» 06.07.2012, 11:47

Schwierige Hürden für den Dax

Die aktuelle kurzfristige Konsolidierung sollte nicht unter 6400 gehen und von da aus sollte der Dax noch einen Kletterversuch starten.

Es war keineswegs eine Enttäuschung, wie vielfach geschrieben wurde, dass die Aktien nach erfolgter Zinssenkung erst einmal nachgaben. Es ist die klassische Reaktion, wenn Märkte vorher auf ein solches Ereignis spekulieren, deshalb steigen – und dann das Ereignis eintritt. Sell on good news, und deshalb ist jetzt erst einmal eine kleine Pause angesagt.
Natürlich kann man fragen, ob jetzt schon eine weitere Zinssenkung wirklich eine gute Nachricht ist. Denn sie zeigt ja vor allem, wie ernst die Lage ist und dass Hoffnungen auf Entwarnung nicht angebracht sind.

Zudem hat die EZB damit natürlich einen weiteren Schuss abgefeuert, ihre Munition wird damit weniger. Indessen, noch dürfte den Notenbanken die Mittel nicht ausgehen – egal, ob das nun schon fast Nullzinspolitik ist oder nicht. Den Weg der Fed hat die die EZB ohnehin schon eingeschlagen.

Ebenfalls als Enttäuschung wird oft angeführt, dass die Konjunktur nicht von der neuerlichen EZB-Maßnahme profitieren werde. Das ist aber ist mittlerweile ohnhin nicht mehr der Hauptzweck solcher Aktionen: Es geht um die Rettung der angeschlagenen Banken und damit des Bankensystems. Dahinter steht die Frage nach dem Konjunkturverlauf erst in zweiter Reihe – genauso wie ordnungspolitische Diskussionen, die derzeit heftig hochkochen.
Das wiederum ist natürlich ein Zeichen dafür, wie ernst die aktuelle Krise ist – es geht um die pure Lebensrettung des Systems.

Endzeit wird zum Dauerzustand

Wenn man die säkulare Krise auf der einen und den um 6500 pendelnden Dax auf der anderen Seite sieht, mag sich mancher fragen, wann denn nun der große Knall eigentlich komme. Darauf kann man auf zweifache Art und Weise antworten: Wenn viele den „großen Knall“ erwarten, dann kommt er ohnehin nicht; schockartige Ereignisse an den Märkten kommen nur dann, wenn niemand damit rechnet – sonst könnten sie sich ja auch gar nicht als Schockwelle ausdrücken.
Mehr noch: Seit 2007 mit den Anfängen der Finanzkrise, dem Ende von Banken wie HRE, IKB und Lehman, leben die Märkte mit Untergangsszenarien. Man kann das Gewöhnungseffekt nennen, aber stärker als die Gewöhnung wirkt die pure Liquidität.
Einfach gesprochen: Das Anlagegeld, das in Massen wie nie vorhanden ist, muss ja irgendwo hin. In den vergangenen Jahren ging es vor allem in den Anleihemarkt. Staatsanleihen profitierten von sinkenden Zinsen, Unternehmensanleihen von ihrem Zinsvorteil.

Für diese Entwicklung aber zeichnet sich ein Ende ab. Erstens gibt es kaum noch echte Rendite, zweitens sind die Risiken daran gemessen exorbitant gestiegen, drittens wird ein Zinsboden nach mehr als 30 Jahren Rückgang immer wahrscheinlicher.

Aktien werden überleben

Wenn der Anleihemarkt aber nicht mehr wie bisher die Masse der Anlagegelder aufnehmen kann, wohin soll das Geld dann? Auf Geldmarktkonten, die ohnehin fast nichts bringen und hinter denen Banken stehen, also mittlerweile in vielen Fällen ziemlich wacklige Institutionen? Auswege wie Immobilien, Gold, Oldtimer, Kunstwerke sind nur für wenige geeignet und auch (bis auf Immobilien) keine Massenmärkte.
Insofern führt für viele Anleger am Aktienmarkt gerade wegen der Schwere der Krise kein Weg vorbei. Aber das gilt nicht für den Aktienmarkt als Ganzes, sondern nur für einzelne Teile.

