Die amerikanische Notenbank Fed hebt den Diskontsatz an, weil sich die Lage auf den Finanzmärkten wieder stabilisiert. Banken sollen sich damit ihr Geld in Zukunft weniger bei der Zentralbank holen, sondern von privaten Investoren. Nach der bisher extremen Notenbankpolitik ist das im Grunde ein Schritt zurück zur Normalität.
Natürlich stellt sich darüber hinaus die Frage, ob es auch die endgültige Wende in der Zinspolitik ist. Ein Schritt dahin ist es auf alle Fälle – auch wenn Bernanke die Wogen glättet und zunächst eine Anhebung der wichtigeren Leitzinsen von sich weist. Aber sie wird kommen – egal, ob nun im zweiten Halbjahr oder erst 2011.
Je eher Anleger sich dies klar machen, desto verträglicher werden die Reaktionen ausfallen. Dass die Börsen schon am nächsten Tag nach der Fed-Überraschung zumindest in Europa einigermaßen stabil starten, ist ein gutes Zeichen. Für die Banken allerdings dürfte es ein weiterer Nachteil sein, denn sie müssen in Zukunft mehr für Geld bezahlen. Aber dass Banken derzeit weltweit im Brennpunkt der Krisen stehen, ist für Anleger ja nicht neu. Und schlecht ist es natürlich auch für den Euro, der gleich nach der Erhöhung auf unter 1,35 rutschte. An seiner Abwärtstendenz wird sich vorerst nichts ändern.
Daimler in der Bewertungsfalle
Von heute auf morgen wird sich die Wirtschaft nicht erholen. Das zeigt – in Europa – besonders gut der Fall Daimler. Dass 2009 für die Untertürkheimer ein schweres Jahr werden würde, überrascht niemanden; dass die Aktie aber – ein Blue Chip mit 35 Milliarden Euro Börsenwert – in einer halben Stunde erst einmal an die zehn Prozent verliert, zeigt, dass Anleger hier auf dem falschen Fuß erwischt wurden und in Sachen Daimler bisher zu optimistisch waren.
2,6 Milliarden Euro Verlust im Jahr 2009 sind schlimmer als erwartet. Für Börsianer kommt es nun darauf an, wie schnell Daimler 2010 wieder aus den roten Zahlen kommt. Bisher erwarten Analysten einen Gewinn je Aktie von 1,80 Euro. Das dürfte nach der jüngsten Vorlage kaum noch realistisch sein. Damit aber öffnet sich die Bewertungsfalle, in die derzeit vor allem Anleger zyklischer Papiere tappen.
Schon mit den bisherigen Gewinnschätzung hatten Daimler-Aktien ein KGV um 18. Das ging gerade noch. Wenn jetzt aber die Erwartungen nur auf 1,50 Euro gestutzt werden und die Börse bereit ist, dafür ein KGV von 15 zu bezahlen, ergäbe das einen fairen Kurs von 22,50 Euro. Derzeit steht die Aktie bei 31 Euro. Natürlich müssen Daimler-Aktien jetzt nicht gleich so tief sinken. Die Hochrechnung zeigt aber die Risiken, die derzeit in solchen Papieren stecken.
Skepsis ist gut für den Markt
Für die Börse ist der jüngste Kursturz der Daimler-Aktie Teil einer weitergehenden Bereinigung, ohne die es keinen nachhaltigen Kursanstieg gibt. Noch sind zu viele Anleger investiert, noch kommen zu wenig neue, kurstreibende Käufer nach.
In diesem Sinne ist es sogar positiv, dass das ZEW-Barometer im Januar von 47 auf 45 Punkte nachgab. Dieser Indikator misst die Stimmung unter 300 befragten Analysten und professionellen Investoren. Der jüngste Wert spiegelt eine fortschreitende Ernüchterung unter Anlegern wider. Diese Skepsis dürfte sich weiter ausdehnen.
Neben den bisher gebeutelten Branchen Auto, Konsum und Handel werden nun auch die Perspektiven für Stahl und Chemie pessimistischer eingeschätzt. Zur wachsenden Vorsicht gegenüber diesen Zyklikern passen die Ermüdungserscheinungen in den entsprechenden Branchenindizes der europäischen Stoxx-Familie – und die Stabilität defensiver Branchen wie Gesundheit oder Nahrungsmittel. An dieser Aufteilung des Marktes wird sich in den nächsten Wochen nicht viel ändern.
Europa hängt hinterher
Die Meldungen von Daimler passen in die europäische Großwetterlage. Die Diskussion um angeschlagene Volkswirtschaften wie Griechenland oder Spanien geht weiter, gleichzeitig gerät auch die Konjunktur von Taktgebern wie Deutschland ins Stocken. Das vierte Quartal 2009 war eine Enttäuschung. Im ersten Quartal 2010, so befürchtet Bundesbankpräsident Axel Weber, könnte sich die Stagnation fortsetzen. Der Einkaufsmanagerindex der Eurozone stagniert.
Dass europäische Aktien derzeit schlechter als amerikanische Aktien abschneiden, hat neben Finanztransaktionen gegen den Euro (ausführlich dazu WirtschaftsWoche 7/2010) auch realwirtschaftliche Gründe. In den USA stiegen die Baubeginne zuletzt deutlicher als erwartet, die Industrieproduktion ebenfalls, die Frühindikatoren für Januar ziehen an. Ein ähnliches Bild zeigen die Aktienmärkte.
