» 22.08.2012, 10:21

Anleihen-Crash und Aktien-Hausse

Die sich abzeichnende Katastrophe auf dem Anleihemarkt wird in den nächsten Jahren die wichtigste Triebkraft für die Aktienmärkte.

Die Kampf um die 7000er-Zone wird nicht einfach. Es geht, wie schon beschrieben, nicht einfach um die runde Zahl. Der gesamte Bereich 6900 bis 7200 ist ein Bollwerk, das sich seit mehr als zehn Jahren wie eine Achse durch den Markt zieht. Also wenn der Dax nun zweimal immerhin bis fast auf 7100 gekommen, dann aber dort abgeprallt ist, bedeutet das einen Zwischensieg. „Nachhaltig“, wie es so schön heisst, wäre die Zone erst bei gut 7200 überwunden, also etwa bei drei Prozent Aufschlag.

Heute, Mittwoch, geht es darum, dass der Dax den Vorstoß der vergangenen Tage weitgehend verteidigt. Dabei darf er etwas nachgeben, von der Signallage aber wäre es gut, wenn es am Börsenschluss mindestens 7040 werden. Und danach, Donnerstag, müsste er wieder anziehen – soweit die ganz kurze Perspektive. Wenn der Dax das heute und morgen nicht schafft, läuft er in eine Korrektur. Dabei muss er nicht zwangsweise mächtig in die Knie gehen, der Anlauf kann aber wiederum einige Wochen dauern.

Anleihemärkten weltweit vor der Wende

Was für den Aktienmarkt immer entscheidender wird, ist der Frust auf dem Anleihemarkt. Viele, die im Dax aktiv sind, schauen zwar mit einem Auge auf den Bund-Future, auf die US-Renditen und vielleicht auch noch die Umlaufrendite. Doch was sich auf den Anleihemärkten dahinter im realen Anleihe-Leben tut, entgeht ihnen häufig.

Dabei wäre es gerade für die Aktien-Pessimisten eine wichtige Erfahrung, sich einmal genau anzuschauen, welches Blutbad auf den Anleihemärkten begonnen hat. Man möge die etwas martialische Ausdrucksweise verzeihen, aber die Risiken und Verluste, die dort schon eingesetzt haben und die in den nächsten Jahren noch viel größer werden dürften, werden die an den Aktienmärkten während der Finanzkrise in den Schatten stellen.

Es gibt keine sicheren Anleihen mehr – nirgends

Bisher ist die Masse der Anlagegelder (und deren Umfang ist viel größer als die auf den Aktienmärkten) in „sichere“ Staatspapiere geflossen. Doch schon heute sind selbst Bundesanleihen alles andere als sicher. Die Realwertvernichtung hat schon begonnen, selbst bei zehn Jahren Laufzeit legt man inflationsbereinigt drauf. Und was passiert, wenn die Zinsen dann erst wieder ansteigen auf ein wirtschaftlich gerechtfertigtes Niveau? Dann werden die aktuellen Bestände deutlich im Kurs verlieren. Dann bleibt nur noch, in den sauren Apfel zu beißen: Entweder die Mager-Papiere bis Laufzeitende durchhalten (und nichts bekommen und real draufzahlen) oder zu Kursverlusten verkaufen.

Ausweichen mit Anleihen ist nicht mehr möglich. Die beliebteste Möglichkeit in den vergangenen Jahren waren Unternehmensanleihen, Corporates, oder, wie man früher sagte, Industrieanleihen. Bei den sicheren Adressen – BASF oder Siemens – gibt es mittlerweile aber ebenfalls nichts mehr. Hier vollzieht sich die gleiche Entwicklung wie bei den Bunds. Wer dann auf drei oder vier Prozent Rendite aus ist, mag auf den ersten Blick mit Adressen wie Thyssen, Hochtief oder Celesio ganz gut fahren. Doch auch hier sind Überraschungen keineswegs ausgeschlossen – etwa, als Thyssen vor einigen Wochen von den Agenturen abgestuft worden ist und die Anleihen in zwei Tagen um zehn Prozent verloren  (das sind die Renditen von drei Jahren!)

