» 03.08.2012, 10:44

Gefährlicher Sommer, besserer Herbst

Der heftige Rückschlag nach der Draghi-Enttäuschung zeigt, dass die Märkte weiterhin anfällig sind. Dennoch könnte in der zweiten Augusthälfte die Basis für einen guten Herbst gelegt werden.

Die Erwartungen an die Notenbank waren hoch, doch heraus kam – fast nichts; jedenfalls, wenn man es aus der Sicht der Geldflut-Optimisten sieht. Und in der Tat, weder Anleihenkäufe noch Zinssenkungen, nur verbale Bekenntnisse waren von Draghi zu hören. Ist die Rettung des Systems und der Märkte durch die Notenbanken damit gescheitert?

Nun, auf den ersten Blick ist das Image von Draghi natürlich mächtig angekratzt. Aber man kann das auch anders sehen. Denn Draghi hat zwar vor einigen Tagen vielversprechende Ankündigungen gemacht und jetzt erst einmal nicht geliefert, doch das heisst ja nicht, dass er dies nicht doch noch tun wird – zu einem späteren Zeitpunkt, den nicht die Märkte bestimmen, sondern er und die Notenbank selbst.

Draghi, der Fuchs

Wie mehrmals an dieser Stelle betont, ist der Überraschungseffekt einer der wichtigsten Waffen der Notenbanken. Und Draghi hat die Märkte bereits mehrmals überrascht. Schon als er antrat, gab es eine schnelle, unerwartete Zinssenkung. Dann die vermeintlich großspurige Ankündigung vergangene Woche – und nun die (ebenfalls vermeintliche) Enttäuschung. In jedem Fall hat Draghi etwas gemacht, das die Märkte nicht erwartet hatten. Wahrscheinlich ist er ein viel schlauerer Fuchs, als er jetzt von vielen Enttäuschten hingestellt wird.

Wenn man diesen Gedanken weiterführt, kann es in den nächsten Wochen und Monaten durchaus massive Maßnahmen der Notenbanken geben. An der grundlegenden Position, dass Spekulationen gegen die EU und den Euro zunehmend gefährlich werden, dürfte sich nichts geändert haben.

Heute früh startet der Dax mit hohen Kursgewinnen, als ob es den Ausverkauf am Donnerstag nicht gegeben hätte. In der Tat ist es ja auch nicht schlecht für den Dax, dass die Notenbanken Souveränität gegenüber den Wünschen der Märkte demonstrieren – und zudem genug Pulver trocken haben, wenn es in den nächsten Monaten wirklich darauf ankommen sollte.

Doch vage Hoffnungen für den Dax?

Seit der zweiten Juli-Hälfte steckt der Dax, wie erwartet, in einer Konsolidierung fest. Bis auf kurze, scharfe Rückschläge kam es jedoch noch nicht zu einem längeren Kursrückgang. Daraus ließe sich für die nächsten Monate sogar ein Szenario ableiten, das positiver als die bisher erwartete August- und September-Korrektur sein könnte.

Dieses positivere Szenario könnte so aussehen: Der Dax kann sich im Zeitfenster der laufenden Korrektur, das in der zweiten Juli-Hälfte begann und etwa bis Ende August/Anfang September reicht, gut halten; also sagen wir einmal: Nach dem ersten Rückgang auf 6550 im Tagesverlauf und der nachfolgenden Erholung auf über 6700 könnte es noch einmal einen Rücksetzer  in Richtung 6400 geben. Auf diesem Niveau aber stabilisiert sich der Dax wieder, womöglich Ende August, und geht dann in eine neue Aufwärtsphase über. Die könnte dann zeitlich mit wirklich effektiven Maßnahmen Draghis zusammenfallen und damit bis in den Oktober hinein zu einem positiven Klima an den Aktienmärkten führen.

Wie gesagt, die Basis für dieses positive Szenario muss sich erst noch herausbilden. Dazu darf der Dax in den nächsten drei Wochen nur langsam und schrittweise abdriften und sollte jeweils in der Nähe der markanten Unterstützungen (von 6600 bis 6400) sofort wieder nach oben drehen.

An der Tatsache, dass August und September kritische Monate sind und bleiben (zumal nach einem vorangegangenen, deutlichen Kursanstieg) ändert das nichts. Wer kaufen will, sollte sehr vorsichtig vorgehen, nur  auf ausgesuchte Werte setzen und dazu Tiefspitzen wie die vom Donnerstag  nutzen.

 

» 03.08.2012, 10:44

    5 Kommentare zu “Gefährlicher Sommer, besserer Herbst”


  1. Klaus F. sagt:

    Der Draghi-Schwur war reine Propaganda, damit die Investoren und Experten die notwendigen Placebos erhalten. Wie beim Pawlowschen Hund floss wie erwartet nur der Speichel, weil zwar geklingelt, nicht aber das Futter geliefert wurde.

