Monteverdis L’Incoronazione di Poppea an der Staatsoper

Eva-Maria Höckmayr inszeniert, Diego Fasolis dirigiert Monteverdis Meisterwerk über die schöpferische Zerstörungskraft der Liebe

Am 7. Dezember vor 275 Jahren hat Friedrich der Grosse das von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff erbaute Opernhaus Unter den Linden in Berlin eingeweiht – eine Baustelle südlich von Kronprinzen- und Prinzessinenpalais, gegenüber dem Zeughaus – Knobelsdorff konnte sein Musiktheater erst ein Jahr später vollenden. Und auch 2017 eröffnete die für sagenhafte 400 Millionen Euro renovierte Lindenoper, nach sieben Jahren Bauzeit, in zwei Etappen: Nach einem Festakt am 3. Oktober mit Prominenz vor Robert Schumanns Faust-Szenen zog das Ensemble an diesem Wochenende mit zwei Premieren dauerhaft zurück an den Prachtboulevard: mit Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ und Claudio Monteverdis „L’Incoronazione di Poppea“.

Noch immer sind die letzten Spuren einer Baustelle sichtbar – ein Kabel, das aus der Wand stakt, eine Kachel, die noch fehlt und Chlorgeruch in den Ecken -, aber insgesamt erweckt das Haus mit viel Marmor und Säulenkorinth, Kronleuchterpracht und Samtrot-Bestuhlung schon den Eindruck, den es ganz offenbar schinden will: STAATSoper sein, Unter den Linden, ein gesellschaftlicher Treffpunkt der wilhelminisch-berlinerischen Republik. Wenn nur das wahnsinnig beengte Drängeln in den Pausen und die katastrophale Dichte vor den Garderoben nach der Vorstellung nicht wären.

Auch was die Premieren selbst angeht, gibt es durchaus noch Luft nach oben: Nichts ist falsch in Eva-Maria Höckmayrs Lesart von Monteverdis „Poppea“, aber eben auch nichts wirklich aufregend – eine sehr solide Regiearbeit, wie gemacht für’s Repertoire und für ein einwechselbares Sängerensemble: Amor versetzt die Welt in einen Taumel, zieht den Menschen den Boden unter den Füssen weg – und erscheint den Liebenden doch als ein einziger Goldgrund des Lebens: Sie alle sind ständig präsent auf der schlichten, als breiter Laufsteg des Daseins konzipierten Bühne (Jens Kilian), umgarnen und umarmen sich im Hintergrund bewundernswert ausführlich – und geben wechselseitig die Rampe frei, um ihre, nunja: Gesangsnummern zu schieben.

„Poppea“ ist das modernste Libretto, das Monteverdi vertont hat – und Poppea gewiss seine shakespearehaft schillerndste Figur: eine ehrgeizige, machthungrige Liebhaberin, die die fantasievoll eingesetzte Lendenkraft des Kaisers Nero weckt und ihr zugleich erliegt: Leidenschaft, erotische Anziehung und schiere Geschlechtslust werden uns hier vorgeführt als Vehikel der planenden Ratio zur Eroberung von Macht – und als übermenschliche Götterkraft, die alle Vernunftgründe augenblicklich verschlingt.

Wobei sich das kreative Zerstörungswerk des Liebesgottes sich für Höckmayr mehr als bei Monteverdi (und später Mozart) auf die Menschen selbst erstreckt, nicht nur auf eine hierarchisch geordnete Gesellschaft: Die hetärenhafte Poppea trampelt über die Gefühle ihres Partners Ottone (Xavier Sabata) und Neros Gattin Ottavia (Katharina Kammerloher) hinweg. Nero befiehlt dem Philosophen Seneca (Franz-Josef Selig) gewissermassen im Vorübergehen, seinem Leben ein Ende zu setzen, ganz einfach, weil er die Macht dazu hat. Drusilla (Evelin Novak) liebt Ottone und dient sich ihm nur zu gerne für seine Rachepläne an: Die Regie stellt uns das gesellschaftliche Miteinander als höfischen Zirkus des wollüstigen Habenwollens, der parfümierten Eitelkeiten und gepuderten Egoismen vor (Kostüme: Julia Rösler) – mit einem besonders frivolen Amor in der Rolle des (weitgehend unsichtbaren) Chefconferenciers.

Kein Wunder, dass ausgerechnet Poppea am Ende des wilden Treibens aufwacht: Nach dem Rausch folgt der Kater. Seneca ist tot. Ottone und Drusilla werden verbannt. Und dann singt auch noch die tugendhafte Ottavia zum Abschied leise Servus – am Ziel ihrer Träume, auf dem Höhepunkt ihrer Macht, steht die zweifelnde Poppea plötzlich allein da, weil die Lust in der Person Neros fröhlich weiterzieht, kein Gestern und kein Morgen kennt, allein in der Amoralität vollends aufgeht, ja: selig wird. Wie schade, dass Anna Prohaska dieser Korsett-und-Strumpfhosen-Poppea nicht gewachsen ist: Die schülertheaterhafte Art, mit der sie drei Stunden lang pornographische Lust mimt und zehn Minuten lang Gebrochenheit, grenzt an eine Karikatur des Schauspielerischen.

Was soll’s. An der Seite eines in jeder Hinsicht maximal überzeugenden Max Emmanuel Cencic als Nero weiss Anna Prohaska sängerisch zu überzeugen, auch wenn ihr die allerletzte, gertenschlanke Agilität einer Spezialistinnen-Stimme fehlt – wie überhaupt das Ensemble über alle Rollen hinweg auf aussergewöhnlich hohem Niveau singt, besonders affektgeladen Xavier Sabata, mit ironisch gebrochenem Countertenor Jochen Kowalski, als kräftige Tugend Artina Kapreljan aus dem Kinderchor – und Mark Milhofer, der als Zofe Arnalta zwei kleine Bravourstücke zum Allerbesten gibt.

Und Diego Fasolis im Graben? Zweimal hält er die Partitur hoch, um Monteverdi als den eigentlichen Helden des Abends feiern zu lassen – und tatsächlich: Fasolis und das Ensemble der Akademie für Alte Musik Berlin erweisen sich an diesem Abend als treue, zuweilen etwas ehrfürchtige Diener des grossen Meisters – mit hörbarer Freude an den Raffinessen der Partitur, mit wachem Sinn für jedes Gähnen, Stocken und Frohlocken, das Monteverdi seinen Figuren verordnet – ein Fest des Hörsinns in einem Saal, der – so viel steht fest – auch dem musikalisch Feingesponnenen eine akustisch höchst wertvolle Heimstatt sein wird.

 

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