehr nur einzelne Führungspositionen im Wirtschaftsprüfer- und Steuerberatungsumfeld zu besetzen, sondern gleich ganze Teams oder ganze Einheiten zu identifizieren, die es lohnt vom Wettbewerber abzuwerben.

Der Marathon um Fusionen im Wirtschaftsprüfergeschäft hat aktuell einen fast ungesunden Höhepunkt erreicht, der kritische Fragen aufwirft: Wie so häufig geht es am Markt um Größe – um Quantität. Unbeachtet bleiben in diesen Prozessen Fragen der Unternehmenskultur. Bekanntermaßen „ticken“ große Gesellschaften durchaus anders als mittelständisch orientierte Gesellschaften und die Vorteile des einen erwachsen durchaus zu inakzeptablen Bedingungen auf der Gegenseite, weil Strukturen und Kulturen sich grundlegend unterscheiden. Es besteht die Gefahr, dass sich die rein auf Addition von Umsatzzahlen ausgelegten Zusammenschlüsse als krankhafte „Fusionitis“ erweisen könnten, was sich spätestens in der Post-Merger-Integration-Phase zeigen wird: Dies passiert in der Regel dann, wenn die vorhandenen Kulturunterschiede im Vorfeld zu wenig Beachtung finden – ähnlich den Risiken, die aus Industriefusionen bekannt sind.

Ausblick? Es bleibt abzuwarten, was aus dem Grünbuch wird und ob somit Klarheit und Struktur in die Sache kommt. Es wäre hilfreich für die WP-Branche, wenn das Grünbuch in Brüssel in nicht allzu ferner Zukunft Gesetzestext würde.

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Über Julia Leendertse

Julia Leendertse schreibt über Managementthemen und covert die Branchen Unternehmensberatung, Wirtschaftsprüfung und Personalberatung. Ihre journalistische Laufbahn startete die Kölnerin Mitte der Neunzigerjahre als Redakteurin bei dem Unternehmermagazin "impulse", wechselte später in die Redaktion von "Capital Ost" nach Berlin und schreibt seit 1996 für die WirtschaftsWoche. Hier arbeitete sie seit 1998 als Redakteurin, ab 2002 als Leiterin des Ressorts Management. Seit 2005 ist sie als freie Wirtschaftsjournalistin tätig.

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