Chance auf neue Top-Kurse

Nach einem kurzen Ausrutscher setzt der Dax seine Jahresendrally fort.

Die Einschätzungen zur Bedeutung der Russland-Krise gehen diametral auseinander: Wer es positiv sehen will, sieht im überraschend billigen Ölpreis (und in weiterhin günstigem Gas und Strom) einen wichtigen Antrieb für die Konjunktur 2015. Pessimisten dagegen verweisen auf die Schwäche Russlands als Absatzmarkt bis hin zu gefährlichen Rückwirkungen einer eventuellen Pleite Russlands auf die Weltwirtschaft. Es ist deshalb auch möglich, dass bei der nächsten Veröffentlichung des Ifo-Index der Rubel- und Russland-Absturz wieder zu einer Ernüchterung führt; bei der jüngsten Erholung des Ifo waren die Währungsturbulenzen noch nicht berücksichtigt.
Nun, zunächst einmal ist ein Ölpreis um 60 Dollar alles andere als ein Problem für die deutsche Wirtschaft. Man muss sich nur einmal entsprechende Nachrichten bei diesem Preisniveau ansehen – da herrschte in der Regel ziemliche Freude über günstige Notierungen: Das geht von den Verarbeitern in der Petrochemie über die energieintensiven Industriebranchen bis hin zum Konsum. Im vergangenen Jahr wurde von europäischen Unternehmen immer wieder auf ihre Konkurrenten in den USA verwiesen, die von günstigen Energiepreisen profitierten.

Schwer politische Preiskurve

Es ist Mode geworden, vor allem unter öffentlichen Kommentaren, jedes Thema so oft zu drehen, dass einem schwindelig werden kann. Dabei wird aber vergessen, dass – vor allem an der Börse – meist eine ziemlich einfache, direkte Logik funktioniert: Wird das Ereignis die Gewinne erhöhen und wurde das bisher  in den Prognosen noch nicht berücksichtigt, steigen die Kurse. Führt es zu niedrigeren Gewinnen und ist es in den Prognosen noch nicht drin, drückt es die Kurse.
Natürlich gibt es darüber hinaus eine große politische Dimension, und die ist bei der Ölpreisentwicklung schon immer sehr ausgeprägt gewesen. Der Ölpreis ist eben nicht nur ein Spiel aus Angebot und Nachfrage, das sich aus Förderquoten, Lagerdaten und Verbrauchszahlen erschließen lässt. Auch die technische Analyse hat mit dem Ölpreis so ihre Probleme. Wer sich längere Zeit mit der Ölkurve beschäftigt, merkt, dass sie immer wieder für ein Fake-Movement gut ist.

Dennoch, die nachhaltige Richtung des Ölpreises ist für Wirtschaft und Börse (neben den Zinsen und den zentralen Währungsrelationen) die wichtigste Kurve. Und da sieht es so aus, als ob sich die Preise auf einem für die Aktien durchaus vorteilhaften Niveau einpendeln könnten.

Rückgang bis auf 40 Dollar möglich

Ein Blick auf die langfristige Ölkurve der vergangenen 25 Jahre zeigt, dass wir in den Neunzigerjahren einen groben Mittelwert um 20 Dollar hatten, dann in den 2000er-Jahren kontinuierlich bis auf 150 Dollar gestiegen sind und seit dem Finanzkrisencrash zwischen 40 und 120 wild schwanken. In dieser dritten Phase steckt der Ölpreis immer noch – nur geht es im Zuge der Russlandkrise (und der Rivalität zwischen Saudis und Schieferproduzenten) zunächst an die andere, untere Begrenzung.
Sowohl die wahrscheinlich anhaltende politische Krise als auch die nüchternen Produktions- und Verbrauchsdaten deuten in die gleich Richtung wie die technische Analyse: Selbst wenn sich der Ölpreis nach dem jüngsten, dramatischen Verfall etwas stabilisiert (sagen wir, zwischen 60 und 80 Dollar), dreht ein solcher Markt nicht einfach wieder nach oben. Im Gegenteil: Er testet oft erst einmal das andere Extrem aus – und das liegt bei rund 40 Dollar.

Für die Aktienmärkte dürfte der Konjunkturimpuls aus dem Ölpreis also durchaus noch etwas anhalten. Und da dies bei vielen Banken bisher noch gar nicht so auf der Rechnung war, sind in den nächsten Wochen sogar Hochstufungen der Unternehmensgewinne möglich.

Dax peilt alte und neue Rekorde an
Angst vor dem großen Weltenende ist an den Aktienmärkte derzeit wahrlich nicht zu spüren. Der Dax läuft, bis auf das kurze Überschießen nach unten, weiter planmäßig. Der erwartete Rücksetzer vergangene Woche ging zwar unter die Marke von 9500; dafür gab es zwischen 9200 und 9500 einen schönen, kurzfristigen Boden, aus dem dann die erwartete starke Gegenbewegung nach oben startete.

Optimal wäre in den nächsten Tagen noch einmal ein Abbröckeln in Richtung 9600/9700 und danach ein Anlauf auf 10000 Punkte. Anfang bis Mitte Januar wäre dann sogar ein neues Hoch möglich.
Rückhalt bekommt der deutsche Markt weiterhin von der Entwicklung in den USA. Hier hat sich der Dow wie im Lehrbuch oberhalb von 17000 gefangen und danach mit neuer Dynamik nach oben gedreht. Dem Nasdaq-100-Index gelang das gleiche Spiel um 4100. Beide Kurven signalisieren einen unverändert stabilen Aufwärtstrend.

Spekulationen um die Deutsche Bank

Unter den Dax-Werten ist derzeit die Deutsche Bank besonders spannend. Dass die Aktie noch immer bei einem Viertel des Marktwerts steht, den sie vor der Finanzkrise aufwies, ist für die führende deutsche Finanzadresse ein Trauerspiel. Die Stimmung zur Aktie der Deutschen Bank ist nach wie vor negativ, die Belastungen vor allem aus den zahlreichen Rechtsfällen real.
Tatsache ist aber auch, dass die möglichen negativen Nachrichten zur Deutschen Bank bei einem Kursniveau um 25 Euro an der Börse weitgehend abgearbeitet sein dürften. Der Raum für positive Überraschungen dürfte deutlich größer sein als der für neue Enttäuschungen.

Könnte der Verkauf der Postbank, über den heftig spekuliert wird, eine solche Überraschung befördern? Nun, der Versuch von Ex-Chef Ackermann, die Deutsche Bank im Breitengeschäft zu verankern, wäre damit endgültig ad acta gelegt. Es wäre ein weiterer Sieg für die Investmentbanker, die trotz aller Widerstände in diesem Geschäft mit der aktuellen Konzernspitze die Oberhand haben.

Für den Aktienkurs wäre ein solcher Schritt zunächst ein Strohfeuer auf einen möglichen interessanten Verkaufserlös. Damit könnte die Deutsche Bank zwar kurzfristig scharf steigen, doch um nachhaltig nach oben zu drehen, sind zwei Dinge notwendig: Klarheit über die juristischen Belastungen und eine nachvollziehbare Strategie für die Zukunft des operativen Geschäfts. Auf beides dürften in den nächsten Wochen immer mehr Börsianer setzen – als Spekulation, nicht als Investment.

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