Nach neuen Tiefschlägen fällt dem Dax die Stabilisierung schwer. Nächste Auffangstation ist die Zone zwischen 6200 und 6300.
Zeitweise ist der Dax schon unter 6300 gerutscht, der Euro unter 1,27 Dollar. Das ist zwar noch keine Panik an den Aktienmärkten, dennoch ist die Lage ziemlich fragil geworden – um es einmal vorsichtig auszudrücken.
Was hat sich in den vergangenen Tagen verändert, in denen der Dax – und der Euro Stoxx natürlich noch stärker – nachgab? An den Wirtschaftsdaten liegt es nicht, die sind alles in allem im Rahmen. Zeitweise etwas gedämpfter aus Amerika, dafür erstaunlich robust hierzulande.
Auch die Unternehmenszahlen stimmen. Zwar gibt es Ausreißer nach unten wie etwa Thyssen, doch hier war auch schon bisher ein Verlust im jüngsten Quartal abzusehen.
Euro-Buchhalter versus Mega-Emotionen
Die entscheidende kurzfristige Veränderung ist die Verschärfung der Griechenlandkrise. Offensichtlich sind die Märkte zwar von den bisher ausgehandelten erheblichen Lasten ausgegangen, dass aber die Situation im realen Griechenland sich eben nicht buchhalterisch lösen lässt, wurde ausgeblendet.
Und die Hängepartie wird noch dauern. Bis Mitte Juni zur Wahl. Und welche Entscheidung dann kommt und wie die europäischen Regierungen damit umgehen, ist auch noch offener denn je.
Gut möglich, dass mit der neuen Richtung in Frankreich auch Kanzlerin Merkel von ihrer bisherigen Linie ein Stück abgeht – man könnte das auch politisch sehen und sagen: der Wechsel in Frankreich gibt ihr überhaupt erst die Möglichkeit dazu, ohne als Verliererin dazustehen.
Nachdem nun sogar auch die Bundesbank jüngst signalisiert hat, sie würde – zumindest vorübergehend – eine etwas höhere Inflation tolerieren, hat sich als Königsweg bei der internationalen Rettung die Geldflutung durchgesetzt (wie immer man das auch ordnungspolitisch beurteilen mag).
Wie stark kann die Belastung um Griechenland den Dax zusätzlich noch drücken? Die Abschreibungen bei den Banken und Finanzwerten können weiter zunehmen, andererseits gibt es gerade bei den Eigenkapitalregeln der Banken zuletzt Fortschritte. Wie hoch die Belastungen für Deutschland sein können, konnten Sie ausführlich in der jüngsten WiWo lesen. An den Märkten werden solche Summe natürlich nicht eins zu eins umgesetzt, in der Regel wird deutlich überzogen.
Führende Aktien angeschlagen
Besteht damit immer noch die Chance auf ein Bodenbildungsszenario im Dax? Ja, aber dass dieses Szenario in den vergangenen Wochen Schritt für Schritt nach unten verschoben werden musste (erst 6600, dann 6400, nun als „letzte“ Untergrenze 6200), ist ohne Frage ein Zeichen für einen angeschlagenen Markt – praktisch gesagt: Keine Basis für solide Investmentkäufe.
Unter den führenden deutschen Aktien haben sich zuletzt gerade einige Schwergewichte verschlechtert: Allianz, Daimler, Dt. Bank und Siemens. BASF sieht noch etwas besser aus, SAP bleibt top (auch wenn hier die Notierungen kurzfristig ebenfalls noch etwas nachgeben können).











5 Kommentare zu “Zitterpartie geht weiter”
Sehr geehrter Herr Riedl,
ist der DAX für Sie ein Lebewesen? Da die WiWo ja eine Wirtschaftszeitung ist, kann man es ja verstehen, wenn darin über den DAX berichtet wird. Aber warum kommen auf den öffentlich rechtlichen Sendern wie ARD und ZDF täglich mehrmals Börsenberichte. Diese Börsen sind doch reine Wettanstalten. Allein deswegen müsste dort eine dicke Börsenumsatzsteuer erhoben werden. An der Börse werden doch keine Werte geschaffen, wenn der Kurs steigt; sondern aber es werden Werte vernichtet, wenn die Kurse fallen, nämlich bei denjenigen, die verkaufen müssen wenn die Kurse niedrig stehen.
