» 07.09.2012, 10:57

Kursblase oder Kaufchance?

Schneller und stärker als erwartet schießen die Aktienkurse nach oben – weil Draghi endlose Geldhilfen verspricht und der Weg zurück in die Zeit vor dem Euro nun endgültig verbaut ist.  

Mit der Ankündigung, ohne Limit Anleihen maroder Staaten zurückzukaufen, hat Mario Draghi ein Kursfeuerwerk an den Börsen ausgelöst. Länder, die beim Hilfsfonds ESM anfragen, bekommen  gegen Auflagen Unterstützung, eine Staatspleite soll in jedem Fall ausgeschlossen werden.

Nun, eine Überraschung ist das zunächst nicht; schließlich konnte man schon vor der Bekanntgabe darauf setzen, dass es im besten Fall das angekündigte Kaufprogramm gibt, im schlechten wieder nur Hinhaltetaktik.

Mehr als nur Strohfeuer

Dennoch, warum ist dann der Kurssprung danach so massiv? Zunächst waren rein technisch mehr professionelle Anleger auf der Short-Seite engagiert und mussten sich mit zunehmendem Kursanstieg eindecken, ihre zuvor verkauften Bestände zurückkaufen – das potenzierte den Anstieg am Donnerstag nachmittags. Soweit könnte man durchaus von einem Strohfeuer sprechen.

Allerdings, in einem Punkt kann man an der Aktion etwas erkennen, das so vorher noch nicht bedacht wurde. Ob man es nun mag oder nicht, so deutlich kam Draghis Machtwort noch nie rüber. Will heißen: Die EZB wird die Märkte solange fluten, bis die Krise vorbei ist – und sowohl der Euro als auch die Eurozone werden auf alle Fälle erhalten bleiben – Punkt, Ende der Diskussion.

Machtwort gegen Spekulanten

Dieses Machtwort, das in auffälliger Weise sogar von Angela Merkel positiv kommentiert wurde (ein sehr politischer Wandel!), richtet sich vor allem an Baisse-Spekulanten jeglicher Größe; an diejenigen, die durch ihre Wetten gegen angeschlagene Länder die Zinsen immer wieder in astronomische Höhen getrieben und damit die Sanierungsbemühungen der Politik torpediert haben.

Man könnte sogar so weit gehen und sagen, dass diese Demonstration eher in der Lage sein dürfte, die Pessimisten (Verkäufer und Shorties) zu vertreiben, als die faktische Wirkung der Geldspritzen, die ja erst nach mehreren Schritten angesetzt werden können. Natürlich, weil die Hürden für die Hilfen ziemlich niedrig sind, steht der Umsetzung kaum etwas im Weg – das verleiht der Botschaft zusätzlichen Nachdruck. Spielraum zum Nachlegen und Flankieren bleibt obendrein. Womöglich senkt die EZB im Oktober dann noch den Hauptrefisatz auf 0,5 Prozent, den sie jetzt noch bei 0,75 Prozent gelassen hat.

Substanzielle Schritte gegen die Risiken

Bisher hatten die Aktienmärkte weltweit mit drei Kernrisiken zu tun: Schuldenkrise, Wirtschaftsabschwung, Überspekulation (zumindest in den vergangenen drei Monaten sind die Kurse mächtig gelaufen). In Sachen Schuldenkrise ist der Weg zur endlosen Finanzierung ohne Staatspleiten nun beschritten. Gut möglich, dass damit die Angst vor dem großen Zusammenbruch schwindet und das dann auch dem Wirtschaftsklima hilft. Für die Unternehmensgewinne heißt das: Kurz- bis mittelfristig werden sich zwar die zuletzt rückläufigen Aufträge auswirken. Doch danach besteht die realistische Hoffnung, dass die Wirtschaft wieder leicht ansteigt.  Damit ist auch die zweite Gefahr, die einer scharfen Rezession, zumindest geringer geworden.

Und die dritte, die bisher schon gut gelaufenen Märkte? Immerhin hat der Dax allein seit Anfang Juni 1200 Punkte gut gemacht  – ist da nicht schon alles vorweggenommen? Zum Teil steckt sicherlich schon einiges in den Kurse, aber zugleich spiegelt sich immer noch reichlich Untergangsstimmung wider. Das zeigt sich weniger am Bild der Indizes, das sieht man mehr an einzelnen Aktien (in Deutschland besonders an der Commerzbank, an Thyssen und der Metro).

