» 06.02.2013, 10:29

Europa ist besser als sein Ruf

Die aktuelle Korrektur bei deutschen und europäischen Aktien dürfte noch etwas anhalten, dann kann der Markt den Aufwärtstrend fortsetzen.

Ein Redaktionskollege ist gerade von einer Russlandreise zurückgekommen. Und dabei ist ihm, neben den aussichtsreichen Geschäften der großen russischen Energieunternehmen, vor allem eines aufgefallen: Die dichte Präsenz großer, schwarzer Mercedes-Limousinen – und die generelle Hochschätzung, die deutschen Produkten und deutscher Technologie entgegengebracht wird.

Diese Beobachtung lässt sich durchaus verallgemeinern. Andrew King, Fondsmanager bei BNP Paribas, hat festgestellt, dass es allein unter den für ihn infrage kommenden europäischen Börsenwerten 60 global aufgestellte Unternehmen gibt, die in ihrer Sparte Weltmarktführer sind. Eine solche Dichte solcher Qualitätsunternehmen gibt es sonst nirgends auf der Welt – und, wenn es um klassische Industrie, Anlagen- und Maschinenbau geht, ist das Herz davon in Deutschland.

Anleger kaufen Anteile von Unternehmen, nicht von Regierungen

Diese hohe Qualitätsstufe hierzulande wird gern übersehen, vor allem auch in Europa angesichts der Nachrichten von maroden Volkswirtschaften und Regierungen, die (wie die spanische) immer mehr unter Korruptionsverdacht geraten. Aber wer Aktien kauft, kauft nicht  die Regierung; er kauft Anteile an einem Unternehmen. Und so ist es auch kein Wunder, dass viele europäische Unternehmen viel besser dastehen, als das die Krise mit all ihren negativen Nachrichten nahelegt.

Europäische Unternehmen, so rechnet der BNP-Manager weiter, hätten derzeit eine Nettorendite vom Umsatz von durchschnittlich sieben Prozent. Das verdanken sie der Tatsache, dass sie eben als globale Marktführer zwar durchaus unter dem zum Teil zähen Geschäft in Europa leiden, das aber bestens ausgleichen können durch das internationale Geschäft, vor allem in Schwellenländern.

Rentabel, finanzstark, günstig

Und noch ein weiterer Vorteil europäischer Unternehmen kommt hinzu. Im Gegensatz zu der ersten Phase vor der Finanzkrise sind die Kapitalausstattungen mittlerweile wesentlich stabiler. Das hilft nicht nur, schwache Konjunkturzeiten zu überbrücken; das macht auch anlegerfreundliche Ausschüttungen möglich.

Schauen Sie sich als Beispiel dafür einmal die Münchener Rück an – bei der Warren Buffett sicherlich nicht umsonst gut an Bord ist. Hier stimmt nicht nur das operative Geschäft – der Bedarf an finanzieller Absicherung wird in einer unsicheren Welt tendenziell höher (insofern ist die Münchener Rück ein Wachstumsunternehmen). Die Münchener Rück kann auch leicht ihre Dividende deutlich erhöhen und sieben Euro je Aktie zahlen. Bei Kursen um 139 Euro sind das fünf Prozent Rendite. Das bekommt man von sicheren Staaten schon lange nicht mehr – und so sicher wie einst sind die ja ohnehin nicht.

Bei alledem sind europäische Aktien auch noch günstig bewertet. Im Vergleich zu amerikanischen, asiatischen oder japanischen Aktien liegt die Gewinnbewertung etwa 10 bis 15 Prozent tiefer. Also von Überbewertung oder heiß gelaufenen Märkten kann in Europa keine Rede sein.

Dax mit genügend Spielraum

Kurz zur aktuellen Tendenz: Der Markt setzt, wie erwartet, seine Konsolidierung fort; eine Abwärtswende hingegen ist nicht in Sicht. Kurzfristig hätte der Dax Luft nach unten bis zunächst 7400. Dann, wenn die Korrektur noch etwas länger dauern würde, sogar bis 7100. Hier dürfte in einigen Wochen die 200-Tage-Linie verlaufen.

Vom Timing hat sich das Zeitfenster ab Mitte Januar durchgesetzt. Also: Aufschwung Mitte November bis Mitte Januar, dann seitdem Konsolidierung. Die könnte, geht es nach den durchschnittlichen Schwüngen von sechs Wochen, bis Ende Februar oder Anfang März dauern. Das würde auch etwa mit den anstehenden Parlamentswahlen in Italien zusammenpassen.

» 06.02.2013, 10:29

    2 Kommentare zu “Europa ist besser als sein Ruf”


  1. Girrbach sagt:

    Hallo Herr Riedl,

    haben Sie eine Einschätzung zum Nikkei ? Kommt eine Korrektur oder läuft ohne Rücksetzer weiter ? Kauft nur das neu geschaffene japanische Geld die japanischen Aktien ?
    Mfg
    M.Girrbach

  2. Anton Riedl sagt:

    Hallo Herr Girrbach,

    eine vorübergehende Korrektur im weiten Bereich um 11000 bis 12000 ist schon gut möglich. Würde auch zu den aktuell etwas zäh laufenden klassischen Börsen passen. Grundsätzlich ist der Nikkei aber in einer langfristig atemberaubenden Situation – in der aktuellen WiWo am Wochenende werden Sie dazu einiges in unserem Round-Table finden. Wir sind da sehr zuversichtlich.

    A.R.