„Lenin“ von Milo Rau an der Schaubühne

Guido Knopp meets Katie Mitchell: Milo Rau trägt an der Schaubühne mit „Lenin“ den szientistischen Neue-Mensch-Eifer zu Grabe. Aber warum?

Nein, langweilig ist der Abend nicht, und unbedingt zwei Stunden wert ist er auch – wenigstens für den, der sich gut auskennt mit der weltgeschichtlichen Zäsur 1914 ff., der sich interessiert für den Untergang der Monarchien und Vielvölkerreiche und für den  Aufstieg der Nationalstaaten, für die blutigen Kämpfen zur Durchsetzung dessen, was man damals unter der „Herrschaft des Volkes“ verstanden wissen wollte –  für die „Welt von gestern“ (Stefan Zweig), die wortwörtlich in Trümmern lag und für die überschießenden Hoffnungen, die sich an Kairos, Kriegsglück und Schicksal, an Kaisersturz und Zarenmord, Oktober- und Novemberrevolutionen knüpften.

Allen anderen sei vor dem Besuch des Theaters dringend die Lektüre des superben  Programm-Buches empfohlen (Verbrecher-Verlag, fünf Euro), in dem neben „Lenin“, Probenfotos und Regieskizzen zahlreiche biographische Hinweise, Aufsätze und Dokumente versammelt sind, die dem historisch Unbedarften zumindest eine vage Vorstellung von Lenins letzten Lebensjahren geben dürften: von seinen Verletzungen, Hirnschlägen und Lähmungen, von seiner Isolation und seinem schleichenden Machtverlust, von der Mumifizierung und Glorifizierung nach seinem Tod – und von einer im idealistischen und humanistischen Sinn grandios scheiternden Revolution, die von Lenins Nachfolger Stalin auf die Terror-Bürokratie-Spitze getrieben wird.

Regisseur Milo Rau will viel an diesem Abend, vielleicht zu viel: Er stellt einen fiktiven Nachmittag 1923 in Lenins Datscha in Gorki nach und bringt dort nicht nur Lenins Frau, Sekretärin, Protokollchef und Leibarzt, sondern auch Stalin, Trotzki und Lunatscharski, den Volkskommissar für das Bildungswesen, ins Spiel – buchstäblich, denn die Schauspieler, allen voran Ursina Lardi als Lenin, verwandeln sich vor und während des Stücks auf der Bühne – links Garderobe, rechts Schminktisch – in ihre Figuren: Schauspieler zunächst, die ihr privates Lenin-Bild mit zur Arbeit bringen, sodann Träger und Deuter erdachter Szenen und frei montierter, zeitgeschichtlicher Originaltexte – das historische  Re-Enactment „eines frühstalinistischen Nachmittags“ in seiner ganzen „Klebrigkeit, Gemeinheit, Brutalität und Langeweile“, so Rau: mehrfach verfremdet, verdichtet, gebrochen am ikonographisch inszenierten Lenin-Bild der Kommunisten – und am Lenin-Bild, das wir Nachgeborenen in uns tragen.

Und so gesteht, noch bevor die dokufiktionale Rekonstruktion der Todesstunden Lenins beginnt, der Schauspieler Kay B. Schulze am Schminktisch, dass er „die Leute aus dem Westen“ irgendwie darum beneide, „dass Lenin oder Trozki für die noch Ikonen“ sein können: „Da denke ich dann immer: ‚Ja, schön, aber ich hab’s 23 Jahre lang erlebt, den real existierenden Sozialismus…, das reicht mir.'“ Damit ist der Ton der Inszenierung gesetzt, ihr Ziel umrissen: Was folgt, ist Arbeit am Lenin-Mythos und eine Dekonstruktion der kommunistischen Praxis, ihrer antihumanen Eiferei, ihr szientistisch-positivistischer Wahn, „neue Menschen“ im Wege der Brutalität und Wissenschaftsbürokratie erschaffen zu können.

Das gelingt, wenigstens teilweise – denn es ist fast schon anmassend, was Rau hier alles in 120 Minuten packt, was der Abend sein und durchbuchstabieren soll: historische Dokumentation und Psycho-Drama, kommunistischer Zitatenschatz und Mummenschanz, eine Reflexion über Lenins Hass auf alles Halbherzige und über die Merkwürdigkeit seines Legendenstatus, ein Lehrbeispiel für naturalistische Theater-Ästhethik und ein Meta-Diskurs über die Möglichkeiten und Grenzen der „Inszenierung“ von historischen Stoffen.