Fundamental nicht überzogen, technisch stark

Zudem hat sich die mittelfristige Verfassung der Märkte trotz des bisher dreimonatigen Aufwärtstrends nicht verschlechtert. Im Gegenteil: Wenn schon latente Optimisten immer wieder mit kurzfristigen Rückschlägen rechnen (wie zuletzt eben der beschriebene mögliche Rücksetzer auf 6600) und diese Rückgänge dann nicht eintreten, wie falsch liegen dann erst die Perma-Bären?

Wenn die Wirtschaft in diesem Jahr einigermaßen hält und im nächsten Jahr womöglich sogar leicht zulegt, gehen die bisher von den Analysten hochgerechneten Prognosen in etwa auf. Dann sind die großen Aktienmärkte zwar nicht billig, aber eben auch nicht teuer. Fundamental besteht also durchaus Spielraum – und gemessen an den Anleihen sind viele Aktien echte Schnäppchen.

Kurstechnisch sieht es entschieden gut aus. In einem breiten Angriff haben die wichtigsten Aktienmärkte der Welt (Dow, Dax) entweder exakt ihre Frühjahrshöhen erreicht (und genau genommen sogar schon leicht übertroffen), oder sie sind (wie der Nasdaq) schon in Neuland vorgedrungen. Selbst der Euro Stoxx hat wichtige Trendlinien genommen. Technisch gesehen ist die mittelfristige Aufwärtsbewegung damit voll und ganz intakt. Im Dax etwa besteht nun mehr als 500 Punkte Abstand zur steigenden 200-Tage-Linie. Von einer Abwärtswende ist weit und breit nichts zu sehen, jeder Rücksetzer ist damit nur eine Korrektur.

Solide Favoriten und Turn-around-Werte

Wie können Anleger nun weiter vorgehen? Wer investiert ist, kann laufen lassen. Neueinsteiger können Rückschläge abwarten. Vielleicht gibt es im Dax ja in der Zone um 7200 eine Pause und die 7000 wird von oben noch einmal getestet.

Als konkrete Einzelwerte im Dax sind zwei Gruppen interessant: Die soliden Werte wie BASF, Bayer, Beiersdorf, Henkel und Merck. Sie laufen stabil im Trend, sind fundamental nicht überbewertet und sollten auch Korrekturen durchstehen.

Chancenreich sind zudem die großen Wende-Werte, Metro (auch wenn sie demnächst nicht mehr im Dax ist), E.On, RWE, die Telekom, die Post (auch wenn da die KfW da gerade ihren Anteil auf 25,5 Prozent reduziert hat).

Eine Glaubensangelegenheit bleiben die Banken. Der gestrige Tag hat gezeigt, dass schnelle, kurze Gewinne möglich sind. Allerdings steht die Branche vor so tiefen Umwälzungen, dass die mittelfristigen Risiken erheblich sind.

Schon nächste Woche könnte es einen Rücksetzer geben: Dann steht die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts an. Am Mittwoch wissen Märkte mehr, ob der Rettungsschirm ESM nun verfassungsrechtlich einwandfrei ist oder nicht. Im Augenblick ist es wenig wahrscheinlich, dass die Richter die geldpolitische Rettungsaktion mit Fundamentalopposition blockieren. Aber spannend wird es schon, wie salomonisch Karlsruhe urteilen wird.

 

» 07.09.2012, 10:57

    2 Kommentare zu “Kursblase oder Kaufchance?”


  1. Windhuk1915 sagt:

    Da bleib ich bei meinen soliden Werten !

    Lieber weniger Rendite, dafür mehr Sicherheit.

  2. anton riedl sagt:

    ja, klar, Sicherheit zählt derzeit ganz besonders – das Problem ist nur, dass es die klassischen Sicherheiten, die man früher so kannte, heute nicht mehr gibt – besonders bei Staatsanleihen. Hier macht ja auch schon der Sprunch vom “renditefreien Risiko” die Runde.

    So gesehen gehen mittlerweile schon einige Investoren bewußt auf etwas höhere Risiken, um überhaupt noch eine Rendite zu bekommen.

    Gruß A.R.