Gut lässt sich das derzeit an der Entwicklung europäischer Standardpapiere verfolgen. Europäische Aktien haben seit den jüngsten Hilfsmaßnahmen kräftig aufgeholt. Man könnte das als Entwarnungszeichen sehen. Ist es aber nicht. Denn innerhalb des europäischen Marktes steigen derzeit vor allem defensive Klassiker aus den Bereichen Nahrungsmittel und Pharma.

 

Der Dax hält sich in diesem Umfeld gut. Nach seinem Durchmarsch auf über 6600 folgt ein Rücksetzer, der allerdings nicht unter 6400 gehen sollte. Von da aus sollte er noch einen Kletterversuch starten – mindestens bis ans bisherige Hoch bei 6630, vielleicht sogar noch etwas darüber hinaus. Die mögliche Obergrenze könnte um 6800 liegen. Da der Dax (wenn er das schafft) bis dahin sechs oder sogar acht Wochen Kletterpartie hinter sich hätte, wäre danach wieder mit einer Gegenbewegung zu rechnen. Die würde dann in die kritischen Monate August und September fallen.

Hinweis: Der nächste Dax-Radar wird erst wieder Ende Juli erscheinen, zwischendurch kann es im Blog eine kurze Aktualisierung geben.

 

» 06.07.2012, 11:47

    5 Kommentare zu “Schwierige Hürden für den Dax”


  1. M.Girrbach sagt:

    Hallo Herr Riedl,

    ist doch merkwürdig, daß die Anlagegelder schon ca. 2010 nicht Aktien fließen.Vielmehr eben in die von Ihnen genannten Anlageklassen. Bei schwächelnder Konjunktur und zurückgehenden Unternehmensgewinnen, frage ich mich ob Aktien gekauft werden.
    Oder eben weil es wirklich keine Alternative mehr gibt.
    Denke aber ebenso, daß nur defensive Werte in Frage kommen. Allerdings entscheiden sich die meisten Anleger für die “sichere” Variante der Bankanlage. Auch die Gesetzgebung (WphG) erschwert der großen Anlegermenge den Zugang zu diesen Einzelaktien.

    Mfg Girrbach

  2. Dieter Bohlens sagt:

    In meinem früheren Berufsleben als Aktienstratege habe ich natürlich auch auf Chartpunkte geblickt. Ob die 6400′er.Marke im DAX jetzt allerdings kurz- oder aber auch mittelfristig hält, ist mir jedoch heute völlig gleichgültig. Wichtig ist doch schliesslich der grobe Rahmen! Erinnern wir uns doch einmal der Zeit der deutschen Währungsreform. Hatte man zuvor die Kriegsanleihe gekauft, war das Geld schlicht und ergreifend weg, hatte man jedoch gute Standardaktien im Depot, so steigerte sich deren Wert wieder kontinuierlich im Laufe der Folgejahre. Ich denke, dass a’ la longue nur Sachwerte überleben können. Immobilien erscheinen mir jedoch nicht gerade vielversprechend. Eine Wirtschaftskrise rafft die Mieter von Gewerbeimmoblien dahin, zu eigenen Wohnzwecken erworbene Häuser bzw Wohnungen können von Seiten des Fiskus mit höheren (für den Eigentümer nicht mehr tragbaren) Grund- und Luxussteuernsteuern oder aber – wie nach dem 2. Weltkrieg praktiziert – mit LAG-Darlehn belastet werden und im deutschen Mietwohnungsbau hat man die Investoren ohnehin bereits mit einer unglaublichen staatlichen Regelwut vergrault. Alle Rechte den Mietern aber dafür wird wenigstens nicht mehr gebaut und aufgrund des daraus entstandenen Mangels steigen die Mieten. Da Immoblien zudem – leider – tatsächlich immobil sind, stellt Betongold meiner Ansicht nach, auch keine erwägenswerte Alternative mehr da.

    Die aktuelle Krise der internationalen Staatengemeinschaft (siehe Bankenunion u. ä. Horrorszenarien) , suggeriert böses, wobei wir allerdings noch nicht genau wissen wie es denn möglicherweise werden könnte.

    Die Zinsen sind bereits so niedrig, dass die Bonitätsrisiken einzelner Emitenten ganz einfach nicht mehr honoriert wird.

