Exklusivstudie: Zwei Drittel der deutschen Manager wünschen sich Veränderungen in der Wirtschaftsprüfung. Sie hoffen, dass die EU die Prüferwelt so verändert, dass sie selbst und andere wieder mehr in die Qualität, Objektivität und Aussagekraft von Jahresabschlüssen vertrauen können.
Vier Jahre nach dem Beginn der Finanzkrise denken Wirtschaftskapitäne, Verbandsfunktionäre und Politiker immer noch darüber nach, wie sie das Vertrauen in die Abschlussprüfung wiederherstellen können. Eine der Schlüsselfragen in dieser Diskussion lautet: Sollen Wirtschaftsprüfer Unternehmen prüfen und beraten dürfen?

Wie genau schauen Prüfer beim Jahresabschluss hin, wenn ihnen ein großer Beratungsauftrag flöten gehen könnte?
KfW-Bildarchiv/Foto: Rüdiger Nehmzow
36 Prozent der Manager in Deutschland sagen Nein. Sie glauben: Beratungsmandate im großen Stil schaffen Abhängigkeiten. Das ergab eine Umfrage der Personalberatung Signium International unter Managern von 250 börsennotierten und mittelständischen Unternehmen. „Die Befürworter einer strikten Trennung von Prüfung und Beratung finden es wichtig, Interessenskonflikte von vornherein auszuschließen“, so Hellmuth Wolf, Studienleiter und Managing Partner von Signium.
55 Prozent der Manager sagen Ja. Sie halten die Verknüpfung von Prüfung und Beratung für unkritisch. Solange der jeweilige Prüfer, das was er prüfe, vorher nicht selber erstellt habe oder der Gegenstand seiner Prüfung nicht mit den Beratungsleistungen aus dem gleichen Hause kollidiert oder durch sie beeinflusst wird, sei die Kombination von Prüfung und Beratung kein Problem. Im Gegenteil. Weil die Prüfungsgesellschaft das Unternehmen ja schließlich schon kenne, wäre auch die Beratung häufig qualitativ besser.
70 Prozent der befragten Manager glauben nicht, dass das Oligopol der Big Four im Wirtschaftsprüfermarkt – PwC, KPMG, Deloitte und Ernst & Young – aufgebrochen werden muss. 1. Handele es sich gar nicht um ein wirkliches Monopol. Vier internationale Player reichten zur Auswahl aus und außerdem könnten sich die Unternehmen ja auch für andere mittelgroße Wettbewerber im Prüfungsmarkt entscheiden, die gerade derzeit alle auf Wachstumkurs seien. 2. Das Hauptproblem – so meinen zumindest die befragten Vorstände und Manager – sei nicht die übergroße Marktmacht der Big Four, sondern die Unabhängigkeit der Prüfer. Oligopol hin oder her – wenn es aufgebrochen würde, sei dadurch noch lange nicht die Unabhängigkeit des Prüfers sichergestellt.
Es sind nicht irgendwelche Manager,
die die Personalberatung Signium befragt hat. Zu 96 Prozent sind die Unternehmen dieser Führungskräfte Kunden der Big Four. Sie wissen also, wovon sie sprechen. 70 Prozent geben an, dass die Prüfungsgesellschaft ihres Unternehmens gleichzeitig auch eine Beraterfunktion ausübe. Zwei Drittel von ihnen erhoffen sich Änderungen durch das Grünbuch zur Abschlussprüfung, mit dem die Europäische Union ihrerseits derzeit versucht, die Abschlussprüfung neu auszurichten. Aber: Gleichzeitig wünschen sich 57 Prozent von ihnen, dass alles so bleibt, wie es ist. „Dieser Widerspruch hat mit der Angst vor politischer Regulierung an der falschen Stelle zu tun“, analysiert Wolf. „Der Wunsch nach einer besseren Prüfungsqualität, mehr Objektivität und einer Neuaufstellung der Prüfgesellschaften ist da. Viele rechnen allerdings eher mit einer Verschlimm-Besserung der Situation und noch mehr bürokratisch-administrativen Hemmnissen“.
Mit Vertrauen und Glaubwürdigkeit ist das so eine Sache.
