Bergs „Wozzeck“ in der Deutschen Oper – und Cherubinis „Médée“ in der Staatsoper

Der Auftakt zur diesjährigen Opernsaison in Berlin ist gründlich missraten: Ole Anders Tandberg interessiert sich für Schamrasuren und Tierpathologien, aber nicht für den „Wozzeck“. Andrea Breth gibt „Médée“ als Zigeunerinnen-Aida in einem Rolltorlager der Lächerlichkeit preis.

Wozzeck, Alban Berg – Dirigent: Donald Runnicles, Regie: Ole Anders Tandberg, Titelpartie: Johan Reuter, Deutsche Oper                                 ★☆☆☆☆

Womit anfangen? Vielleicht mit dem Beginn: Der Hauptmann thront in all seiner scheinmoralischen Präpotenz buchstäblich hoch zu Ross und lässt sich dabei einmal nicht vom gedemütigten Wozzeck das Rasiermesser an die Kehle setzen: Ja, sicher, ein einleuchtendes Bild, das kann man machen, zumal wenn man einen Burkhard Ulrich zur Verfügung hat, der den Tugendwahn seiner Figur mit stimmlichen Spitzen auszustellen und dabei einmal mehr zu überzeugen weiß. Aber warum bloß trägt der geschundene Wozzeck einen himmelblauen Anzug und Krawatte? Warum rasiert er sechs Soldaten mit heruntergelassenen Hosen die Scham? Warum stellt Regisseur Ole Anders Tandberg die Figuren in einen Schankraum? Und warum ziehen draußen, vor der Fensterfront, hinten im Bühnenbild, plötzlich Menschen in Trachten vorbei und schwenken dabei norwegische Flaggen? Bloß nicht fragen. Der Abend liefert keine Antworten. Er mischt Belangloses mit Unerheblichem, reiht Nebensächliches und Geringfügiges, untermauert Peripheres mit Irrelvanz. Es ist schrecklich.

Ole Anders Tandberg hat der Deutschen Oper zwei insgesamt feine Produktionen beschert. Eine „Lady Macbeth“ von Tromsø sozusagen, eine Fischerhüttenfrau, die an der Liebelosigkeit und fischigen Fleischlichkeit ihres Gatten, Schwiegervaters und Geliebten zugrunde geht; wer wollte, konnte die Verlegung des Geschehens von der russischen Provinz an die Küste sogar als Referenz an die Freundschaft zwischen Dmitri Shostakovich und Benjamin Britten lesen und sich darüber Gedanken machen, ob die Lady in ihrem Außenseitertum ein wenig dem Peter Grimes ähnelt. Und eine blutrot gewandete „Carmen“, die uns Tandberg als (nie restlos) desillusionierte Frau vor Augen führte, deren Liebeslust den gesellschaftlichen Verhältnissen unterworfen ist, weitgehend durchökonomisiert und auf ihren Gebrauchswert hin berechnet: Eine Frau, die sich, aus Lust und Leidenschaft, nimmt, was sie will – während die Männerwelt ihre Eroberungen nur noch auf Machtgesten, Gewaltakte und anonymisierte Triebabfuhr beschränkt.

Tandberg war auch in diesen Produktionen anfällig fürs allzu Explizite und Ausgestellte, vernarrt in den kleinen Einfall. Doch diesmal nimmt er das Stück und seine Figuren ganz einfach aus dem Spiel: Sein Wozzeck ist nicht gezeichnet, nicht von Wahn, nicht von  Eifersucht, nicht von Armut, nicht von den Demütigungen seiner Mitmenschen und asymmetrischen Machtverhältnissen – das auf die Vorhangwand projizierte Schwarz-Weiß-Gesicht Wozzecks, das den Zuschauer 500 quadratmetergroß immer dann anstarrt, wenn sich zwischen den 15 Szenen der Vorhang senkt, ist eine denkbar dürre, aber noch die mächtigste Regietat. Die Armutsverzweiflung Maries, naschend haschend nach ihrem klitzekleinen Anteil am süßen Leben? Bei Tandberg ziert sie sich fast kokett, um dem Tambourmajor (Thomas Blondelle) bald ausgehungert-liebestoll an die Wäsche zu gehen. „Der Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einem, wenn man hinunterschaut“, heißt es im Wozzeck. Nicht so an diesem Abend. Tandberg interessiert sich nicht für Georg Büchner, Wozzeck, Alban Berg, sondern allenfalls für das leicht pathologische und gründlich trivialisierte Gewalt- und Lusttriebs-Durcheinander einer durchalkoholisierten Nationalfeiertags-Gesellschaft. Allein durch die kaltwissenschaftliche Besessenheit des Doktors, der beispielsweise einem Lurch die Gliedmaßen abtrennt, wird in Ansätzen auch eine Stütze der Gesellschaft erkennbar.

