Einige Wochen Korrektur an den Aktienmärkten können noch bevorstehen. Investoren vom Anleihemarkt werden die Rückschläge zu Käufen nutzen.
In einem interessanten Beitrag zur weiteren Zinstendenz war vor kurzem die schöne Formulierung zu lesen von der „Mär des Zinsanstiegs.“ Nun, ein Märchen ist das sicherlich nicht – vielmehr steht dahinter ein Mechanismus von geradezu physikalischer Notwendigkeit. Einfach gesagt: Die Zinsen werden nicht nur steigen, sie MÜSSEN steigen – es sei denn, wir kippen unsere überwiegend marktwirtschaftlich geprägte Wirtschaftsordnung auf den Müll.
Die Commerzbank (deren ökonomische Abteilung nebenbei gesagt wesentlich besser ist als die operative Entwicklung der Bank) hat dazu soeben eine interessante Grafik veröffentlicht. Dabei werden die administrativ festgelegten Leitzinsen mit wirtschaftlichen Realgrößen wie Kerninflation, Wachstum und Veränderung des Außerwerts (als es die D-Mark noch gab) verglichen.
Niedrigzinsen und wirtschaftliche Realitäten klaffen auseinander
Beide Kurven, die Zinsen und diese sogenannte Realitätsfunktion, laufen über Jahrzehnte fast deckungsgleich. Ab 2009 jedoch, nach den massiven Geldspritzen der Notenbanken, geht die Schere brutal auseinander – und seitdem werden die Zinsen künstlich, also aus politischen Gründen, am Boden gehalten.
Jede Zinsprognose muss zunächst einmal am Status Quo ansetzen. Und da besteht als Folge der Finanzkrisenbekämpfung die Ausnahmesituation, dass ein extrem niedriger Zins immer weniger mit der realen Wirtschaft in den meisten Ländern zu tun hat.
Natürlich wird die Schuldenkrise in Europa, das zeigen die jüngsten Rückschläge in Italien und Spanien, noch lange, vermutlich Jahre, anhalten. Damit wird auch der künstliche Zinsdruck nicht einfach weggenommen, die Zinsen werden also nicht einfach nach oben schießen. Aber der Gegendruck von unten wird sich verstärken.
4,0 Prozent statt 0,75 Prozent Leitzins?
Geht es nach dem Modell der Commerzbank, würden die Leitzinsen gemessen an den wirtschaftlichen Realitäten in Deutschland nicht bei 0,75 Prozent stehen, sondern bei vier Prozent. Am langen Ende des Kapitalmarkts wären dann von soliden Schuldnern Kupons von fünf Prozent und mehr zu bekommen. Derzeit gibt es hier 1,5 Prozent und weniger – das zeigt die ganze Diskrepanz.
Wie sich diese Spannung letztlich auflösen lässt, ist offen. EU-Kritiker weisen natürlich vor allem auf die gemeinsame Währung von völlig unterschiedlich starken Wirtschaftsräumen hin – und so etwas kann auf Dauer nicht gut gehen, weil der Ausgleichsmechanismus schwankender Wechselkurse fehlt.
Wenn man also weiter im Szenario eines gemeinsamen EU-Raums mit gemeinsamer Währung denkt, dürfte ein Anstieg auf die genannten vier und mehr Prozent unrealistisch sein. Genauso unrealistisch ist es allerdings, dass wir auf Dauer bei den aktuell extremen Niedrigzinsen bleiben. Damit würden wir nicht nur die aktuelle Zwangsbewirtschaftung der Zinsen fortsetzen, damit schleichen sich immer mehr Fehlallokationen ein: Etwa, dass Unternehmen Anleihen ausgeben für extrem niedrige Zinsen und sich von dem Geld eigene Aktien zurückkaufen.
Aktien müssen langfristig wieder an Bedeutung gewinnen
In einem Artikel in der „Zeit“ wird beklagt, dass die Aktie als Finanzierungsinstrument von Unternehmen in Deutschland eine immer geringere Rolle spielt und immer weniger mit der Stärke der deutschen Wirtschaft korreliert. Das ist bedauerlich, denn Eigenkapital in Form von Aktien ist immer noch eine sehr wertvolle, weil dauerhafte finanzielle Substanz eines Unternehmens – vor allem im Vergleich zu Bankschulden und Schulden an Anleihegläubiger.
Man darf gespannt sein, welche langfristigen Folgen der künstlichen Niedrigzinspolitik sich auf die Unternehmen und die Wirtschaft noch ergeben. Wenn man daran denkt, wie klamme Banken in der Finanzkrise selbst treue Unternehmenskunden hängen ließen, kann einem mulmig werden.
Die andere Seite dieser Entwicklung ist genauso unerfreulich: Wer Anleihen hat und kauft, bekommt wegen der künstlich niedrig gehaltenen Zinsen das Risiko nicht mehr angemessen bezahlt. Mit anderen Worten: Wer Anleihen hat und kauft, verschenkt Geld.
Natürlich gibt es nach wie vor Anleihen, vor allem unter den Corporate Bonds, die ein akzeptables bis gutes Chance-Risiko-Verhältnis bieten. Anleihen sind nicht per se tot – und von heute auf morgen werden die Zinsen ja auch nicht durch die Decke gehen. Doch die Suche nach interessanten Einzeltiteln wird immer schwieriger – und die Ausfallrisiken sind enorm. Würden Sie für 3,5 Prozent Nominalrendite (also real und vor Steuern etwa 1,5 Prozent…) Staatsanleihen mit fünfjähriger Restlaufzeit von Rumänien kaufen?
Fazit: Aktienpositionen strategisch aufbauen, bei Anleihen vorsichtig disponieren
Die Zinsen werden in den nächsten Jahren schrittweise steigen, egal, ob die Schuldenkrise nun innerhalb des Euro-Rahmens bewältigt wird oder eine neue europäische Ordnung gebaut wird, in der sich die Stärke der einzelnen Wirtschaften besser widerspiegelt.
Die Aktienmärkte werden grundsätzlich davon profitieren, allerdings wird sich diese Entwicklung – wie immer an den Kapitalmärkten – in Schüben abspielen. In der aktuellen Marktkorrektur etwa können sich Anleihen wieder leicht erholen, Aktien treten auf der Stelle oder geben nach.
Anleihen bleiben ein Bestandteil eines umfassenden Depots – nur dürfen hier weder die Laufzeiten zu lange sein, noch die Schuldner wacklig. Zudem sollte man grundsätzlich bis zur Fälligkeit disponieren (und dann auch nicht jammern, wenn es in ein paar Jahren höhere Renditen gibt). Wer seine Papiere zeitlich staffelt, kann dann ja immer wieder neu und rentabler investieren.










