» 29.06.2012, 10:40

Aufatmen an den Märkten – vorerst

Die Einigung im EU-Streit lässt den Dax wieder steigen. Das war eine wichtige Entwarnung, aber noch keine nachhaltige.

Drei gute Nachrichten für die internationalen Aktienmärkte: In der EU einigt man sich auf eine Kombination aus Wachstumspakt und Stützung der Süd-Länder; in den USA kommt Obama mit seiner Reform weiter; und das Ifo-Institut sieht die weiteren Aussichten der Wirtschaft wieder ein Stück optimistischer.

Wie man zur Einigung in der EU steht, ist im Grunde eine Glaubensfrage. Ordnungs- und stabilitätspolitisch kann man das kritisch betrachten. An den Märkten finden aber solche Feinsinnigkeiten nicht statt. Hier werden Lösungen im Sinne der Geldspritzen-Mentalität gefeiert. Mit andern Worten: Je mehr die EU und die EZB ähnlich wie die Fed vorgehen, desto besser für die Kurse.
Dax musste jetzt kommen

Für den Dax kam die Entwarnung gerade noch rechtzeitig. Bei seiner Stabilisierung im weiten Umfeld der 200-Tage-Linie und in der Zone 6000 bis 6400 ist es zuletzt richtig eng geworden.  Kurzfristig war nach dem Rückfall auf 6100 eine Erholung dringend angebracht .

Technisch ist damit aber ein Problem entstanden. Was macht man mit einem Eröffnungs-Gap von 150 Punkten? Denn so weit hat der Dax heute (am Freitag) über dem Schluss vom Donnerstag eröffnet. Wer auf das Schließen solcher Gaps spekuliert, wird demnächst wieder einen Rückgang auf 6100 erwarten.

Gefährliche Löcher

Wer sagt, dass solche Gaps eine grundlegend neue Markteinschätzung signalisieren, kann das auch positiver sehen. Gleichwohl, in beiden Fällen wird der Verlauf in den nächsten Tagen sehr wichtig. Kommen die Anschlusskäufe, kann es danach schnell in Richtung 6400 oder sogar 6500 gehen. Wenn es schon heute einen wackligen Tagesverlauf gibt, wird die Gefahr eines Gap-Close in den nächsten Wochen deutlich größer.

Positiv ist, dass sich in den USA der Dow wieder über die Zone 12500/600 gerettet hat. Solche Bewegungen (ähnlich wie das kurzfristige Schneiden der 200-Tage-Linie im Dax) sind derzeit zwar mit Vorsicht zu genießen, also keine letztendlichen Kaufsignale, denen eine längere, stabile Bewegung folgt. Vielmehr sind es nur Teilerfolge in der aktuellen Stabilisierung.

Für Anleger, die einen klaren Trend suchen, ist das enttäuschend – aber so unentschieden ist der Markt nun mal auf Sicht von einigen Wochen. Damit bleibt es beim bisherigen Szenario: Das Zeitfenster der Erholung reicht weiter bis Mitte Juli; ein großer und nachhaltiger Anstieg ist indessen nicht zu erwarten.

 

» 29.06.2012, 10:40

    5 Kommentare zu “Aufatmen an den Märkten – vorerst”


  1. Klaus F. sagt:

    Grüße sie Herr Riedl,
    es wird so sein wie nach jeden Gipfel, der jedes Mal als der endgültige Durchbruch gefeiert wurde. Ein paar Wochen Ruhe am Finanzmarkt (Krise? War da was?), um dann jedes Mal mit noch größeren Turbulenzen zurück zu kehren. Bei diesen Beschlüssen auch kein Wunder. Deutschland hat gestern zwei Mal verloren – in Warschau UND in Brüssel.

    Eine Währung, die gerettet werden muss, ist keine Währung.
    Und Banken, die gerettet werden müssen, haben ihr wertvollstes Kapital verbraucht – Vertrauen!

    Aber damit nicht genug, auch die Demokratie wird heute in Berlin eine schwere Niederlage erleiden, durch ein Ermächtigungsgesetz namens ESM.

  2. NEARCO sagt:

    Die Hochstimmung an den Börsen wird in Bälde verflogen sein.

    Wir haben gestern das sog. Todeskreuz im Dax gesehen: die 38 Tageslinie hat die 200er von oben nach unten gekreuzt, eine extrem bearishe Formation.

    In Brüssel wurde nur weisse Salbe verteilt!

  3. Anton Riedl sagt:

    Ja, deshalb ist es auch ganz wichtig, die einzelnen Zeitzonen genau zu unterscheiden:

    -im Tagesverlauf (das habe ich früh angedeutet) ist es ein Zeichen von Stabilität, wenn eben nicht gleich das Gap wieder geschlossen wird;
    -das kann für ein paar Tage- im guten Fall sogar bis Mitte Juli – zu einer Erholung führen
    -dann aber wird es erneut kritisch, denn danach ist das technische Pulver der Erholung wahrscheinlich aufgebraucht

    zum Kreuzen der GDLs: In hektisch schwankenden, sehr volatilen Phasen kann es auch vorkommen, dass solche Schnittpunkte (auch die von mir geschätzten 100er durch 200er) nur mit zeitlicher Verzögerung kommen, oder zu früh. Die Sicherheit der GDL-Schnittpunkt-Signale ist derzeit eingeschränkt.

    A.R.

  4. Anton Riedl sagt:

    Na, es sieht ja ganz so aus, als ob das Gap ein Runaway-Gap war und kein Erschöpfungs-Loch, das gleich wieder geschlossen wird. Damit sind die Chancen zum Jahreswechsel, wie vor einigen Wochen geschrieben, nun doch noch Realität geworden. Übermütig muss man deshalb nicht werden, aber das Zeitfenster ist zunächst noch offen! Schönes Wochenende.

    A.R.

  5. Anton Riedl sagt:

    …”Halbjahreswechsel” natürlich ( bis 2012/13 geht die Prognose noch nicht…)