Rückhalt vom Dow Jones
Während der Dax bei 5400 die 200-Tagelinie knapp verteidigte, der Euro Stoxx bei 2700 hektisch um diesen vielbeachteten Durchschnitt oszilliert, hat der Dow derzeit noch sieben Prozent Sicherheitsabstand zur 200er-Linie. Der robuste Verlauf des Dow Jones, der mit seinem jüngsten Anstieg auf über 10300 die Kurslücke vom 4. Februar wie erwartet erst einmal schloss, ist für den Dax derzeit eine wichtige Stütze.
Mehr noch: Mit dem Anstieg auf über 10300 hat der Dow Jones sogar den kurzfristigen Abwärtstrend der vergangenen vier Wochen nach oben durchstoßen. Gut möglich, dass es nun nach fast 500 Punkten Indexgewinn in sieben Tagen zu einem Rücksetzer kommt. Sollte der Dow in den nächsten Tagen dabei nicht unter 10000 – besser noch 10200 – rutschen, wäre das ein gutes Vorzeichen für eine positive Frühjahrssaison an den Weltbörsen.
Eindeutig negativ wäre es allerdings, wenn der Dow in den nächsten Wochen die Zone 9800 bis 10000 nicht hält. Dann besteht die Gefahr, dass der Dow Jones eine große obere Trendwende einleitet, die in den nächsten Monaten zu deutlich tieferen Kursen führen könnte. Das würde dann natürlich auch den Dax mit nach unten ziehen – sehr wahrscheinlich unter das Februar-Tief bei 5400.











7 Kommentare zu “Dax im Windschatten, Fed zieht an”
Seltsam, hier macht man sich Gedanken um den weiteren Verlauf des Daxes.
Hat man immer noch nicht begriffen, daß die Geldgier die Börsenwerte automatisch treibt?
… und es wird alles weitergehen wie bisher. Gier frisst Hirn!
Statt langfristig zu planen und Zukunftskonzepte zu entwickeln, stochern wir im Nebel, jeder macht weiter wie bisher. Dynamische Länder wie China überholen uns und Themen von weltweiter Tragweite (Koppenhagen) liefern enttäuschende Ergebnisse… Eisberg vorraus!
Dass der DAX am Dow Jones bzw S&P 500 hängt, wissen wir schon längst. Der DAX ist kein eigenständiger Index und muss weder isoliert betrachtet noch interpretiert werden. Steigt der DOW, steigt auch der DAX. Es reicht also, nach USA zu blicken. Ein separater “DAX-Radar” kann entfallen.
Klar, deshalb haben wir auch immer mindestens ein Auge auf den Dow – und wenn wir das nicht schreiben, dann haben wir ihn ganz fest im Kopf. Und am besten auch seine wichtigen Unterindizes Utilities und Transports – die alten Railroads. Die sind das Salz in der Suppe eines jeden Dow Theoretikers.
Viele Grüße
A.R.
Soeben kamen die Verbraucherpreise aus Amerika herein. Sie stiegen im Januar um 0,2 Prozent gegenüber dem Vormonat. Erwartet waren plus 0,3 Prozent. Kernindex (ohne Energie und Lebensmittel) –0,1 gegenüber Vormonat, Erwartungen lagen bei +0,1 Prozent. Insgesamt also eher eine Tendenz zur Entwarnung. Klar, dass der Dax darauf hin einen kleinen Luftsprung macht.
Die Zahlen passen zur Linie der Fed. Auch wenn die Diskonterhöhung kurzfristig schon überraschend kam, ein „Schock“ ist sie nicht. Sie ist ein Zeichen dafür, wie ernst es die Fed meint – und das dürfte an den Börsen eher honoriert als kritisiert werden.
Dass Banken nicht mehr so eng am Tropf der Notenbank hängen, ist nachvollziehbar und eigentlich der Normalfall. Der klassische Interbankenmarkt sollte sich zunehmend wieder beleben.
Mit der Diskontsatzerhöhung hat die Fed die Tür aufgemacht – und es werden weitere Schritte folgen. Angesichts der nur langsamen Wirtschaftserholung und der nur in kleinen Schüben anziehenden Preise wird es hier aber nur Trippelschritte geben. Auch das wissen die Märkte jetzt und sollten es gut verkraften. Ein brutales Abschnüren der Liquidität ist wenig wahrscheinlich.
Natürlich, der Euro bekommt durch den Zinsschritt noch etwas mehr Druck. Aber es ist ja nicht so, dass die Fed den Euro damit in eine andere Richtung drängt. Seine Probleme sind zum größten Teil hausgemacht – und im langfristigen Vergleich wären Schwankungen zwischen 1,20 und 1,40 Dollar auch wirklich kein Problem.
Der schwache Euro dürfte übrigens auch dazu führen, dass der Goldpreis vorerst nicht so schnell wieder anziehen wird – in Dollar wohlgemerkt. Besitzern von Gold in Euro kann das egal sein, ihr Metall ist derzeit so wertvoll wie nie. Sie haben quasi einen natürlichen Hedge.
Schönes Wochenende
A.R.
Die von allen Charttechnikern vorausgesagte Korrektur bis auf 5300/5200 und darunter ist ausgeblieben. Stattdessen tastet sich der Dax langsam Richtung 5750. Es sieht so aus, als würden wir uns zur Zeit in einem engen Korridor zwischen 5500 und 5800 bewegen. Wahrscheinlich wird der DAX im spätestens im April wieder anziehen. Die Zinsängste hinsichtlich der FED sind übertrieben. Es wird fühestens im Q4 zu einer moderaten Anpassung kommen. Und man startet von einem wesentlich niedrigeren Niveau aus als in der EU. Also, ich bleibe bei meine These: Mittelfristig betrachtet läuft der DAX seitwärts! Schöne Grüße aus Frankfurt, AJ
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