Auftakt beim Berliner Ensemble: Camus‘ Caligula

Starke Stücke, starke Stoffe, starke Schauspieler hat der neue Intendant Oliver Reese angekündigt. Und gleich geliefert. Camus‘ Caligula gerinnt noch zur Farce. Aber Brechts Kreidekreis verspricht ein Repertoire-Renner zu werden. Insgesamt: Ein vielversprechender Auftakt am Schiffbauerdamm (Teil 1). 

Der Berliner Historiker Jörg Baberowski hat vor zwei Jahren ein ausgezeichnetes Büchlein über Situationen vorgelegt, die die Entstehung von Gewalt begünstigen und ihre Dynamiken verständlich machen. Baberowski machte darin Front gegen eine rein negative Anthropologie, die den Menschen als Freiheitsbestie imaginiert – als Instinktmaschine, die ihre zivilisatorischen Grenzen verlässlich überschreitet, sobald die Verhältnisse es erlauben und das (Un-)Denkbare machbar erscheint. Statt dessen zeigte Baberowski, dass es „Räume der Gewalt“ gibt, die Optionen zu ihrer Entgrenzung eröffnen – Optionen, von denen manche Menschen Gebrauch machen, manche aber auch nicht.

In Albert Camus‘ Stück Caligula ist es der römische Kaiser, der (vor allem sich selbst) einen Raum der Gewalt öffnet, aus intellektueller Lust und Langeweile – aus Gelegenheit. „Die Dinge scheinen mir so, wie sie sind, nicht befriedigend“, sagt Caligula und: „Die Menschen sterben und sie sind nicht glücklich.“ Also strebt er nach dem Unmöglichen, Unsinnigen, Unsterblichen, nach der Umwertung aller Werte, und nach der Transzendenz seines öden irdischen Daseins – nach dem Mond: „Das ist etwas, was ich nicht habe.“ Caligula, am Anfang des Stückes noch eine Figur, die das Beckettsche Personal vorwegnimmt, ist Nietzsche minus Übermensch minus Mitleid (Schopenhauer): Der Mensch hat die Götter aus dem Himmel vertrieben, aber er selbst kann nicht an ihre Stelle treten, nur so tun. Also revoltiert Caligula, zum Sisyphos fehlt ihm die Demut – und spielt, sich selbst entfesselnd  zu menschenverachtender Freiheit: Gott.

Camus hat das 1945 uraufgeführte Stück unter dem Eindruck von Faschismus und Zweitem Weltkrieg seit 1938 mehrfach umgearbeitet – und man liest es ihm heute an: Was einmal ein freches nihilistisches Gedankenspiel fürs Theater war, kann angesichts des Todes und Leids von Millionen Menschen so nicht stehen bleiben. Das Ergebnis ist höchst widersprüchlich: Caligula steckt voller retweetfähiger Aphorismen („Alles ist gleichrangig: Roms Größe und deine Gichtanfälle“ – „Regieren heißt stehlen – das weiß doch jeder“ – „Die Macht gibt dem Unmöglichen eine Chance“ – „Es ist besser das Laster zu besteuern als die Tugend auszubeuten“ – „Ich werde diesem Jahrhundert die Gleichheit schenken“ – „Du hast gerade eine Gelegenheit verpasst zu schweigen“), aber es formt sich nicht zu einem konsistenten Stück, geschweige denn Drama. Der Mittzwanziger will zu viel, versucht das Gewaltphänomen individualpsychologisch und existenzphilosophisch, politisch und steilrhetorisch zugleich zu fassen und eben auch als chaplinsche Groteske – vergeblich. Am besten also, man liest Camus im Sinne von Baberowski, als dunkle Fantasie über die Freiheit in „Räumen der Gewalt“ – und eröffnet den vielen klugen, anspielungsreichen Stellen den Raum, im Kopf des Theaterbesuchers nachzuhallen.

Leider traut Regisseur Antí Romero Nunes dem Text dafür nicht die nötige Kraft zu. Er entscheidet sich statt dessen für die Farce – und vereinseitigt, ja: banalisiert das Stück. Die Patrizier zum Beispiel treten buchstäblich als Witzfiguren in Erscheinung, als Clowns und Harlekine, die gleich zum Auftakt mit dem „Nichts“ jonglieren und später durch einen Wald der Orgelpfeifen irren. Und Constanze Becker als Caligula dekliniert dann anschließend, mit schauspielerischer Klasse, aber ohne Eindruck zu hinterlassen, anderthalb Stunden die gängigen Persönlichkeitsstörungen durch: Caligula, der schizoide, zwanghafte, emotinal instabile, narzisstische und histrionische Irre. Becker darf dabei mal die Dietrich-Diva mimen, mal schulmädchenhaft Schuberts „Ave Maria“ auf der Blockflöte trällern, mal als dionysischer Satyr über die Bühne stolzieren und mal als Vamp die Kettensäge anwerfen… – kurz geschmunzelt, schon vergessen.

Vor allem aber gewinnt der Tyrann keine Sekunde lang an diesen Abend diabolische Tiefe. Zu sehr changiert die Inszenierung irgendwo zwischen Herbert-Fritsch-Spiel und Robert-Wilson-Zitat, um über momentweises Theaterglück hinaus zu gelangen. Wenn man dem Stück und seiner Hauptfigur aber nichts Teuflisches, nichts Fürchterliches abgewinnen will, wenn man es als Taranatino-Movie auf die Bühne bringt, mit grellen Effekten, viel Geschrei und eifrig verspritztem Theaterblut, wenn plötzlich eine weibliche Gekreuzigte hernieder fährt, um ein bisschen Bach anzustimmen (warum nur?), kurz: wenn man das Stück als gedankenreiche Fantasie überhaupt nicht zur Sprache kommen lässt – wozu inszeniert man es dann?

nächste Vorstellungen am 29. September (Restkarten); außerdem am 1., 2., 10., 17., 18., 25. und 29. Oktober; 3., 25., 26. November. 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*