Das beste Ensemble könnte gegen so eine Regie nichts ausrichten. Ob Johan Reuter die irr-hellsichtige Duldsamkeit Wozzecks singen könnte? Elena Zhidkova die entseelt-lebenshungrige Marie? In dieser charakterlosen Inszenierung muss es ein Rätsel bleiben. Sie räumt allenfalls den Nebenrollen die Möglichkeit zu ein bisschen Profilschärfung ein: Seth Carico, allen voran, bleibt als viril-zynischer Doktor in guter Erinnerung. Und das Orchester? Donald Runnicles dirigiert robust und zupackend, er weiß die das Direkte und Gestische der Musik dramatisch zuzuspitzen – aber die komplexen Rhythmen, die fahle Romantik, das völlig unbüchnerisch-verstörende Geheimnis der orgelnd-tonalen Wozzeck-Apotheose zum guten (!) Schluss der Oper, weiß er nicht zu ergründen. Aber vielleicht brauchte es dafür auch mehr Inspiration von der Bühne.

nächste Aufführungen am 19.10., 8.11., 15.11. 

 

Médée, Luigi Cherubini – Dirigent: Daniel Barenboim, Regie: Andrea Breth, Titelpartie: Sonya Yoncheva                                                      ★★★☆☆

Andrea Breth hat an der Staatsoper 2011 vorgeführt, wie ein „Wozzeck“ beispielsweise, ja: beispielhaft zu inszenieren ist: als Kammerspiel und vielschichtige Charakterstudie,  bühnentechnisch gerahmt als Metapher beengter, bedrängender (Macht-)Verhältnisse. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an ihre Médée in der Staatsoper. Und entsprechend groß war die Enttäuschung, als der Vorhang endlich fiel: Hier wird uns keine bedingungslos hassliebende Frau vorgeführt, keine zutiefst verletzt-verlassene Kindermörderin, die gegen Treulosigkeit und Mutterrollenzwang, das Patriarchat und staatsräsonalen Zwang aufbegehrt.

Sondern hier wird eine aidahaft-braungeschminkte Zigeunerbaronin auf die Bühne gestellt, lächerlich glanzkostümiert, schulterfreilasziv und hennabemalt – aber was heißt schon Bühne: Diese Medea irrt als humanrequisitäres Warenäquivalent (Achtung: Kapitalismuskritik!) zwischen Umzugspaletten (Achtung: Heimatlosigkeit!) und Antiken-Souvenirs (Achtung: Klassiker-Zitat!) in einem mittelständischen Rolltorlager (Achtung: Homo sacer!) herum, nur um von einem business-agilen Jason zur Minimierung persönlicher Opportunitätskosten von hier aus wieder woanders hin verhökert zu werden (Achtung: Geflüchtete in Europa!). Einzig das Einfachste stimmt an dieser Regie: Jason, der eindimensionale Mann, immer beutehungrig und beschlagnahmungsbereit, ein eroberungssüchtiger Schürzenjäger, der Medea benutzt, um sich das Goldene Vlies zu erjagen, der Medea zwei Kinder macht, dann zu Kreusa (Dircé) überläuft, aber dabei aber weder von Medea lassen kann noch von Kreusas Begleiterinnen…

Und Medea selbst? Die Regie verlangt keine emotionale Achterbahnfahrt nirgends, keinen seelischen Ausnahmezustand, nichts, keine Verzweiflung, keine Berechnung, keine Dämonie, kein Betteln und Säuseln, kein Hassen und kein Rächen – sie lässt diese Medea ganz einfach im Stich, mit ihren Gefühln allein, inmitten des ökonomischen Mittelstandsidylls: Sonya Yoncheva kann einem wirklich Leid tun. Sie muss schliesslich nicht nur gegen Maria Callas ansingen, die das Stück in den Fünfzigerjahren praktisch im Alleingang zurück ins Repertoire führte, sondern auch aus der albernen Rolle fallen, die ihr Andrea Breth aufgehalst hat – und Donnerwetter: Es gelingt ihr auf höchst eindrückliche Weise.

Yoncheva bannt den Callas-Fluch und das Auditorium nach Callas-Art, mit viel Kraft in der Mittellage und berückendem Ausdruck in der Tiefe. Zumal sie das merkwürdige Gefälle zwischen der (zunächst) noch mozartklassischen Partitur Cherubinis und ihrer schon verdi-veristischen Partie dabei vergessen macht – in Einklang mit einem jederzeit effektbereiten Daniel Barenboim und seiner Staatskapelle, beide in Höchstform – ein stets leicht romantisierter Traum, was da im Laufe des Abends aus dem Graben dringt, die flinke Flöte zu Beginn oder das Fagott, das sich der Néris im zweiten Akt zugesellt, und all die herrlichen Passagen, die stets partiturtreu-geschmacksicher und stark bezeichnet zugleich, molto stringendo und ritardando, immer espressivo, amaroso, maestoso, morendo gespielt werden: ein Musikfest.

Dazu tragen unbedingt auch Elsa Dreisig (Dircé, fulminanter erster Auftritt) und Marina Prudenskaja (Néris, herrlich abgetönte Arie), nicht so sehr hingegen Iain Paterson (Créon) und schon gar nicht Charles Castronovo (Jason) beitragen, der leider auch stimmlich eine Randfigur bleibt. Macht aber nix. In diesem Stück dominieren die Frauen, dominiert Medea – Augen zu also und durch: So lohnt es sich!

nächste Aufführungen am 20.10., 25.10., 28.10.

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