Chefsache http://blog.wiwo.de/chefsache Sat, 19 May 2012 03:30:00 +0000 en hourly 1 http://wordpress.org/?v=3.2.1 Es lebe die Inflation http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/05/19/es-lebe-die-inflation/ http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/05/19/es-lebe-die-inflation/#comments Sat, 19 May 2012 03:30:00 +0000 Roland Tichy http://blog.wiwo.de/chefsache/?p=817 Der neue französische Präsident zwingt Europa auf Inflationskurs. Die Bürger spüren das längst und stellen sich darauf ein.

So schön kann Inflation sein. Der Flügel von Bechstein, die Uhr von Rolex, der glänzende Oldtimer in der klimatisierten Garage, der Gerhard Richter an der Wand: Wohlhabende Deutsche investieren in Villen, Kunst und Luxuskonsum, um sich vor Inflation zu schützen. Bei anderen reicht es bloß zum Baumarkt. Es wird renoviert, gefliest, gedämmt, gebaut – jedes Eigenheim zum Bunker gegen Wertverlust aufgerüstet. Im Keller werden die Goldmünzen vergraben; besonders Vorsichtige stapeln Büchsen (nahrhafte Bohnen), Haferflocken (haltbar) und H-Milch (geht immer) für den Tag X, an dem die Geldautomaten den Dienst verweigern, weil das Geldsystem kollabierte. Büchsenfleisch, Bilder, Immobilien, Wälder und Felder – Anfassbares und Begehbares zählen mehr als Kontoauszüge.

Im vereinten Europa sind die Deutschen mit ihrem Drang zu halbwegs soliden Staatshaushalten isoliert und mit ihrer historisch wohlbegründeten Inflationsfurcht ein lästiger Störenfried: Für viele ist Inflation die Lösung der Staatsschuldenkrise. Wer kauft, statt zu sparen, kurbelt die Wirtschaft an. Steigende Löhne beglücken den Finanzminister, weil die Einnahmen aus Lohn- und Einkommensteuer sprudeln – auch wenn die Kaufkraft sinkt von dem, was nach Abzug von Steuern und Inflation noch übrig bleibt. Bemerkenswert, dass SPD und Grüne die zaghafte Senkung der Inflationsprogression blockieren – der Staat soll Inflationsgewinnler bleiben. Das geht gut, bis die Arbeitnehmer nicht merken, dass sie trotz höherer Löhne immer ärmer werden, und solange nicht auffällt, dass Investitionen und Arbeitsplätze gestrichen werden: Inflation verzerrt das Signalsystem der Preise, das Investitionen berechenbar macht und Kapitalströme lenkt.

Lange war das I-Wort für die Deutschen ein Schreckenswort – im kollektiven Gedächtnis eingebrannt sind die Folgen Massenarbeitslosigkeit, Verelendung, Enteignung der Sparer und der Marsch in Chaos und Diktatur. Jetzt verfolgen sie aufmerksam, dass die Politiker hilflos und mit immer höherem Einsatz versuchen, Währungskrisen zu bekämpfen – und sie beginnen, die Menschen auf das Unvermeidliche einzustimmen: auf Inflation. Es begann vor zwei Jahren mit Blanchard Olivier, dem französischen Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, der statt der Zielgröße von maximal zwei Prozent besser vier Prozent als neue Norm vorgeschlagen hatte. Ihnen allen fehlt der Mut, den überschwappenden Geldsee auszutrocknen.

Auch deutsche Politiker geben der Inflation verbalen Schub: nicht nur die durch Talkshows irrlichternde Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. Gefährlicher wird’s, wenn auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, das Superhirn im Kabinett, die Gewerkschaften zu höheren Lohnforderungen animiert. Immer spürbarer wird, dass Inflation nicht gleichzeitig alle Preise erfasst – sondern in Schüben mal hier, dann dort zuschlägt. Noch sind daher die Verbraucherpreise stabil – der globale Wettbewerb im Ladenregal verhindert den Preisanstieg. Aber bei Handwerk und Häusern, die man schwerlich aus China oder Indien importieren kann, zeigt sich längst die inflationäre Dynamik.

