Spielraum bis 10600 Punkte im Dax

Die schnelle Erholung im Dax signalisiert eine Fortsetzung der grundlegenden Aufwärtstendenz.
Pessimisten wittern überall Gefahr. Wenn der Ölpreis hoch ist, wie bis Mitte vergangenen Jahres, fürchten sie ein Abwürgen der Konjunktur. Wenn der Ölpreis niedrig ist, wie eben aktuell, sehen sie den Kollaps der Schwellenländer.
Dabei notiert Öl trotz der heftigen Rückschläge in den vergangenen Wochen immer noch deutlich über dem Durchschnittspreis der vergangenen drei Jahrzehnte, der bei rund 40 Dollar lag. Dass die Notierungen zumindest bis dahin gehen könnten, war in der vergangenen WiWo zu lesen.
Den scharfen Rückgang des Ölpreises hatte in dieser Weise niemand auf der Rechnung. Aus diesem Grund dürfte es in den nächsten Wochen weitere Hochstufungen für Konjunktur und Unternehmensgewinne geben. Günstige Energie (wenn Öl billig ist, drückt das auch Gas- und Strompreise) ist einer der wichtigsten Antriebe für die Anlagemärkte in diesem Jahr.
Und die Griechen?

Noch eine Weltuntergangsgefahr.  Dabei  sollte man vor allem als Börsianer nicht vergessen, dass es sich um das politisch aufgeheizte Vorfeld einer Wahl handelt. Die Gefahr eines echten Austritts Griechenlands (mit entsprechend teuren Abschreibungen für die geldgebenden Länder) dürfte real eher gering sein.

Die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass Griechenland in der EU bleibt – gerade wegen seiner schwachen wirtschaftlichen Entwicklung. An der Börse sind Wahrscheinlichkeiten wichtiger als Extremszenarien.

Zudem: Die Tatsache, dass die Aktienmärkte seit der akuten Phase der wirklich gefährlichen Finanzkrise (Herbst 2008 bis Frühjahr 2009) eine der größten  Kletterpartien der vergangenen Jahrzehnte hingelegt haben, zeigt ihre grundsätzliche Robustheit in kritischen Phasen. Warum sollen die Märkte jetzt, nachdem es in vielen EU-Ländern Fortschritte gibt, nun doch noch zusammenbrechen?

Liquidität weiter vorhanden

Sicherlich nicht vor Ende April, sagt die Fed, werde sie die Zinsen erhöhen. Das ist zwar keine fundamentale Neuigkeit, doch die Kurse starten durch. Es ist ein gutes Zeichen, dass Anleger offensichtlich auf solche Signale positiv reagieren.

Wichtiger aber ist, dass die Fed damit zu verstehen gibt, dass sie bei ihrer Zinserhöhungspolitik mit feiner Dosierung vorgehen wird. Also, auch wenn 2016 und danach die Zinsen schrittweise angehoben werden sollten, dürfte das nicht mit der Brechstange geschehen. Und damit können die Märkte leben, denn der Anstieg wird nur kann erfolgen, wenn auch die Wirtschaft läuft, also die Unternehmensgewinne stimmen.
Es ist bemerkenswert, wie es Janet Yellen nach anfänglichen Schwierigkeiten gelingt, auf der Klaviatur der Wirtschaftsakteure zu spielen – um letztlich ihr Ziel zu erreichen: Der Konjunktur Spielraum zu geben, die Märkte nicht abzuschnüren, und als Nebeneffekt den Kurs und das Renommee der eigenen Währung zu sichern. Dieser Mix ist an den Märkten mittlerweile wichtiger als die Angst vor dem Anleihekollaps, wenn eines Tages die Zinswende erfolgt.
Wer angeschlagen ist, hat dafür schon eigene Gründe geliefert

Die Richtung im Dax – erst Korrektur, dann wieder hoch – wurde an dieser Stelle vor einer Woche getroffen, die Intensität allerdings nicht.  Nun, Schwankungen von mehreren Prozent an einem Tag sind normalerweise ein Warnsignal. Sie kommen in der Regel eher vor, wenn die Aktienmärkte oben oder unten sind. Nun, „unten“ sind sie nach sechs Jahren Hausse sicherlich nicht mehr. Dafür „oben“?

Auf die jüngsten Volatilitätsspitzen sollte man durchaus achten. Allerdings fanden sie in diesem Ausmaß bisher bei fast jeder vorübergehenden Marktkorrektur statt. Das Ende der großen Aufwärtsbewegung mit entsprechender Abwärtsdisposition lässt sich daraus nicht ableiten.
Keine der wichtigen Aktien im Dax hat kurstechnisch im großen Bild eine Abwärtswende. Bei RWE und E.On liegen zwar Abwärtsdrehungen vor, aber eben schon seit langem als Folge der Energiewende. Bei der Cobank war es die Folge der Finanzkrise; bei Adidas, Lufthansa, K+S und Lanxess besteht jeweils eine mittel- bis langfristige Abwärtswende aus spezifisch unternehmerischen Gründen.
Die Gefahr, dass der Gesamtmarkt deshalb nach unten dreht, lässt sich damit nicht begründen. Und selbst bei den genannten angeschlagenen Werten sind auf dem mittlerweile erreichten niedrigen Niveau sogar Zwischenerholungen möglich.

Dreiecks-Verhältnis im Dax

Im Dax haben die Schwankungen seit November eine Schiebezone in Form eines Dreiecks entstehen lassen, deren Untergrenze derzeit bei 9250 verläuft, die Obergrenze bei 9850. Etwa in der Mitte liegt die 200er-Linie, knapp über 9500. Aus heftigen Schwankungen um die 200er-Linie könnte im negativen Fall durchaus eine Abwärtswende entstehen. Derzeit aber sprechen mehr Argumente für die bestehende Aufwärtstendenz:
-Der Dax hat zwar innerhalb des Dreiecks die 200er-Linie zweimal nach unten geschnitten, die Erholung danach war aber mindestens ebenso dynamisch wie ausgeprägt. Damit ist das negative Signal aufgehoben.

-Die jüngste Erholung fand bei 9400 statt, also deutlich über der Untergrenze des Dreiecks. Das ist ein Zeichen von Stärke; wiederum positiv für die nächsten Wochen.

-Es liegen wesentlich mehr Dax-Notierungen innerhalb der oberen Hälfte des Dreiecks als in der unteren. Innerhalb der allgemeinen Unsicherheit haben die Käufer eigentlich die Oberhand.

Fazit: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Dax in den nächsten Wochen seine Aufwärtsbewegung fortsetzt, ist größer, als die Gefahr eine Abwärtswende im Index. Optimal wäre in den nächsten Tagen eine kleine Korrektur zwischen 9700 und 9800 – und dann, etwa ab Mitte Januar, der entscheidende Sprung über 9800/9850. Das theoretische Potenzial für die nächsten Monate läge dann bei 10600 Punkten.
Die Entwicklung an den US-Märkten passt dazu: Der Dow Jones hat bei seiner jüngsten Korrektur nicht einmal das Potenzial bis 17000 ausgeschöpft, sondern ist deutlich vor der steigenden 200er-Linie wieder nach oben weg; im Nasdaq 100 ging es zwar bis auf die Unterstützung bei 4100, doch die wurde bisher gut verteidigt. Das sollte den High Techs auch weiterhin gelingen. (Ein Rutsch unter 4100 allerdings wäre mittelfristig kein gutes Signal.)

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