Börsen schwer angeschlagen

Mit deutlichen Kursverlusten leiten die Märkte die gefährlichen Monate August und September ein.

Kaum war der Dax Radar vergangene Woche mit der Warnung vor wackligen Wochen erschienen, schon knickte der Dax ein. Zwei Entwicklungen werden immer offensichtlicher – und die dürften die Märkte vor allem in Europa auf absehbare Zeit drücken.

Erstes Risiko: Die Krisen sind stärker als bisher befürchtet und könnten die Unternehmensgewinne in den nächsten Monaten spürbar dämpfen

Dass es kurzfristig eine politische Lösung der Ukraine-Russland-Krise gibt, ist Wunschdenken. Die Spirale dreht sich weiter: Auf Sanktionen der Europäer reagieren die Russen mit einer Verteuerung der Energie. Es kommt, wie befürchtet: Die Europäer werden aus politischen Gründen zu einer harten Gangart gezwungen, deren wirtschaftliche Folgen sie aber selbst in erheblichem Maße abbekommen.

Und das betrifft nicht nur einzelne Unternehmen, die vor Ort aktiv sind; das trifft die gesamten Volkswirtschaften  – über höhere Energiepreise, Versorgungsrisiken und über finanzielle Lasten einer in Zukunft wahrscheinlich umfangreicheren Unterstützung der Ukraine. Ein Ausweg aus dieser Zwickmühle ist nur über eine politische Entspannung möglich – und die ist derzeit nicht in Sicht.

Die Rechnung kommt zeitverzögert

In den konkreten Abschlüssen der Unternehmen hinterlässt die Ukraine-Krise bisher noch vergleichsweise wenig Spuren. Seit Monaten war von vielen Unternehmen der Tenor zu hören, „betrifft uns nicht“. Das aber ändert sich gerade, siehe Adidas.

Zur Erinnerung: In der ersten Finanzkrisenphase, als die Märkte schon schwer eingestürzt waren, kamen von vielen Unternehmen noch Beschwichtigungen, alles sei halb so schlimm – bis es auch diese Firmen schwer erwischte, oft mit einem Zeitverzug von mehren Quartalen.

Dabei werden die Erwartungen für 2014 schon reduziert. Noch vor einigen Wochen lagen die hochgerechneten Gewinne der Dax-Unternehmen bei über 720 Euro (bezogen auf den Index). Jetzt, in der aktuellen Berichtssaison, liegen sie noch bei etwas über 700 Euro. Das ist immer noch ein deutlicher Sprung gegenüber 2013 (584 Euro); dennoch ist die Gefahr groß, dass in den nächsten Monaten die Revisionen weiter nach unten gehen.

Zweites Risiko: Die Märkte stecken Zurückstufungen und Rückschläge nicht mehr so locker weg wie im Frühjahr

Daimler und BASF haben bisher einen erfolgreichen Geschäftsverlauf in diesem Jahr. Dennoch haben die Aktien nach einem vielversprechenden Anlauf in den vergangenen Wochen auch deutlich verloren. Infineon meldet gute Zahlen und bessere Aussichten, dennoch geht der Kurs erst einmal nach unten, weil die Aktie in den vergangenen Monaten kräftig gekauft wurde, also schöne Buchgewinne angesammelt hat.

Wenn schon Anleger auf gute Zahlen so verschnupft reagieren, was passiert dann erst mit den Aktien derjenigen Unternehmen, die wirklich enttäuschen? Die werden regelrecht zusammengefaltet, derzeit im Dax die Lufthansa oder Adidas. Bei letzteren ist es nun ausgerechnet der hohe Anteil des Russland-Geschäfts, der belastet. Die zwischenzeitliche Hoffnung auf eine WM-Rally hat sich dagegen in Luft aufgelöst. Bei der Lufthansa wird auf den Pilotenstreik gewiesen, obwohl dessen Folgen schon lange absehbar waren.