Rau stellt uns Lenin als falschen Götzen der Linken vor und entlarvt die Kristallsarg-Idolatrie der Stalinisten als Verrat am Grundsatz der Gleichheit. Er präsentiert uns Trotzki (Felix Römer) als salonkommunistischen Lüstling mit einer Schwäche für alles Wienerische (inklusive Wedekind und Freud) und Stalin (Damir Avdic) als Personifizierung eines Machthungers, der sich über alle Menschlichkeiten hinwegsetzt und keine Brutalität scheut. Er wirft einen beklemmenden, fast schon schmerzhaft intimen Blick auf die Hinfälligkeit des kranken Lenin (unverschämt gut: Ursina Lardi) und auf die disziplinierte Zuneigung und funktionale Sorge seiner Frau (mit ausdrucksvoller Ausdruckslosigkeit: Nina Kunzendorf). Er  lässt von Pawlow bis Marinetti die intellektuellen Moden der Zeit Revue passieren, tischt uns die Animositäten zwischen Lenin, Stalin und Trotzki auf, diskutiert mit den dreien, inhaltlich wie formal, die propagandistischen Möglichkeiten des Theaters und Kinos (für Politiker und Regisseure) – und vedoppelt dementsprechend das (auf einer Drehbühne meist nur halbwegs Gezeigte oder gar nicht Sichtbare) im Stile von Katie Michell als Live-Film auf eine Grossleinwand, die für den Zuschauer sehr schnell zum eigentlichen Ort der Aufmerksamkeit wird. Und um den Ganzen die Krone aufzusetzen, konterkariert er auch noch den Hyperrealismus der Bühne und Kostüme (Anton Lukas, Silvie Naunheim) mit der religiös inspirierten Musik von Bach (Jesu bleibet meine Freude (sic!)) und Arvo Pärt (Tabula rasa (sic!)): Die Kommunisten haben die Religion abgeschafft und die Reliquien der Heiligen zum Teufel gejagt, um ihren Wahn vom „Endsieg des arbeitenden Menschen“ zur säkularen Religion zu erheben und „Lenin“ als Ikone anzubeten…

Das alles ist gesamtkunstwerklich durchdacht, perfekt komponiert, hochanspruchsvoll  arrangiert und handwerklich meisterlich ausgeführt (abgesehen davon, dass Ton-und Bildspur nicht zueinander finden wollen) – und wirkt am langen Ende doch nur wie ein Fernsehabend mit ZDF-Historiker Guido Knopp. Mit dem Unterschied, dass Knopp wohl die beiden entscheidenden Punkte stärker herausarbeiten würde, die in Raus artifiziellem Hochglanzprodukt auf der Strecke bleiben. Erstens: Was ist dran am Mythos vom „guten Lenin“ und „bösen Stalin“? Wie weit darf man, eingedenk des weltgeschichtlichen Klimas 1917, Lenin folgen in seiner revolutionären Hoffnung, den „räuberischen Kapitalismus“ an der Wurzel zu packen, zu vernichten? Und wie kommt es zu den historischen Momenten, in denen plötzlich alles möglich ist (und plötzlich alles erlaubt zu sein scheint), weil die Erlösungssehnsucht der Massen sich in politische Aktion wendet? Und zweitens: Welche Formen nimmt die politische Eschatologie heute, nach dem Ende der großen Erzählungen, an? Wie gefährlich sind die „Heilsbringer“ von heute, die luziferischen Religionsterroristen aus dem Nahen Osten zum Beispiel oder auch die offenbarungseifrigen Tech-Engel aus dem Silicon Valley?

Gut möglich, dass man von Milo Rau dazu demnächst mehr erfährt – zum Beispiel schon an diesem Wochenende, während der „General Assembly“, einem „Weltparlament“, zu dem sich 60 Abgeordnete aus der ganzen Welt an der Schaubühne versammeln, „um darüber zu diskutieren, wo wir als Weltgemeinschaft stehen und was zu tun ist – sozial, ökologisch, technologisch und politisch“. Doch ein Theaterabend ist ein Theaterabend ist ein Theaterabend – und muss für sich bestehen können. Das tut „Lenin“, wenn man es für nötig hält, der Entbalsamierung einer balsamierten Mumie, die bereits 1989 mumifiziert wurde, beizuwohnen – mit Blick auf Russlands Erwachen unter Putin und Chinas Weltmachtansprüche womöglich keine schlechte Idee. Nur leider bereits die dritte Idee, die Milo Rau an diesem Abend ausdrücklich nicht verfolgt.

Die nächsten Vorstellungen am 5., 16., 17. 18., 19. November; 5., 9., 12. Dezember

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