Zinswende im Nirwana

Die EZB wird nicht nur mehr Staatsanleihen aufkaufen als erwartet. Die vorläufige Terminierung bis September 2016 gibt der Aktienhausse enormen Spielraum.

Die Entscheidung der EZB, ab März für 60 Milliarden Euro jeden Monat Staatsanleihen zu kaufen, bedeutet eine neue Liquiditätsflut für die Märkte. Während die konjunkturelle Wirkung umstritten ist, bedeutet das für die Aktienmärkte prinzipiell einen weiteren Antrieb. Der wirkt, unabhängig vom konjunkturellen Effekt, allein durch die Tatsache, dass Anleihen für Neuanleger ein weiteres Mal unattraktiver werden.

Für Börsianer wichtig ist nicht nur die Höhe des Kaufprogramms, sie liegt etwas über den Erwartungen. Interessant ist die Zeitspanne, die erst einmal bis September 2016 reicht. Mit anderen Worten: Mindestens noch 20 Monate wird die Notenbank extrem expansiv bleiben. Und erst wenn die Teuerung in Richtung zwei Prozent steigt, soll Schluss sein mit der expansiven Geldpolitik. Die Ängste vor der Zinswende werden damit ins Nirwana katapultiert.

Auch wenn nach den ersten Turbulenzen wieder mehr Ruhe einkehren wird, die Aussicht auf mindestens 1140 Milliarden zusätzliche Euros ist ein nachhaltiges Konjunkturprogramm für die Asset-Märkte.

Die Zinsen werden auf absehbare Zeit weiter abdriften, Anleihen solider Schuldner sind gute Haltepositionen. Die Umlaufrendite dürfte von aktuell 0,44 Prozent bald unter 0,40 Prozent rutschen.

Einen wichtigen Effekt wird der Euro haben. Er ist auf den tiefsten Stand seit zwölf Jahren gesunken und es gibt kein Anzeichen, dass er sich so schnell wieder erholen wird. Und wenn, dann ist das bis auf weiteres nur eine technische Reaktion auf die bisher schon umfangreiche Baisse-Spekulation. Der rückläufige Euro wird in Kombination mit der Rohölbaisse einen wesentlichen Beitrag zum Gewinnmomentum deutscher Unternehmen im Jahr 2015 liefern.

Risiken ja, aber eher mittelfristig

Gibt es durch die neuen Maßnahmen der EZB auch neue Gefahren für die Märkte? Ja, und zwar zunächst indirekt, wenn die extreme Liquiditätsversorgung zu neuen wirtschaftlichen Überspekulationen (Blasen) führt, die dann eines Tages platzen. Und auch direkt, wenn es an den Aktienmärkten deshalb zu einer überzogenen Hausse kommt, der dann ein Rückschlag folgt, den auch die EZB nicht mehr auffangen kann. Ob die EZB eines fernen Tages das Geschick hat, die Wende wohldosiert herbeizuführen, bleibt abzuwarten.

So oder so, an der aktuell robusten Verfassung der Märkte gibt es nichts zu deuteln. Es hat im Augenblick wenig Sinn, auf die angeblich überkaufte Situation zu weisen. Wenn Märkte stabil nach oben ziehen, sind sie immer überkauft – und wer in diesem Fall Aktien zu früh hergibt, verschenkt Gewinne; und wer sich gegen die Herde stellt und auf Baisse spekuliert, wird niedergetrampelt.

Konkret: 23 von 30 Dax-Werten verlaufen zum Teil mit großem Sicherheitsabstand über ihrer 200-Tage-Linie. Dabei sind alle wichtigen Trendwerte im Dax. Das sind mehr als drei Viertel der Aktien, also stabiler Hausse-Modus.

Schwere Enttäuschung SAP

Nicht dabei ist derzeit hier übrigens SAP. Immer wieder gibt es bei der Software-Schmiede eine Sonderentwicklung, dieses Mal eine enttäuschende. Was sich die Walldorfer vor kurzem in Sachen Kommunikation geleistet haben, verdient die rote Karte. Erst Anfang Januar Wachstum versprechen und großen Optimismus verbreiten, dann diese Woche die große Wende.

Sowohl zum ersten wie zum zweiten Zeitpunkt kannten die SAP-Manager alle Zahlen genau – und dennoch wurden Anleger in völlig unterschiedliche Richtungen gelenkt. Das ist indiskutabel für ein Unternehmen, das eigentlich an der Weltspitze zu Hause sein sollte. Dass SAP-Aktien auch kurstechnisch derzeit unter den Schwachen im Dax rangiert, ist die Quittung der Börse.

Die anderen schwachen Werte im Dax kommen, zumindest teilweise: Adidas, das Russland-Opfer, stabilisiert sich zunehmend, ebenfalls BASF,  über Gazprom und den Ölpreis auch von der Russland-Krise gedrückt. Die Banken arbeiten mühsam an ihrer Wende – vor allem die Deutsche bietet hier die Chance auf eine langfristige Spekulation. E.On und RWE sind fast schon eine Glaubensangelegenheit. Und bei Lanxess sollten Anleger abwarten, ob die Wende nach dem schweren Absturz wirklich gelingt.

Alle anderen 23 Aktien sind aus technischer Sicht entweder stabil im mittel- bis langfristigen Aufwärtstrend oder gehen schrittweise wieder (wie aktuell K+S) in einen solchen über. Der deutsche Aktienmarkt ist derzeit so stark, dass er auch die Griechenlandwahl in ihre Folgen überstehen sollte.

Kursziel 10600 erreicht – und jetzt?

Am 9. Januar wurde hier an dieser Stelle das Kursziel 10600 ausgegeben. Nun, Freitag, 23. Januar, wurde es schon erreicht. Ein bisschen früher als erwartet, dennoch in der Tendenz nicht überraschend. Wie könnte sich der Dax nun weiterentwickeln?

Der Anstieg über 10000 war hochdynamisch, das ist ein gutes Zeichen für den Beginn einer neuen Hausse-Phase. Bei 10600 ist der Index zunächst am oberen Rand des Trends durch die Spitzen 2011 bis 2014 angekommen. Deshalb kann es hier eine Pause geben, darauf eine Short-Spekulation zu starten, wäre aber sehr riskant.

Für mittel- und langfristige Anleger am besten ist es, den Trend laufen zu lassen. Dazu sollte der Dax in den nächsten Wochen bei vorübergehenden Korrekturen nicht mehr unter 10000 rutschen. Alle Notierungen darüber sind eine Bestätigung der Aufwärtstendenz. Neukäufe sind noch möglich. Im Dax bieten sich dazu Nachzügler wie BASF oder Deutsche Bank an.

 

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