Wacklige Wochen voraus, Pulver trocken halten

Während die US-Märkte robust den Trend markieren, wird im Dax die Luft immer dünner.

Dreimal hat der Dax versucht, die Hürde von 10000 Punkten nachhaltig (also um mehr als drei Prozent) zu nehmen; dreimal ist er gescheitert. Und nun ist er zeitweise sogar unter die an dieser Stelle genannte, wichtige Marke von 9750 gerutscht; ein Warnsignal selbst für die mittelfristige Tendenz. Sind deutsche Aktien reif für eine längere Korrektur?

Geht es nach der allgemeinen Nachrichtenlage, so wächst die Unsicherheit. Die Krisen im Nahen Osten und im Irak haben zwar bisher nicht zu dem befürchteten Anstieg der Energiepreise geführt, so gesehen hält sich der negative Impuls von dieser Seite in Grenzen. Doch die Auseinandersetzungen in der Ukraine sind für die Märkte gefährlicher.

Brandherd Ukraine-Krise

Aus Anlegersicht bestehen hier zwei zentrale Risiken: Erstens wächst die Gefahr, dass es zu einem neuen Kalten Krieg kommt; das wäre ein schweres und langfristiges Hemmnis für Wirtschaft und Märkte. Man muss sich in diesem Zusammenhang immer wieder klar machen, dass die große Hausse der Neunzigerjahre auch eine Folge der globalen Entspannungspolitik war. Dann kann man ermessen, welche tiefgreifenden Folgen ein politischer Paradigmenwechsel hätte.

Zweitens besteht die Gefahr, dass Europa bei einer starken Parteinahme für die Ukraine enorme finanzielle Hilfen leisten müsste, die dann bei der Bewältigung der eigenen Krise fehlen. Dass die keineswegs ausgestanden ist, zeigt das wacklige Bankensystem in Portugal und die bedenkliche Schwäche des großen Nachbarn Frankreich.

Besonders problematisch: Beides wären substanzielle Belastungen auf Jahre hinaus, alles andere als kurzbeinige politische Krisen. In einem solchen Umfeld könnte auch eine Hausse, wie sie seit 2009 besteht, zu Ende gehen.

Konjunktur hält Kurs

Andererseits, wirtschaftlich läuft es trotz Krisen so schlecht nicht. In Europa insgesamt gibt es zwar immer wieder Schwächezeichen, doch die zentrale Volkswirtschaft, die deutsche, hält Kurs. Die Ökonomen der Commerzbank etwa rechnen damit, dass die Konjunktur in den nächsten Monaten sogar wieder an Fahrt gewinnt.

Gut in Bewegung bleibt auch die chinesische Wirtschaft. Man mag zwar den erstaunlich stabilen Zahlen, die immer wieder um 7,5 Prozent Wachstum pendeln, nicht mit ganzem Herzen glauben; dennoch kommt es bisher nicht zum befürchteten Absturz, vielmehr signalisieren die jüngsten Einkaufsmanagerindizes mit einem Anstieg auf über 50 Punkte wieder Expansion. Dass nach längerer Kurspause auch chinesische Aktien wieder anziehen, ist ebenfalls ein gutes Zeichen.

Robust schließlich bleibt auch die US-Wirtschaft. Hier wirkt sich nicht nur die Dominanz wenig konjunkturempfindlicher Branchen aus (Energie, Konsum); hier sind mehrere führende High-Techkonzerne gerade dabei, eine neue Anstiegsphase in ihrer Unternehmensentwicklung zu starten: Microsoft mit Handys und Hardware, IBM mit Apple als Partner, Intel im Chip-Aufschwung.

Dow im Hausse-Modus, Dax angeknackst

Und das spiegelt sich auch in den Indizes wider. Der Dow ist weiterhin stabil am Hoch um gut 17000 Punkte. Der Nasdaq-100-Index beschleunigt sogar und steuert die nächste große Marke um 4000 an. Zur Erinnerung: In der Jubel-Hausse der Technologie-Papiere im Jahr 2000 hatte er kurzzeitig 4700 erreicht.

Im Dax dagegen mehren sich die Schwächezeichen. Mit dem kurzfristigen Rückgang unter 9700 ist der seit 2011 sauber verlaufende Trend angeknackst. Noch hält die gesamte Zone 9700 bis 9500 (hier verläuft die 200-Tage-Linie), doch wenn der Dax in den nächsten Tagen hier nicht deutlich wegkommt, steigt die Gefahr eines längeren Durchrutschens.

Das zeigt sich auch in der Marktbreite.  In einer stabilen Aufwärtsbewegung verlaufen mindestens 75 bis 80 Prozent der Indexwerte oberhalb ihrer jeweiligen 200-Tage-Linie. Im Dax sind es derzeit nur noch 60 Prozent.  Mit anderen Worten: Schritt für Schritt geht dem Dax die Kraft aus, seinen bisherigen Trend zu behaupten.

Fazit für die mittelfristige Tendenz der nächsten Wochen: Auch wenn der Dax noch keine Wende nach unten vollzogen hat, es wird knapp. Sollten dazu die stabilen Märkte (vor allem in den USA) auch nur in eine Seitwärtsphase übergehen, könnte das hierzulande zu stärkeren Kursverlusten führen. Ohnehin gehört die Zeitspanne August bis Oktober zu den gefährlichsten Phasen an der Börse. Also lieber nur mit ausgesuchten Werten investiert bleiben und einen guten Teil Pulver trocken halten.

 

Alle Kommentare [2]

  1. In 99,9 % aller Artikel über die Börse geht es immer nur um Kursgewinne
    oder -verluste. Also reine Spekulation. Von guten alten Ertragswert
    einer Aktie als langfistiges Invest wird nicht mehr gesprochen.
    Ist doch kein Wunder, wenn alles den Berg runtergeht, wenn alle
    nur noch gierig auf leichtes Spekulationsgeld aus sind.
    Vermögen schaffen, ohne dass tatsächliche Arbeit/Produktivität dahinter
    steht. Ist doch zum Erbrechen!

  2. An der Börse kann in Deutschland nicht mehr um den Ertragswert der soliden Aktieninvestition gehen, da hier lupenreine Doppelbesteuerung der Ausschüttungen (Zuerst Unternehmenssteuern tragen, dann vom Unternehmens-netto nochmals seit 2009 volle Dividendensteuer) vorliegt, und Aktiensparen staatlich nicht mehr gefördert wird. Darüberhinaus erfolgt die Kursgewinnbesteurung seit 2009 völlig unabhängig davon, ob es sich um einen Sekundenzocker oder aber einen langfristig anlegenden Sparer handelt, da die seit 1945 hier unterscheidende haltefristenregelung auf gemeinsames Betreiben der Herren Koch und Steinbrück ersatzlos aufgehoben wurde.

    Nein, Deutschland taugt nur noch zum billigen Zocken und ist trotz seiner einst hoffnungsvollen Börsenfusionen längst in die Zweitklassigkeit abgestiegen. Mit Transaktionssteuern begibt man sich dann in die Drittklassigkeit zu Rom/Paris/Riga … alles politisch gewollt, um die breite Wählerschaft wirtschaftlich naiv und dumm zu halten.