In den vergangenen vier Jahren seit Beginn der Finanzkrise hat die Öffentlichkeit in Deutschland kaum etwas darüber erfahren, welche Rolle die Wirtschaftsprüfer ganz konkret bei denjenigen Banken gespielt haben, deren Bilanzen wie Kartenhäuser zusammenfielen und mit Steuermilliarden gestützt werden mussten. Leichte bis mittelschwere berufsrechtliche Vergehen behandelte die Wirtschaftsprüferkammer unter dem Siegel der Verschwiegenheit höchst selbst. Schwere Fälle landeten bei der Staatsanwaltschaft. Zehn solcher Fälle sollen derzeit am Oberlandsgericht anhängig sein. Aber zu keinem darf die Kammer etwas sagen. Erst jetzt kündigte der neue Kammerpräsident Claus Securs an, sich dafür einzusetzen, dass das enge Korsett der gesetzlichen Verschwiegenheitspflicht aufgeschnürt wird. Einige seiner Vorgänger hatten dieses Korsett des Redeverbots bewußt eng gehalten. Securs hat verstanden, dass die Öffentlichkeit nur wieder richtig Vertrauen schöpfen wird, wenn sich der Berufsstand endlich weiter öffnet.
Wer hat nun Recht? Die 36 Prozent Manager, die Prüfung und Beratung voneinander trennen wollen und die mit Sicherheit ihre Erfahrungen gemacht haben werden, die sie zu dieser Überzeugung gebracht hat? Oder die 55 Prozent, die sagen, in Deutschland, wo das Selbstprüfungsverbot bereits heute schon gesetzlich verankert ist, kann alles so bleiben, wie es ist?
Prüfen + Beraten = unabhängig?
Diese Frage ist schon deshalb schwer zu beantworten, weil kein Mensch wirklich Interesse daran hat, einem ganzen Berufsstand die Glaubwürdigkeit abzusprechen. Alle wollen, dass sich das Karussell weiterdreht, das durch Geld, aber zusätzlich eben auch nur durch Vertrauen am Laufen gehalten wird. Selbst wenn die Wirtschaftsprüferkammer und die ihr übergeordnete Apag noch so beteuern, über das Selbstprüfungsverbot mit Argusaugen zu wachen. Es wird nie so viele Kontrolleure der Kontrolleure geben können, um Verstöße gegen das Gebot der Unabhängigkeit flächendeckend zu untersuchen, nachzuweisen und zu ahnden. Die Gesellschaft ist daher darauf angewiesen, dass die Wirtschaftsprüfer sich ihres Vertrauens würdig erweisen und Vergehen auch öffentlich machen. Spannend ist, dass es eine Gruppe von kleinen und mittelgroßen Wirtschaftsprüfern gibt, die sich vehement für die „totale Trennung von Prüfung und Beratung“ einsetzen. Sie wollen sich freistrampeln von dem Generalverdacht, den ihnen vor allem die Big Four mit ihrer Geheimniskrämerei um wirkliche oder auch nur vermeintliche Bilanzskandale eingebrockt haben.
Diese “Puristen” oder auch “Freischärler” unter den Wirtschaftsprüfern meinen, dass die Gleichung „Prüfen + Beraten = unabhängig“ nicht aufgeht.
Zur Studie: Wandel im WP-Markt












3 Kommentare zu “Manager wollen eine andere Wirtschaftsprüferwelt”
Manager wollen eine andere Wirtschaftsprüferwelt, stimmt dies wirklich?
Manager aus der Dax-Welt wollen also eine andere Wirtschaftsprüferwelt. Toll, der Wunsch ist aber noch lange kein Grund zur Freude, zu ernüchternd sind ihre Antworten.
Das Wissen um die Zusammenhänge „Mangel bei der Abschlussprüfung und ihre Verhinderungsmaßnahmen“ deuten auf Verständnisdefizite bei den Auftraggebern der Abschlussprüfer hin. Man kennt dieses Halbwissen auch von der Politik. Die WP-Welt ist ein Stück komplexer. Die Kenntnis der Kette „Ursachen-Maßnahmen-Folgen“ ist aber wichtig. Von der Medizin lernen, bedeutet Fehler vermeiden: Möchte jemand als Patient vom Arzt ohne ausreichende Diagnose ein Medikament gegen Arthrose verschrieben bekommen, nur weil der Kranke über Schmerzen im unteren Bereich klagt? Der Medikamentenvergleich ist dem Laien einleuchtend, er klingt vielleicht sogar kabarettistisch überzeichnet. Nach meiner Beurteilung geht man seit dem Grünbuch 2010 mit der WP-Regulierung aber so um. Die Maßnahmen-Wirkungszusammenhänge in der Prüferwelt zur Beseitigung von Mängeln wurden bislang nicht ausreichend analysiert: Geringe bis gar keine Analyse der Bankenprüfermängel, obwohl man sich im Internet darüber informieren kann:
http://www.wp.net-verband.de/index.php/magazin-2011-ansehen/magazin-2011-s-0
04-005-wp-wandel-3
Vor einigen Wochen hat sich das EU-Parlament über die Folgebücher des Grünbuchs beschwert (massive methodische Fehler), umso mehr staunt man über den jüngsten Regulierungsentwurf des Berichterstatters zu den „Grünbüchern 2“ , des Briten Sajjid Karim. Nur wer die Mängel kennt, kann richtig therapieren: Kommissar Barnier beschwerte sich „lautstark“ über die Berichtsmängel im Lehmanfall. Leider hatte das Grünbuch einen entscheidenden Mangel: Es nannte die konkreten Mängel nicht beim Namen! „Beschwerden wegen der „uneingeschränkten Testate, trotz Vorliegen eines Prüfungshemmnisses“, hat man leider nicht gehört.
