» 11.01.2013, 10:12

Der Markt kommt wieder – Zinsen und Aktien steigen

Je eher die akute Schuldenkrise überwunden wird, desto weiter werden Zinsen und Aktien klettern

Der renommierte Anlagestratege Ad von Tiggelen von der ING warnt davor, zu früh die Zinswende auszurufen. Er hat dafür ein zentrales Argument, das in der Tat wichtig ist: Man kann die Märkte derzeit nicht ohne den erheblichen Staatseinfluss betrachten, und hier ist es entscheidend, dass die hohe Verschuldung dazu führen wird, die Zinsen generell niedrig zu halten. Nur so nämlich gibt es überhaupt eine realistische Chance, dass die Schulden abgebaut werden – über schleichende Inflationierung, also einen großen Teil der Rechnung bezahlen private Sparer.

Dass die Märkte derzeit unter einem nie dagewesenen staatlichen Einfluss stehen, Aktien wie Anleihen, sagt auch der langjährige Vermögensverwalter Jens Ehrhardt. Diese Dominanz der Staaten (über die Notenbanken, die in diesem Zug gleich politisiert wurden – und nebenbei ging der guten alten Bundesbank ihre einstmals unabhängige Rolle verloren) kam in Amerika schon vor der Finanzkrise zum Tragen, erlebte aber erst mit den Rettungsaktionen nach der Baisse von 2008 und 2009 ihren internationalen Durchbruch.

Die Finanzkrise als administrativer Einschnitt

Das zeigt sich sehr offensichtlich am langfristigen Chart der Zinsen, eben an der hier vor kurzem genannten Umlaufrendite. Sie hatte schon VOR der Finanzkrise dazu angesetzt, wieder nach oben zu drehen. Dann aber kam der Einschnitt der administrativen Senkungen – und seitdem ging es mit den Zinsen brutal nach unten.

Dennoch, bei rund einem Prozent Durchschnittszinsen (also bei einer realen Entwertung angesichts von zwei Prozent Inflation) gibt es nun schon seit Monaten immer wieder Anzeichen schneller Zinssteigerungen. Warum? Weil sich Märkte auf Dauer eben nicht durch administrative Maßnahmen unterdrücken lassen – es sei denn, man würde sie total regulieren oder einfach abschaffen.

In diesem Sinne kommt dem Unterschied zwischen den kurzen Zinsen und dem langen Ende am Kapitalmarkt eine große Bedeutung zu. Traditionell können die Notenbanken die Zinsen am kurzen Ende beeinflussen. Das überträgt sich dann am Markt wie in Wellen auch auf das lange Ende – mit Verzögerungen und Abschwächungen, je nach konjunktureller Lage. Mit Maßnahmen wie dem Kauf von Anleihen jedoch greifen die Notenbanken auch direkt an das lange Ende. So gesehen stellen sie eine neue Dimension der Notenbankpolitik dar – im Grunde die völlige Usurpation des Zinsmarktes.

Und genau diese Ausnahmesituation erleben wir seit 2008/2009. Aber es ist eben eine Ausnahmesituation und nicht die Normalität in einer funktionierenden Marktwirtschaft.

Je eher – und das ist hier die zentrale These – sich die wirtschaftlichen Verhältnisse (also Verschuldungsrelationen und konjunkturelle Entwicklung) wieder normalisieren, desto eher müssen die Zinsen wieder ihre klassische Lenkungsfunktion einnehmen, also auf einem wirtschaftlich gerechtfertigten Niveau rangieren – und das ist deutlich höher als das derzeit künstlich gedrückte Niveau.

Die EZB bereitet den Rückzug vor

In diesem Sinne ist das jüngste Statement der EZB aufschlussreich. Vom Wording zeigt sich ein Dreiklang:

Erstens ist eine Stabilisierung an den Finanzmärkten zu erkennen. Das betrifft weniger die Aktien, sondern vor allem die Zinsen für verschuldete Länder.

Zweitens: Rechnet die EZB mit einem Ansteckungseffekt auf die Realwirtschaft, dieser Effekt könnte sich im Laufe 2013 immer deutlicher zeigen.

Drittens: Wird das auch in der Realwirtschaft zu einer Erholung führen, damit zu einer erhöhten Nachfrage nach Krediten. Dass Draghi zugleich signalisiert, dass weitere Zinssenkungen in diesem Umfeld wenig wahrscheinlich sind, ist nur noch konsequent.

Das Auslaufen der Zins-Usurpation durch die Notenbanken bedeutet, dass der politische Einfluss auf die Märkte wieder schrittweise abnehmen wird und die Märkte wieder mehr Spielraum für eine Entwicklung bekommen, die von Angebot und Nachfrage geprägt ist.

Drei bis fünf Prozent Umlaufrendite wären angemessen

Die Zinsen müssen in diesem Umfeld nicht gleich explodieren, dennoch dürften sie angesichts des immer noch extrem niedrigen Niveaus durchaus deutlich zulegen. Wenn es zwei Prozent Inflation gibt und Geld eine reale Verzinsung bietet, müsste die Umlaufrendite bei einer mittleren Konjunkturlage durchaus bei drei bis fünf Prozent liegen. Das Potenzial dafür ist also durchaus vorhanden.

So gesehen ist es auch kein Wunder, dass weltweit die Manager der großen Anleihevermögen wie auf heißen Kohlen sitzen. Denn im Gegensatz zu den meisten Privatanlegern, die ihre Anleihen in der Regel zur Fälligkeit auslaufen lassen, zählen hier die laufenden Kursnotierungen. Und da ginge es schwer bergab, wenn die Zinsen steigen.

Kein Wunder auch, dass immer mehr gutes Anlagegeld aus dem riesigen weltweiten Anleihemarkt in den Aktienmarkt fließen wird. Alle großen Aktienindizes zeigen mittel- bis langfristig nach oben. Kurze Reaktionen sind Kaufgelegenheiten – auch für den Dax.

 

» 11.01.2013, 10:12

    Ein Kommentar zu “Der Markt kommt wieder – Zinsen und Aktien steigen”


  1. Girrbach sagt:

    Die Abkopplung der Realwirtschaft von Finanzwirtschaft bereitet mir vor dem Hintergrund der beschriebenen Entwicklungen von Zinsanstieg und Aktienmärkten Sorgen. Kann die expansive Geldpolitik die strukturellen Probleme lösen, damit Nachfrage und Unternehmensgewinne stabil bleiben ? Wie lange müssen die Zinsen am kurzen wie am langen Ende noch niedrig sein um die Realwirtschaft zu stützen ? Wenn das Zinsniveau wieder höher ist; welchen Einfluß hat es auf Realwirtschaft / Aktienmärkte ?
    Beste Grüße M.Girrbach