Musikfest Berlin: Von Debussy bis BA Zimmermann

Barenboim, Nelsons, Gergiev mit Stravinsky, Mahler, Bruckner – große Namen beim Musikfest Berlin. Doch am schönsten sind die kleinen Überraschungen.

Gäbe es das Musikfest nicht, man müsste es erfinden – ich habe das so oder ähnlich schon einmal geschrieben, ganz gewiss, aber weil nach den langen Sommerferien nun mal kein idealerer Saisonauftakt denkbar ist als ein inoffizieller, internationaler Großorchester-Wettstreit unter der nicht bindenden Bedingung jährlich wechselnder Jubiläumsschwerpunkte, ist jede Neuauflage eine Art Ritual: Die eingeladenen, oft tourenden Klangkörper versammeln sich  möglichst vollzählig, schwingen sich mit Hilfe sinfonischer Riesengebilde (Mahler, Bruckner) ein auf die Saison und trainieren mit Reißern oder Neue-Musik-Spektakeln Abläufe und Automatismen. Manches hat daher noch Testspielcharakter. Anderes gerät schon zum Ausrufezeichen – zur orchestralen Selbstbeglückung, zur Nachricht an die Konkurrenz auch.

So wie im Fall der Berliner Philharmoniker, die in diesem Jahr gewissermaßen für das Prelude zum Musikfest verantwortlich zeichneten und ihre Saisoneröffnungstournee nach Salzburg, Luzern und London mit Auftritten in Berlin einleiteten. Und dabei legten sie unter ihrem designierten Chefdirigenten Kirill Petrenko eine Siebte von Beethoven hin wie man sie wohl kaum perfekter hinlegen kann: Herrlich das unverschleppte Allegretto mit Klarinette und Fagott, atemberaubend das „con brio“ im Finale – insgesamt fantastisch das Timing, die Balance, die Feinheit der Einzelstimmen (brassige Hörner!), die Durchhörbarkeit der Details bei allem heftig durchpulsten Takt-Gefühl. Keine Frage: Den Berlinern stehen in den nächsten Jahren dank Petrenko viele große Abende ins Haus – nicht zuletzt, weil die Philharmoniker wieder sichtlich Spaß bei der Arbeit haben.

Auch das Musikfest selbst wurde mit einem Vorspiel eingeleitet, und das formvollendet noch dazu: mit den Preludes von Claude Debussy, der vor genau 100 Jahren gestorben ist und vor dem sich die Musikwelt daher in diesem Jahr allerorten verneigt. Wie schön also, dass dem russischen Pianisten Alexander Melnikov eine besonders schöne Verbeugung gelang: Melnikov spielte die 24 Präludien auf (s)einem historischen Érard-Flügel – und verabschiedete sich damit programmatisch von einer Interpretation der kristallinen Arpeggio-Brillanz und duftig-donnernden Akkordschwere. Statt dessen ging es Melnikov erkennbar um Valeurs und die Verflüssigung „rhythmisierter Zeit“ (Des pas sur la neige!) – genauer: um das Paradox, Debussys Stimmungsbilder als je genuine Meisterwerke en miniature zu würdigen – und sie dabei alle zugleich mit rundweicher Schärfe und fahlopaker Klarheit zu zeichnen: als pointillistische Impressionen, die aus dem Salon des langen 19. Jahrhunderts weit hinein ins 20. Jahrhundert weisen.

Tags darauf eröffneten Dirigent Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin den großen Konzertreigen in der Philharmonie – mit dem „Rituel in memoriam Bruno Maderna“ von Pierre Boulez. Dabei nahm sich Barenboim zunächst fast eine halbe Stunde Zeit, um dem Publikum das fast halbstündige Stück näherzubringen: mit unterhaltsamen Erklärungen und  etlichen Anspieltipps, die das auf acht Klein- und Großgruppen im Raum verteilte Orchester stets folgsam erklingen ließ. Die Ordnung des Stückes selbst war aber auch so leicht erkennbar: Mehr oder weniger sinfonische (Blechbläser)-Passagen alternierten regelmäßig mit rhythmisch von Schlagwerk strukturierten Abschnitten; höchst vernehmbar getrennt voneinander durch Gongschläge, dabei ständig an Komplexität gewinnend – und schließlich einmündend in ein beeindruckenes Klangimprovisationstheater, dem Boulez mit markanten Mustern (und Barenboim an diesem Abend mit markanten Bewegungen) Halt verleiht. Immer wieder faszinierend, so auch hier: Das Publikum in der Philharmonie lauscht, von  Barenboim dazu herzlich aufgefordert, 25 Minuten gebannt und hustenstill. Zu Recht: Klasse Musik, die Aufmerksamkeit verlangt! Im Gegensatz zu Strawinskys „Frühlingsopfer“ nach der Pause. Ob es an der Konzertatmosphäre liegt oder an mangelnder Probenzeit? Die Staatskapelle kann das Stück – mit Sasha Waltz‘ Ballett auf der Bühne – viel schärfer, schroffer, schneidender spielen, so viel steht fest. Nicht so an diesem Abend: Schon das Fagott am Anfang klingt nach Schlangen-Schmeichelei, nicht nach Blut und archaischem Ritual.