Ein solcher Testatsmangel (Verstoß gegen § 43 WPO, IDW PS 400) wird vom HGB (§ 332 HGB) mit bis zu drei Jahren Gefängnisaufenthalt geahndet. Nun zur Ursachenforschung: Ursache dieser Testatskrise dürfte die fehlende Unabhängigkeit sein, hervorgerufen durch große Beratungsaufträge. Während mangelnde Ausbildung zu Prüfungsmängeln führt, macht die Wissenschaft mangelnde Unabhängigkeit für die Berichtsmängel verantwortlich. Beim Prüfungshemmnis liegt kein Prüfungsmangel vor, weil die Prüfer die mangelhafte Transparenz bereits kannten, wie es auch im Editorial des IDW Fachorgans „Wirtschaftsprüfung“ 2008, im Heft Nr. 5 nachzulesen ist.
Meine Folgerung aus der Analyse: Auf dem Rezept zur Behebung des Testatsmangels muss stehen: Maßnahmen zur Stärkung der Unabhängigkeit durch Trennung von Beratung und Prüfung. Aber diese Therapie will nur die Minderheit, nur 35% der Manager wollen die Trennung. 65 % wollen sie nicht und wollen damit im Zweifel keine vertrauensvollen Berichte und Testate. Auch der WP-Berufsstand setzt inzwischen wieder mehr auf die „interne Staatsanwaltschaft“, als auf Ethik des Wirtschaftsprüfers.
Bei der Forderung nach der Trennung der Beratung von der Prüfung muss man auch noch die Dosierung des Medikaments berücksichtigen. Verantwortungsbewusste Eltern wissen, dass sie Ihr krankes Kind mit Erwachsenenrationen “zu Tode therapieren” können. So ist es auch bei der
WP-Regulierung. Die „große Dosis“ Unabhängigkeit brauche ich wegen der asymmetrischen Informationslage nur bei den „Börsenunternehmen“. Während sich der Geschäftsberichtsleser mit dem Geschäftsbericht als Informationsquelle zufrieden geben muss, kann sich der GmbH-Gesellschafter kraft GmbH-Gesetz weitere Unterlagen besorgen und einsehen.
Deswegen ist es für mich nicht abwegig zu vermuten, dass die Manager mittels Beratungsaufträgen die Prüfer steuern wollen, jedenfalls versuchen zu steuern, frei nach dem Motto: In dubio pro Auftraggeber. Das Rezept der Manager für den beratenden Prüfer hat eine schädliche Nebenwirkung: Der beratende Prüfer ist der schlechtere Berichterstatter. Will die Gesellschaft wirklich verlässliche Testate, müssen Ursache und Wirkung beachtet werden. Gute Testate wird es erst geben, wenn die Rahmenbedingungen im Lot sind, dies lauten: Auskömmliche Bezahlung, geregelt über eine Gebührenverordnung. Bei großen Prüfungen (z.B. Dax-30) muss es Joint Audit Prüfungen geben. Die Trennung Beratung und Prüfung im Börsensegment sind die Bausteine für gute Berichte.
Nicht zuletzt steht auf dem Rezeptblock noch: Die Berufsaufsicht als „Geheimgericht“ ist abzuschaffen, wie es zurzeit immer noch in der Wirtschaftsprüferkammer in Berlin praktiziert wird. Seit 2007 dürfen sogar die mittelschweren Fälle geheim bearbeitet und entschieden werden. Dieses „Geheimgericht“ ist nicht „gottgeben“, sondern wurde von Menschenhand gemacht. Der Gesetzgeber in Gestalt des Wirtschaftsministeriums sträubt sich, so hörte man, dies zu ändern. Wie man lesen konnte, will es in den nächsten beiden Jahren nichts für die Transparenz unternehmen. In zwei Jahren ist sowieso wieder Ruhe in die WPK eingekehrt, weil dann der „Wahlspuk” von 2011 vorbei ist. Die dann wieder regierenden Big4 werden nach meiner Einschätzung in diese Richtung nichts unternehmen.