In der Vergangenheit hat die Bundesbank in dieser Situation die Zinsen erhöht. Aber höhere Zinsen in der Euro-Einheitszone würden die Staatsverschuldung in Italien, Spanien und Griechenland endgültig unfinanzierbar machen und deren Bankrott offenbaren. Gleichzeitig fließt das Geld aus allen Himmelsrichtungen nach Deutschland, weil hier die Lage halbwegs sicher scheint. So paddelt Deutschlands Wirtschaft lustig auf der Woge billigen Geldes, getrieben von der Inflationsspirale. Die Bauwirtschaft springt an, die Bürger verschulden sich über alle Maßen, um beim Boom mit dem Betongold dabei zu sein. So war das in Spanien bis 2008. Jetzt ist Deutschland dran, bis es kracht.

Aber vorher sollte man die Inflation lieben lernen, sich ins Unvermeidliche fügen: Genießt den Euro und die Staatsschuldenkrise, die Lösung wird fürchterlich.

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Rififi mit Facebook http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/05/12/rififi-mit-facebook/ http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/05/12/rififi-mit-facebook/#comments Sat, 12 May 2012 03:30:00 +0000 Roland Tichy http://blog.wiwo.de/chefsache/?p=811 Es ist ja wahr, der Börsengang von Facebook sieht ziemlich nach einer Blase aus. Aber hätten die Buchhalter Amerika entdeckt?

Facebook lässt sich nüchtern eigentlich gar nicht verstehen: 3,7 Milliarden Dollar Umsatz, eine Milliarde Gewinn, aber gleich 98 Milliarden Dollar Börsenkapitalisierung. Um daraus eine Kaufempfehlung abzuleiten, muss sich schon die schwarze Magie mit Größenwahn zu einem phantasmagorischen Gesamtkunstwerk verbinden. Gegen die Blase aus Spargroschen, die ein gigantischer Geldstaubsauger aufwölbt, sieht der längst vergangene Hype um die Deutsche Telekom aus wie eine mündelsichere Geldanlage. Die faulen Börsenblasen von EM.TV bis Intershop vom legendären Neuen Markt nehmen sich daneben aus, als hätten ein paar halbstarke Mopedjungs einen Kaugummiautomaten geknackt – während Profis einen randvollen Geldschrank sprengen wie im Krimiklassiker “Rififi”.

Aber man kann die Geschichte auch anders lesen: Da traut sich einer was. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, 28 Jahre jung, tritt mit den Milliarden aus dem Börsengang ein in die Schlacht um die Vorherrschaft im Internet. Statt zu kleckern, klotzt er. Er munitioniert sich mit diesen zig Milliarden, um mit Google, Amazon und Apple gleichzuziehen. Es ist ein hochriskantes Spiel: Mit dem Geld aus dem Börsengang wird er neue Unternehmen aufkaufen mit noch weniger Umsatz, ganz ohne Gewinn und ungefährem Geschäftsmodell. Eine Blase bleibt selten allein, die eine große bläst viele kleine auf, mit denen man auch viel Kapital verlieren kann. Mit diesen Zeilen habe ich Sie in vergleichbar großen Buchstaben auf die Risiken und Nebenwirkungen hingewiesen, die Sie mit einem Kauf von Facebook-Aktien eingehen. Finger weg!

Denken Sie daran: Wir leben in einem Land, in dem ein 28-Jähriger allenfalls eine Riester-Rente erhält oder vielleicht ein paar Peanuts aus dem Existenzgründerprogramm der KfW Bankengruppe, falls er sich dem Wahn hingibt, auch mal eine Internet-Idee verwirklichen zu wollen.

Ein deutsches Facebook werden wir mit dieser Methode ebenso wenig erleben wie ein Apple, Amazon und Google. Darauf sind wir sogar noch stolz. Denn während die USA sich längst schon wieder auf ihre ganz eigene Art von den Tiefschlägen der Immobilienkrise erholen und mit neuen Riesenkonzernen ihre weltweit beherrschende Führungsrolle der Zukunftstechnologien zurückerobern, falls sie die jemals verloren haben sollten, basteln wir an den Erfindungen des vorvergangenen Jahrhunderts herum und freuen uns, wenn wir dem Benzinmotor noch ein Tröpfchen eingespartes Benzin abringen. Aber reicht das für die Zukunft? Brauchen wir nicht doch eine neue Generation von High-Tech-Unternehmen?