Kurz- und mittelfristige Verkaufssignale

Von den 30 Dax-Werten verlaufen nur noch vier deutlich über der 200-Tage-Linie: FMC, Fresenius, Linde und Merck – also alles Werte, die (vor allem die Fresenius-Familie) oft gegen die Gesamttendenz laufen. Weitere neun Dax-Werte notieren zwar noch leicht über ihrer 200-Tage-Linie, drohen aber beim nächsten Kursrückgang darunter zu rutschen. Versammelt sind hier die in den vergangenen Monaten starken Werte wie BMW, Münchener Rück, E.On, RWE oder Infineon. Der Rest im Dax liegt schon deutlich unter der 200-Tage-Linie.

Das heißt: Nur noch 40 bis 50 Prozent der Einzelwerte verlaufen oberhalb der 200er-Linie. Damit ist bei diesem Indikator nicht nur die mittelfristige Aufwärtstendenz gebrochen (das ist bei einem Rutsch unter 75 bis 80 Prozent der Fall); der Markt dreht gerade in eine mittelfristige Abwärtsbewegung.

Kein Wunder auch, dass der Dax selbst nun nicht mehr die 200-Tage-Linie halten kann, die derzeit bei knapp 9500 verlauft (wenngleich er sie auch noch nicht nachhaltig, also um mehr als drei Prozent unterschritten hat).

Nächstes Verkaufssignal: Schon am 4. Juli wurde an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die Untergrenze um 9750 halten sollte. Damals wurde das noch als wahrscheinlich eingestuft. Bei rund 9700 liegen die letzten Hochspitzen aus dem ersten Halbjahr. Der Rutsch unter dieses Niveau ist ein klares Zeichen von Schwäche.

Und noch ein Trendbruch: Die Linie der Aufwärtsbewegung seit Herbst 2011, die den Dax von immerhin gut 5000 Punkten aus sauber auf über 10000 gebracht hat, ist deutlich geschnitten.

Trübe Aussichten für die nächsten Wochen

Ein Rückgang des Dax auf 9000 Punkte dürfte das Mindeste sein, auf das sich Anleger einstellen müssen. Hier verläuft die nächste große Unterstützung aus den Tiefspitzen Ende 2013/Anfang 2014. Ob man hier dann schon gegenhalten kann, bleibt abzuwarten.

Die Schwere der Krisen, ihre Unkalkulierbarkeit, dazu der fundamentale Abwertungsspielraum der Märkte (die sind nicht extrem teuer, aber ein gutes Stück nachgeben können sie schon noch) und die technischen Verkaufssignale sind klare Warnungen: Im breiten Markt sehr vorsichtig disponieren, bestehende Absicherung aufrecht erhalten (die zuletzt rechtzeitig noch in WiWo 31 vorgestellt wurden) und die Märkte ausschwingen lassen.

Die Chance, Aktien in den nächsten Wochen billiger zu bekommen, ist wesentlich größer als die Gefahr, jetzt interessante Einstiegskurse zu verpassen.

Alle Kommentare [1]

  1. Leider lese ich Anton Riedl viel zu selten, das werde ich nun schleunigst ändern.

    Ich springe gerade von einer verstörenden Kolumne von George Packer über den amerikanischen Alp- Traum (die Abwicklung). Ja, das ist Amerika, wie ich es kennen gelernt habe ohne es als echten Trend einordnen zu können.

    Der Wandel durch Outsourcing, Internet, Roboter frisst ihre Kinder, die nach der Ausbildung wegen eines aussichtslosem Arbeitsmarkt schon in „Rente“ geschickt werden müssten,

    Ja, das war es, was den Großen Crash 1929 angetrieben hat, der massive technische Wandel auf breiter Front mit Freisetzung vieler Arbeitsplätze. Das geht weiter.

    Wir müssen die Welt und unser Zusammenleben gründlich neu erfinden.