» 12.12.2012, 18:22

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Neues von Mr Gutachten und seinen Persilscheinschreibern

Was sind schon 200.000 Euro für ein juristisches Gutachten, wenn ein Konzern fünf Milliarden Euro innerhalb eines Jahres in den Sand setzt? Peanuts! Wenn aber dem mächtigsten Chefkontrolleur einer Industrienation wie Deutschland Jahr für Jahr nichts anderes mehr einfällt, als ein juristisches Gutachten nach dem anderen in Auftrag zu geben, um seine Unschuld zu beweisen, dann ist auch der smarteste Manager irgendwann mal angezählt. Die Rede ist von Gerhard Cromme. Als oberster Chefkontrolleur von Konzernen wie Siemens und ThyssenKrupp wacht der studierte Jurist über mehr als eine halbe Million Beschäftigte und rund 120 Milliarden Euro Umsatz. Ein Mann, der viel Verantwortung trägt – aber auch einer von denen im Land, die die Managerkrankheit „Gutachteritis“ hoffähig gemacht haben.

“Same procedure as every year, Gerhard? “Same procedure as every year!” Kaum ein deutscher Wirtschaftskapitän hat im Laufe seiner Karriere so häufig die Dienste renommierter Wirtschaftskanzleien und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in Anspruch genommen, um Rivalen aus dem Weg zu räumen, seine Unschuld zu beweisen oder die seiner zeitweiligen Weggefährten wie Gerhard Cromme.

2008 war es Cromme, der dem langjährigen Siemens-CEO und späteren Chefkontrolleur des Konzerns Heinrich v. Pierer, neun Vorstandsmitgliedern sowie dem stellvertretenden Aufsichtsratschef Karl-Hermann Baumann per Gutachten der Kanzlei Hengeler Mueller massive Pflichtverstöße attestieren ließ und gleichzeitig sich selbst aus der Schusslinie brachte. Obwohl die Vorwürfe nie gerichtlich erwiesen wurden, hatte Crommes anwältliche Säuberungsaktion einschneidende Wirkung auf die gesamte Führungskultur in deutschen Konzernen.  Mit Crommes öffentlichkeitswirksamer Aktion  fiel die langjährige Beißhemmung, die zwischen Vorständen und Aufsichtsräten einst herrschte.

Auch in diesen Wochen sind die Anwälte von Hengeler Mueller wieder einmal im Auftrag von „Mr Gutachten“ unterwegs. Sie prüfen zum wiederholten Male, wer an dem milliardenteuren Fehlinvestment ThyssenKrupps in Amerika Schuld trägt. Doch diesmal könnte die Methode Cromme nach hinten losgehen. Wer mit dem Finger auf andere zeigt, sollte nicht vergessen, dass dabei immer drei Finger seiner Hand auf ihn selbst gerichtet sind.

Das gilt auch für Crommes Gutachter.  Bereits im Mai 2012 berichteten meine Kollegin Claudia Tödtmann  und ich in dem WirtschaftsWoche-Beitrag „Manager am Pranger“ über die lähmende Wirkung der Gutachteritis auf das Management in deutschen Konzernen. Damals klagte Manuel Theisen, BWL-Professor an der Uni München und Herausgeber der Zeitschrift „Der Aufsichtsrat“: „Anwaltskanzleien werden immer mehr zu Persilschein-Ausstellern für Manager“. Und der Düsseldorfer Strafverteidiger Jürgen Wessing forderte: „Wir brauchen mutigere Anwälte, die sich nicht als Mietmäuler hergeben. Und eine Wende in der Rechtssprechung. Unternehmer, aber auch ihre Manager müssen das Recht haben, vernünftige unternehmerische Risiken eingehen zu dürfen. Eine Gesellschaft, die glaubt, nur durch Kontrollwahn etwas zum Besseren wenden zu können, erdrückt auf Dauer das Unternehmertum“.

Lesenswert: FAZ-Beitrag: “Der Thyssen-Aufsichtsrat: Alles gefragt, nichts gewusst“  von Carsten Knop

 

» 12.12.2012, 18:22

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