    Strategisch spricht daher eigentlich alles für die Aktienanlage. Dabei sollte man sich auf gute Standarwerte konzentrieren! Keine Technologie- oder z. B. Modewerte, weil morgen bereits möglicherweise irgendetwas neues erfunden wird, welcher Umstand das titelspezifische Risiko der einzelnen Aktie nur unnötig erhöht. Da der wirtschaftliche Aufbruch einstmaliger Schwellenländer darüber hinaus irreversibel erscheint, dürften sich Investitionen in solide Rohstofftitel auszahlen. Möglicherweise werden wir, mittelfristig betrachtet, noch einmal fallende Aktienmärkte sehen, da noch – bedingt durch technische Handelsmodelle, mit grossen Hebeln im Derivatemarkt tätiger Fonds- die aktuelle Stabilitätsphase begünstigt wird. Daher empfehle ich einen Finanzpuffer i. H. v. 50 % liquide zu halten und dann in eine solche Krise (niemand weiss ob diese auch tatsächlich eintreten wird, wir leben schliesslich alle mit Hypothesen) hinein die Einstandskurse noch einmal verbilligen zu können. A’ la longue betrachtet dürfte die Aktie jedoch vorhersehbar der klare Sieger bleiben!

  3. Anton Riedl sagt:

    kurz zur aktuellen Entwicklung:

    In der Tat ist der Dax bis Juli-Mitte bis knapp 6800 gekommen. Immerhin ist das ein Anstieg von 5970 seit 5. Juni. Damit hat er vom Zeitfenster und vom Potenzial seinen Spielraum gut ausgenutzt. Genau deshalb ja auch die Aussage, dass es ab der zweiten Juli-Hälfte kritisch wird. Und die jüngsten Abschläge deuten das schon an. Heute, Montag früh, beginnt der Handel schon mit einem deutlichen Gap.

    Die nächsten Wochen werden schwierig. Die Baissiers fühlen sich bestätigt und sehen den Dax bis mindestens 5800 abgleiten. Doch trotz der kritischen Monate August und September muss das dieses Mal nicht so kommen. Um 6400 haben sich im Dax gute Unterstützungen aufgebaut, auch im Dow sieht die Lage mittelfristig keineswegs destruktiv aus. So gesehen sollte sich der Dax in dieser Woche in der Bandbreite 6400 bis 6700 halten.

    Nächste Woche mehr und ausführlicher dann auch zum Fundamentalen!

  4. Anton Riedl sagt:

    Kurzeinschätzung Dienstag: Der gestrige Rutsch unter 6400 hat schon den Charakter eines kurzfristigen Ausverkaufs. Auch wenn sich der Dax heute – Dienstag vormittags – schwer mit einer Erholung tut, sollte er in den nächsten Tagen noch einmal in Richtung 6600 kommen. Danach könnte es schnell wieder auf 6400 gehen – und wenn die dann nicht halten, noch deutlich tiefer.

    Die eklatante Schwäche europäischer Bankaktien signalisiert in der akuten Phase der Schuldenkrise nichts Gutes. Übrigens sind auch Gold und Goldminen schwach – Deflationsgefahren…

    Dass die US-Börsen wesentlich besser aussehen, ist kein Trost – eben die Folge der Euro-Krise. Wenn der Dow über 12700 bleibt, hat er sogar die Chance, eine schöne mittelfristige Konsolidierung für einen nachfolgenden Anstieg zu zaubern.

    Gilt generell: Wie frühzeitig festgehalten ist es ab Mitte Juli sehr kritisch geworden. Die akute Gefahrenzeit dürfte mindestens bis Anfang September anhalten. Also, vorerst keine Zeit für falsches Heldentum…

    A.R.

  5. Anton Riedl sagt:

    Kurzeinschätzung Mittwoch: Mit Mühe und Not, auf Schlusskursbasis, hat der Dax den Bereich um 6400 gehalten. Eine kurze Erholung ist in den nächsten Tagen möglich. Maximalziel um 6600. Aus 6700 wird auf die Schnelle nichts mehr.

    Danach ist Vorsicht angesagt. Durch den ganzen August hindurch ist mit Rückschlägen zu rechnen. Pulver trocken halten und in Erholungen immer mal wieder etwas Liquidität verschaffen.

    A.R.