Wobei viele deutsche Unternehmen ohne Zweifel Weltspitze sind. Aber wir vertrauen ihnen nicht unser Kapital an. Das ist der Grund, dass 54 Prozent aller von den Dax-Konzernen ausgegebenen Aktien in ausländischem Eigentum liegen. Wir arbeiten, die anderen finanzieren und kassieren. Am Ende hoffen wir auf die Sozialrente. Man kann es auch so lesen: Die anderen trauen uns mehr zu als wir uns selbst. Das ständige Gerede einer zukunftsscheuen, im Wohlstand träge gewordenen Gesellschaftspolitik hält einen Bausparvertrag schon für eine Hochrisikoanlage und den Kauf einer Aktie für einen Anschlag auf die Stabilität des weltweiten Finanzsystems. Spekulation ist das am häufigsten ge- und missbrauchte Schimpfwort für jede Transaktion, die an Komplexität einen Ratenkauf überschreitet; weswegen unbedingt eine Börsentransaktionssteuer eingeführt werden muss. Dass sie so wirksam ist wie Weihrauch gegen die Pest, wagen wir nicht mehr auszusprechen; das stört die Ruhe im Altersheim, der Sozialwart könnte schimpfen. Christoph Kolumbus wäre bei uns als Irrer weggesperrt worden. Dabei hat er eine neue Welt entdeckt.

Facebook mag fragwürdig sein. Aber der unternehmerische Wagemut, die Größe des Denkens und die Bereitschaft, dies zu finanzieren, beeindruckt – und fehlt uns.

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Den Euro abwählen http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/05/05/den-euro-abwahlen/ http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/05/05/den-euro-abwahlen/#comments Sat, 05 May 2012 03:45:10 +0000 Roland Tichy http://blog.wiwo.de/chefsache/?p=801 Die Menschen lieben Europa und den Euro – immer weniger. Der Grund sind die sozialen Kosten der gemeinsamen Währung.

Die Wahlen in Frankreich, Griechenland und demnächst in Holland sind auch eine Volksabstimmung über den Euro. Überall gewinnen derzeit Parteien und Politiker, die die gemeinsame Währung ablehnen, die Wiedereinführung von Grenzkontrollen fordern oder andere Errungenschaften des gemeinsamen Europas zurückdrehen wollen. Es ist eine Entwicklung, die Angst macht. Die Ursache dafür ist nicht ein irgendwie archaischer Nationalismus, sondern blanke Not: Es sind die steigenden sozialen Kosten der gemeinsamen Währung, die Europa jetzt zu zahlen anfängt. Denn wenn ein Land mit eigener Währung an globaler Wettbewerbsfähigkeit verliert, kann es abwerten; seine Produkte werden auf den Weltmärkten billiger, konkurrierende Importe teurer, selbst dann noch, wenn die heimischen Löhne immer weiter steigen. Die Wechselkurse passen an, was Regierungen, Unternehmen und Gewerkschaften nicht leisten wollen oder können. Eine eigene Währung ist ein Schleier, hinter dem sich verbirgt, was nicht wirklich funktioniert.

Die gemeinsame Währung aber reißt den Schleier erbarmungslos weg. Die Euro-Preise legen gnadenlos offen, wer von Lissabon bis Lubice, von Aarhus bis Athen zum billigsten Preis anbieten kann. Das haben wir alle genossen, als Touristen und Einkäufer. Jetzt zahlen diejenigen den Preis, die bei dieser Preisschlacht nicht mithalten können – es sei denn, sie senken die Preise. Und das geht, solange nicht irgendwelche Zaubermethoden der Effizienzsteigerung gefunden werden, nur über niedrigere Löhne, niedrigere Steuern, weniger Bürokratie, geringere Sozialleistungen. Verschärft wird diese Krise in Europa noch dadurch, dass die Staaten sich für ihren Konsum zu hoch verschuldet haben und jetzt steigende Zinsen und Tilgungslasten finanzieren müssen; oder, wie in Spanien und Irland, dass sie ihre Banken retten, die Hunderte von Milliarden verspielt haben. Das ist ökonomisches Gesetz und dennoch  für die Betroffenen schmerzhaft. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Steuerschraube wird angezogen, Sozialleistungen werden gekappt – Dynamit für jede Gesellschaft.