Praktiker und Solarworld sind nur die Spitze des Eisbergs

Zu einer regelrechten Zockerei sind Hochprozenter geworden. Praktiker oder Solarworld sind nur die Spitze des Eisberges. Was passiert mit den vielen kleinen und mittleren Emissionen, manchmal nur 50 Millionen Euro Nennwert leicht, wenn die Unternehmen in die Klemme kommen? Oft wird eine Anleihe nur durch eine neue getilgt. Deshalb kommt es auch häufig vor, dass länger laufende Anleihen nicht nur mehr, sondern sogar viel mehr rentieren. Das aber ist ein gefährliches Zeichen – ein Indiz, für die mangelnde Tilgungskraft in fernerer Zukunft.

Egal, auf welchem Renditeniveau man unterwegs ist, auf den Anleihemärkten ist eine extreme Schieflage zwischen enormen Risiken und minimalen Renditen entstanden. Diese Schieflage wird sich – wie jedes extreme Marktungleichgewicht – früher oder später auflösen. Die Renditen müssen steigen, die Kurse werden fallen – und viele Emittenten werden Schwierigkeiten haben, ihre Bonds angemessen zurück zu kaufen.

Und weil die Anleihemärkte so gefährdet sind, bleibt einem immer größeren Teil der Investoren nichts anderes übrig, als Aktien zu kaufen. Die Anleihen-Katastrophe wird der wichtigste Motor für den Aktienmarkt. Vor allem großen Investoren ist es dabei ziemlich egal, ob sie nun bei 7000, 6800 oder 6600 kaufen.

Die Anleihen-Katastrophe wird dafür sorgen, dass jede Korrektur auf den Aktienmärkten immer wieder aufgefangen wird, auch wenn es einmal ein paar Wochen dauern mag, bis sich Das oder Dow jeweils fangen. Aktien sind fundamental und  historisch betrachtet billig.

Und im Vergleich zum Anleihemarkt, der eine Hausse von 31 Jahren hinter sich hat, sowieso.

 

» 22.08.2012, 10:21

    3 Kommentare zu “Anleihen-Crash und Aktien-Hausse”


  1. reiner tiroch sagt:

    da bricht der Aktienmarkt zusammen, denn der Anleihemarkt ist 10x größer und geht in den BILLIARDENBEREICH. ich denke, dass da die Aktien auf den Nennwert fallen.

  2. Marc Girrbach sagt:

    Hallo Herr Riedl,

    ab welchen Kurs/Zinsniveau würden Anleger wieder in den Anleihemarkt zurückwechseln.Falls auf dem Aktienmarkt die Risiken zunehmen, will man evtl. wieder eine Zinsanlage wählen?
    Evtl. fließt auch das neue zu erwartende unbegrenzte Notenbankgeld in alle Anlageklassen, wie 12/2011 bis 05/2012 ?

    Grüße

    M.Girrbach

  3. anton riedl sagt:

    Hallo zusammen,
    um im großen Bild zu bleiben, es geht jetzt darum, dass nach 31 Jahren Anleihen-Hausse Schritt für Schritt immer mehr Investoren in den Aktienmarkt wechseln, nicht aus dem Aktienmarkt in Anleihen. Solche Trends dauern Jahre. Gerade weil der Anleihemarkt so groß ist, genügt ein Teil an Wechselwilligen, und der Aktienmarkt bekommt einen Push.
    Natürlich fließt dann auch Geld in kürzere Zinsanlagen, aber das Gros der langen Anleihen wird bei einem Zinsanstieg dramatisch im Kurs leiden. Und alle großen Investoren, Pensionskassen, Versicherungen, Insititionelle sind bis zur Halskrause mit Anleihen voll. Man kann sich vorstellen, was es da für Bewegungen gibt, wenn diese Anleihen auf einmal im Kurs wecksacken! Der Aktienmarkt wird dann bestimmt nicht zusammenbrechen.

    Das unbegrenzte Notenbankgeld fließt ja nicht an die Anleger – es dient dazu, das Banken- und damit das Finanzsystem zu stabilisieren. Kommt es hier zu Fortschritten, werden es die Notenbanken wieder einziehen. Wer dann wieder Geld braucht (Staaten, Unternehmen usw), muss dafür dann MEHR bezahlen – also höhere Zinsen.

    A.R.