Zum Schluss eine Bitte an die Manager:
Unterstützen Sie Ihren Wunsch nach verlässlichen Testaten mit Taten, statt mit Worten! Sie brauchen gar nicht nach dem Gesetzgeber rufen. Denn die Manager selbst entscheiden über die Aufträge: Beginnen Sie damit schon bei der nächsten Auftragsvergabe. Trennen Sie im Dax-Bereich die Beratung von der Prüfung. Machen Sie aus der Honorarverhandlung keine Basarveranstaltung, wechseln Sie nach 10 Jahren den Prüfer aus. Dazu bräuchte es keine Gesetze, nur Ihren echten und ehrlichen Willen: Eine andere Wirtschaftsprüfung zu wollen.
Solange die Manager nur mängelfreie Berichte sich nur wünschen, aber das in Ihrer Macht stehende zu tun unterlassen, sind ihre Forderungen für mich Ausreden und Heuchelei.
Die Frage, ob Manager von DAX-Unternehmen eine andere Wirtschaftsprüferwelt wollen oder nicht interessiert doch nur die Manager selbst.
Wirtschaftsprüfung wurde zum Schutz der Anleger und zur Information der Öffentlichkeit eingeführt nicht für die Manager.
Die Frage ist daher die, ob die Anleger und die Öffentlichkeit sich eine andere Wirtschaftprüferwelt wünschen!
Die Leidtragenden der Finanzkrise, Kleinaktionäre, Lehmanngeschädigte und der Steuerzahler wünschen sich eine Wirtschaftsprüferwelt in der ein geprüfter Jahresabschluss tatsächlich die Vermögens-, Finanz und Ertragslage eines Unternehmens „true and fair“ wiedergibt.
Kann es sein, dass die geprüften Jahresabschlüsse von großen Unternehmen praktisch nie Anlass geben das Testat einzuschränken oder gar zu verweigern? Oder besteht vielleicht eine gewisse Tendenz den risikoorientierten Prüfungsansatz und die Wesentlichkeitsgrenzen so auszugestalten, dass kritische Felder nicht oder nur von unerfahrenen Prüfern geprüft werden? Schließlich soll der Auftrag für die nächste Abschlussprüfung ja nicht gefährdet werden.
In der Studie wird folgerichtig als Hauptproblem die Unabhängigkeit der Prüfer angeführt
Eine Honorarordnung, ähnlich der von Notaren, deren Einhaltung dann im Rahmen des peer-review mit geprüft wird, könnte dafür sorgen, dass der öffentliche Auftrag der Wirtschaftsprüfer angemessen ausgeführt werden kann. In Verbindung mit der Bestellung für einen längeren Zeitraum würde so die Unabhängigkeit gestärkt.
Darüber hinaus gibt es aber noch eine andere denkbare Abhängigkeit, die beachtet und gegebenenfalls beseitigt werden muss. Wie abhängig ist der angestellte Wirtschaftsprüfer, der im Laufe eines Jahres überwiegend mit einem großen Mandat beschäftigt ist, auch wenn das Mandat innerhalb der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft unwesentlich ist? Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft kann wirtschaftlich problemlos auf das Mandat – und den Wirtschaftsprüfer – verzichten. Umgekehrt auch?
Die Frage ist auch nicht, ob Prüfung und Beratung strikt getrennt werden soll oder muss. Ich denke, dass es selbstverständlich ist, dass das Beratungsergebnis nicht vom Berater geprüft werden darf. (Ich durfte mein Abitur und Wirtschaftsprüferexamen auch nicht selbst beurteilen.) Hier sollten Unternehmen und Wirtschaftsprüfer von sich aus darauf achten, dass keine Gewissenskonflikte auftreten können. Das Ergebnis der Prüfung in anschließende Beratung, z. B. Erstellung der Steuererklärungen auf der Grundlage des geprüften Jahresabschlusses, einfließen zu lassen halte ich dagegen für sinnvoll und auch für vereinbar.
Weitere Regulierungs- und Aufsichtsvorschläge werden meines Erachtens nicht gebraucht. Ich bin sicher, dass bei den Unternehmen die in die großen Bilanzskandale verwickelt wurden seitens der Prüfer alle Checklisten vollständig abgearbeitet und ausgefüllt wurden.
Die Wirtschaftsprüferwelt, die ich mir vorstelle wird von verantwortungsbewussten, unabhängigen, Menschen bewohnt, die sich für die Prüfung von globalen Unternehmen in Gesellschaften organisieren ohne ihre Eigenverantwortung und Unabhängigkeit aufzugeben.
Das ist doch alles lächerlich. Manager zahlen die Prüfer und dafür wollen die Testate ohne Einschränkungen.