Kein Wunder, dass immer mehr Menschen gegen den Euro, das Diktat aus Brüssel oder dahinter vermutete Macht aus Berlin demonstrieren, und kein Wunder, dass Politiker verzweifelt den Notausgang suchen. Gerade SPD-Politiker wie Sigmar Gabriel und Grüne wie Jürgen Trittin, die uns noch vor Kurzem gepredigt haben, dass Wachstum unnötig, ja sogar gefährlich sei, fordern jetzt einen “Wachstumspakt für Europa”. Das klingt so, als hätten sie eine zweite Welt mit ihren Ressourcen im Kofferraum gefunden. Richtig ist, dass mehr Wachstum die Steuern sprudeln lässt und Arbeitsplätze schafft. Aber wenn man ihre Vorschläge genauer anschaut, dann ist es nur das alte, garstige Lied: Mit noch mehr Schulden sollen zu hohe Schulden bekämpft werden.

Das Märchen vom dummen Reh

Das kann aber nur klappen, wenn irgendjemand diese Schulden finanziert. Da gibt es vier Möglichkeiten: Erstens: die internationalen Finanzmärkte. Lange hat man sie geprügelt, jetzt bettelt man wieder um Kredit, den man schon heute nicht bedienen kann. Das Kapital mag ja dumm sein wie ein Reh, aber es ist auch genauso scheu. Zweitens: Andere fordern, dass die Europäische Zentralbank direkt Bargeld für die Staaten druckt, die damit Arbeitsbeschaffungsprogrammefinanzieren. Das produziert Inflation und noch mehr Elend. Drittens: Euro-Bonds, also Milliarden, die Deutschland auf diesem oder einem anderen Weg zur Verfügung stellen soll. Aber sehr schnell wäre Deutschland auch nicht mehr kreditwürdig, wenn es für alle geradestehen soll. Sigmar Gabriel glaubt an einen vierten Weg: die Abschaffung der Finanzmärkte und höhere Steuern für alles Mögliche. Dann laufen die Steuerzahler davon. Die Finanzmärkte brauchen Herrn Gabriel weniger als er sie. Und vielleicht könnte es sein, dass dann selbst der bislang brave Deutsche den Euro abwählen will.

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FDP oder Piraten? http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/04/28/fdp-oder-piraten/ http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/04/28/fdp-oder-piraten/#comments Sat, 28 Apr 2012 03:45:56 +0000 Roland Tichy http://blog.wiwo.de/chefsache/?p=796 Lieber die FDP als marktwirtschaftliches Korrektiv oder besser die Piraten als Sprengsatz für das versteinerte Kartell der Altparteien?

Überzeugend ist ja die Leistungsbilanz der FDP nicht. Aber in den vergangenen Wochen zeigte sich, wie wichtig ein marktwirtschaftliches Korrektiv ist, um die große Koalition der Staatsinterventionisten zu stoppen: An FDP-Ministern scheiterte Gott sei Dank die Schlecker-Transfergesellschaft. Die Leidtragenden wären neben dem Steuerzahler die Schlecker-Frauen selbst gewesen, die so noch mehr Rechte und Löhne verloren hätten. Zynisch wird das Sozialstaatsargument missbraucht und mit tränenreichem Gestus eine Forderung scheinbar zugunsten sozial Schwacher vorgetragen, die ihnen aber in Wirklichkeit mehr schadet als nützt. In diesen Tagen geht das verlogene Sozialstaatsgerede beim Thema Mindestlöhnen weiter – nur die FDP kann noch das krude Unions-Konzept stoppen, das doch nur wieder Arbeitsplätze vernichtet. In Nordrhein-Westfalen hat sich die kleine FDP-Fraktion in einem Opfergang der rot-grünen Rekordschuldenmacherei entgegengestellt; dafür droht ihr jetzt bei den Landtagswahlen der Exitus. Der Wähler ist undankbar und flatterhaft.

Vor allem gefährlich für die FDP aber ist: Noch nie war es so einfach und so schön, Protestwähler zu sein; die Piraten sind die Wahl der Stunde. Das Kabel- und Computergewirr auf ihren Parteitagen erinnert an das Durcheinander im Kinderzimmer, solange der computerbegeisterte Sohn noch zu Hause wohnte, ein eher nostalgisches Gefühl. Zwar sahen die 68er in jedem Vater noch einen verabscheuungswürdigen Auschwitz-Täter. Doch diese Generationenkluft hat sich geschlossen. Heute marschieren Alt und Jung unter der Piratenflagge schon mal Seit an Seit bei der Suche nach Antworten auf politische Probleme, die im Übrigen die Altparteien auch nicht wirklich haben: Die Euro-Politik verirrt, die Energiewende verstolpert, die Haushalte verschuldet – die Altparteien sind ja auch nicht vertraueneinflößend. Sie täuschen Kompetenz nur vor, ohne zu merken, dass die Wähler längst merken, wie die Fassaden vor der programmatischen Leere immer brüchiger werden. Das Unfertige an den Piraten, ihr halb garer Status näher an der Schülermitverwaltung als an der Regierungsverantwortung, ist nicht Schwäche, sondern Stärke in den Augen von Politikverdrossenen und Nicht-mehr-Wählern: Wenn nichts bestimmt ist, ist es wenigstens nicht so bestimmt verkehrt wie die Afghanistan-Pleite, die man lange nicht einmal Krieg nennen durfte, obwohl jeden Tag die Zinksärge heimgeflogen wurden. Abgesehen davon, dass der Streit um das Betreuungsgeld oder die Vorratsdatenspeicherung mindestens so absurd ist wie die Schnapsidee der Piraten von der bedingungslosen Grundsicherung für alle.