Auch die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev wissen am, nun ja: katholischen Abend des Musikfestes nur vor der Pause zu überzeugen: mit Bernd Alois Zimmermanns „ekklesiastischer Aktion“. Zimmermann, geboren 1918, hat das Stück kurz vor seinem Suizid 1972 fertiggestellt – ein Abgesang auf die „frohe Botschaft“ des Christentums mit Textschnipseln aus dem „Prediger Salomon“ und der „Großinquisitor“-Erzählung von Dostojewski – ein Nachruf auf die Hoffnung, die sich mit dem Erlösungswerk Jesu verband: Die Menschen, konstatiert Dostojewski, konstatiert Zimmermann, sind an der alles vergebenden Liebe Gottes zugrunde gegangen, an der Freiheit, die man ihnen schenkte, gescheitert. Die dürre, düster-expressive, von Schlagwerk dominierte Klanggeräuschvielfalt des sich zuweilen zu schmerzhaften Tutti verdichtenden Werkes, ist schier überwältigend – zumal die beiden Sprecher (Michael Rotschopf und Josef Bierbichler), vor allem aber Bariton Georg Nigl das Zimmermannsche Lamento in all ihren Extremen, flüstertonlos resigniert bis wutschreiend-weinend, auszukosten wissen: Was für eine fantsatische Stern(halb)stunde! Und nach der Pause: Was für eine Enttäuschung! Ein gründlich entweihter, säkularisierter Anton Bruckner, warum nicht, dafür darf man sich heute entscheiden – aber wenn man die Kathedralen der Neunten schon einreißt, sollte man wenigstens wissen, wozu all‘ die Entkernungsarbeit nützlich sein soll – zumal mit diesem grossen (Celibidache-Bruckner)-Orchester! Es ist ein einziges Rätsel. Wir bekommen nicht Bruckner-Blasphemie zu hören, sondern ein fast schon erschreckend undifferenziertes, geschwind vernuscheltes Bruckner-Getös‘. Ein Tiefpunkt.

Die Berliner wird’s nicht stören. Ihnen versichert das Konzerthausorchester vier Tage später,   dass es viele Quellen exquisiter Klangkultur in dieser Stadt gibt: Philippe Herreweghe, ein Altmeister der Barockmusik, leitet das hochromantische Requiem von Antonin Dvorák, ein unmittelbar mitreißendes, anderthalbstündiges Chormusikwerk mit Orgel, Glocke, Harfe und vier Solostimmen, das Momente innigster Andacht und Passagen höchster religiöser Ekstase kennt – und sich mühelos in die Klassiker der Totenmesse (Mozart, Verdi, Fauré) einreiht. Herreweghe, an diesem Abend wie stets einem eleganten, kantabel-expressiven Stil verpflichtet, stimmt das in seinen Einzelstimmen exzellent besetzte Orchester mit dem formidabel harmonischen CollegiumVocale Gent nuancenreich ab – und wirkt erst eine Spur unbeholfen, als schließlich Wellen des Applauses über die Ausführenden hereinbrechen: Die (leider bei weitem nicht ausverkaufte) Philharmonie überschüttet das belgisch-berlinerische Ensemble förmlich mit Anerkennung und Dankbarkeit.

Ähnlich zu begeistern weiß außerdem Andris Nelsons, der vielbeschäftigte Tausendsassa, je Halbzeit-Chef des Leipziger Gewandhauses und des Boston Symphony Orchestra, das in Berlin mit Mahlers Dritter gastierte. Und tatsächlich wusste Nelsons einmal mehr von seinen überragenden Fähigkeiten Zeugnis abzulegen: Ich kann mich nicht erinnern, dass mich das gut 90-minütige Werk je so durchgehend und von Satz zu Satz mehr gefesselt hätte. Interessant, dass Nelsons das Orchester nicht mehr ganz so gestengroß und überschwänglich rudernd meint antreiben zu müssen – er lässt die Zügel jetzt zuweilen los, weil er sich auf die Perfektion der US-Musiker – speziell der Trompeter und Posaunisten an diesem Abend – verlassen und auf die Gestaltung der Bögen, der Dynamik, der Abstufung und der kleinen rhythmischen Rückungen konzentrieren kann. Chapeau, Mr. Nelsons, wieder einmal: impulsives, zugleich hochgradig genaues Musizieren am Limit – wenngleich zuweilen begleitet von der leisen Sorge: Bürden Sie sich und ihrer Genialität nicht auf Dauer ein bisschen viel auf?

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