    Der so genannte „freie Markt“ ist nur noch konditioniert auf die Maßnahmen der Notenbanken. Realwirtschaftliche Fakten spielen lediglich noch eine untergeordnete Rolle.

    Kein Cent mehr für solche manipulierten Märkte durch die Goldman-Sachs-Connection.

    Herr Riedl, ich weiß, sie müssen liefern, auch wenn sie vermutlich ähnlich denken.
    Wes Brot ich ess,….

  2. Markus sagt:

    Völlig aus dem Blick ist doch zur Zeit wieder die Lage in Griechenland und Spanien geraten. Nachdem der Markt sich in dieser Woche ganz auf die EZB konzentriert hat, dürfte er sich nun wieder mit den beiden Ländern beschäfftigen. Vor allem in Griechenland zeigen sich doch derzeit kaum Fortschritte, wenn es darum geht die Sparversprechen einzuhalten. Angesichts des nahenden Berichts der Troika und eines dramatischen Finanzbedarfs könnte das Land schnell wieder auf die Titelseiten geraten und sich damit die Aussichten wieder verdüstern….

  3. Thomas D. sagt:

    Haaalo,
    wir stehen im Dax bei 6800 und der Mann redet von 6400, hat er weiter steigende Kurse garnicht auf dem Radar? Das sind die Investoren die immer zu spät auf den fahrenden Zug aufspringen…..
    Der Dax ist in den letzten 12 Jahren unterm Strich nicht gestiegen, sondern liegt 15 % unter dem 2000er Hoch trotz enthaltender Dividenden. Ich denke da werden noch einige staunen wie hoch es bis Ende 2013 geht, 50% ist da nix

  4. Klaus F. sagt:

    „An der Tatsache, dass August und September kritische Monate sind und bleiben (zumal nach einem vorangegangenen, deutlichen Kursanstieg) ändert das nichts.“

    Herr Riedl,
    eigentlich gibt es nur noch kritische Monate, jedenfalls was den Euro angeht, bis zur bitteren Neige. Die Situation ist vergleichbar mit einer Wasserleitung voller Löcher, die in immer kürzeren Abständen mit immer größeren Flicken gestopft werden muss. Die Chance wurde jedoch vertan, zu erkennen, dass es sich hier nicht um eine Finanzkrise sondern um eine Systemkrise handelt.
    Die Zeit ist überfällig damit aufzuhören dieses desolate Konstrukt weiter zu flicken, sondern dazu überzugehen, diese Wasserleitung gegen eine neue auszutauschen.

    Hingegen was den europäischen Aktienmarkt angeht, so sind seine Bewegungen mittlerweile ausschließlich vom Geldhahn der EZB abhängig. Die Maßnahmen werden auch hier immer drastischer, während die Wirkungen – ihre Halbwertzeiten – immer weiter abnehmen. Fundamentaldaten sind nahezu bedeutungslos geworden.

    Meine persönliche charttechnische Einschätzung:
    Kurzfristig noch einmal bis an, bzw. knapp über die 7000 (Fishing-Spike), dann Trendwende mit fallenden Kursen bis in den September hinein, die den DAX durchaus bis 5800 führen können.

    Gruß :-)

  5. Anton Riedl sagt:

    @ Thomas: Bitte einige Artikel im Zusammenhang lesen, dann merkt man, dass “der Mann” sich durchaus mit 6400, 6600 und den anderen Marken was gedacht. Es wird hier nicht in jedem Blog die Welt von Adam und Eva an erklärt – mitgedacht natürlich schon -

    @ Klaus F: Sire, geben Sie Gedankenfreiheit! – Es ist derzeit eine der größten Vorteile des schreibenden Berufs, hier eine großen Spielraum zu haben – liefern hin oder her. Also: Das Geschriebene ist durchaus so gedacht und gemeint – und auch hier gilt: Etwas über den einzelnen Blog hinauslesen.

    Ja, Börse ist immer kritisch. Als ich vor nun fast 30 Jahren angefangen habe, gab es schon die Untergangspropheten, die uns immer gesagt haben, dass das ganze System einfach marode ist und den Bach runter gehen wird. Dazwischen ist eine Menge passiert und man konnte Millionen machen (was die wenigsten geschafft haben)

    Meine These: Die Märkte werden zwar beeinflusst, aber nicht in ihrem Kern manipuliert; dafür sind sie zu groß. Selbst die aktuellen Libor-Spielchen gingen nur weit hinterm Komma.

    Deshalb funktionieren die Märkte im Grunde durchaus – und das hat den Vorteil, dass sie die aktuelle Krise eben in vielen Bereichen schon verdaut haben. Gerade die Charts signalisieren das.

    Einen Rückschlag auf 5800 in den nächsten Monaten kann ich natürlich nicht ausschließen. Nur ist er aufgrund des derzeitigen Befunds eher wenig wahrscheinlich.

    Viele Grüße, good trading – A.R.