Was ich sagen will, ist, warum schreiben ernst zu nehmende Wirtschaftsjournalisten eigentlich über sowas?
Das ist doch vergebene Liebesmüh. Der DAX und andere Indexe gehen rauf und runter. Wer dabei verdient sind doch eigentlich nur die Banken und Börseninstitute.
mit freundlichen Grüßen
Arnold Dreis
Auch wenn Herr Dreis nicht versteht, wieviele Arbeitsplätze die 30 DAX-Unternehmen in Deutschland bereitstellen, oder welchen Kapitalgebern die den deutschen Arbeitnehmern noch zur Verfügung gestellten Arbeitsplätze eigentlich gehören, sind Nachrichten und Hintergrundinformationen über DAX-Bewegungen und die damit einhergehende Weltmarktbewertung maßgeblicher, deutscher Unternehmen für Bessergebildete hochinteressant. Wer Aktien verkaufen “muss, wenn die Kurse niedrig stehen”, sollte allerdings weder zu hohen, noch zu niedrigen Kursen, sondern überhaupt nie Aktien kaufen und sich nicht sinnlos den Kopf zerbrechen.
Hallo Herr Dreis,
ob man will oder nicht, Kapitalmärkte (Anleihen, Aktien etc) sind integraler Bestandteil einer Marktwirtschaft; anders geht es in der freien Wirtschaft nicht. Und auf Märkten regiert Angebot und Nachfrage – eben auch an der Börse.
Banal aber elementar: Wie alle Prognosen sind auch Aussagen zu möglichen Kursszenarien nie wissenschaftlich – das wäre per se ein Widerspruch. Schon bei der Analyse der vergangenen und gegenwärtigen Situation in Wirtschaft und Gesellschaft gehen die Meinungen auseinander; wie könnte es dann erst über zukünftige Entwickungen einen nachvollziehbaren Konsens geben…
Das einzige, was man tun kann, ist Beobachtungen und Erfahrungen in Regelsysteme und Modelle packen und daraus Schlüsse ziehen, die eine gewisse Wahrscheinlichkeit bieten…(und die Reißleine ziehen, wenn es sich als Fehlanalyse herausstellt)
Übrigens, gerade jüngste Fehlgriffe wie bei JP Morgan zeigen, dass dabei keineswegs Banken und Börsen immer verdienen (Wenn das der Fall wäre, könnte man ja einfach Bankaktien kaufen – lieber nicht)
Viele Grüße
A. Riedl
“Und auf Märkten regiert Angebot und Nachfrage – eben auch an der Börse.”
Einer der größten Irrtümer überhaupt. Finanzplätze sind KEINE Märkte.
Oder wird eine Aktie immer dann gekauft, wenn sie günstiger wird?
Und immer dann nicht gekauft, wenn sie teurer wird?
Das Gegenteil ist in der Regel der Fall.
Insofern verhält sich die Börse eher wie eine Zockerbude als ein echter Markt.
Basierend auf diesem elementaren Missverständnis kann natürlich auch jede Analyse nur scheitern und maximal der Unterhaltung dienen.
Doch, es bleiben Märkte, das ist bei Immobilien so, bei Oldtimern, bei Gold, bei Aktien. Man kauft, wenn man will oder braucht oder wenn man glaubt, zu wollen oder zu brauchen – umgekehrt beim Verkauf. Ob das dann billiger oder teuerer ist, ist eine ganz andere Frage (und wie sich dann die Preise entwickeln). So war das immer, schauen Sie sich mal ein paar tausend Jahre Wirtschaftsgeschichte an. Ob man das will oder nicht oder wie man das dann kommentiert (nicht analysiert, wo die Preise hingehen könnten…), bleibt dann ein moralisches Urteil. Das ist jedem selbst überlassen.
Viele Grüße
A.R.