Und jetzt wirft ihnen das Medienestablishment auch noch vor, Nazis in ihren Reihen zu verstecken. Das Gekünstelte an diesen instrumentalisierten Vorwürfen ist ebenso durchschaubar wie ritualisiert. Aber es stößt erstmals auf eine achselzuckende Gleichgültigkeit. Das ist nicht weniger erschreckend als der Versuch der Altparteien, die letzten zwei Abweichler, die es gewagt haben, ihre eigene Meinung im Bundestag vorzutragen, auch noch zu parlamentarischem Ja-Sagen zu zwingen.

Und bei den Piraten sind nur Männer? Da sollte man mal mit den Augen eines jüngeren Mannes Politik-Medien betrachten: Dass Mädchen schlau, aber Jungen alle dumm sind, ist die Grundmelodie. Und da junge Männer die gefährlichste Spezies der Welt sind, sollen sie, nachdem sie an Unis allenfalls noch Jobs als Schwangerschaftsvertreter erhalten, jetzt auch noch in der Wirtschaft per Quote klein gehalten werden. Die eigenen Interessen zu vertreten gegen diese Allparteien-Gender-Ideologie ist legitim. Wohl deshalb sind so viele Frauen bei den Piraten aktiv, die von den alten Damen der Emanzipation nicht nur immer nur auf ihr Geschlecht reduziert werden wollen.

Auch Politik unterliegt dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Gerade sinkt die Nachfrage nach Konserven und steigt für neue Ideen und Korrektive.

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Reise zum Club Med http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/04/21/reise-zum-club-med/ http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/04/21/reise-zum-club-med/#comments Sat, 21 Apr 2012 04:00:55 +0000 Roland Tichy http://blog.wiwo.de/chefsache/?p=793 Sie sollten Ihren Sommerurlaub am Mittelmeer verbringen – und schon mal im Club Med die Mediterranisierung der Wirtschaft üben.

Bald muss wieder die Euro-Feuerwehr ausrücken. Diesmal brennt es in Spanien. Die Anleihezinsen dort lodern auf bis zu sechs Prozent – die Höhe, die Griechenland, Irland und Portugal unter die Schutzschirme gezwungen hat. Aber Spanien ist größer, und sein König schießt nicht mickriges Kleinvieh, sondern Elefanten. Daher werden die Löschmittel – allein Deutschland bürgt für 320 Milliarden Euro – wieder nicht ausreichen, und alle Rettungsleitern werden wieder zu kurz sein. So wird schon in den nächsten Wochen die Europäische Zentralbank wieder für zweistellige Milliardenbeträge Staatsanleihen kaufen oder wieder viele Hunderte Milliarden frisch gedrucktes Geld einsetzen beim Versuch, das Feuer zu ersticken.

Die Bundesbank-Tradition soliden Geldes ist längst perdu. Schlimmer noch: Es zeigt sich, dass auch Frankreich im Wahlkampffieber von der Konsolidierungskur auf Verschuldungskurs wechselt und der europäische Stabilitätspakt wertlos ist.

Vor uns liegen damit Jahre einer mediterranen Wirtschaftskultur: mit Inflation, Abwertung zu Dollar, Schweizer Franken und künftig Yuan. Wie in Griechenland, Spanien oder Frankreich ist dies eine Kultur, in der die Lohn-Preis-Spirale die Arbeitslosigkeit beschleunigt und die globale Wettbewerbsfähigkeit mindert, während gleichzeitig die Schulden wachsen – es ist die falsche Grundannahme dieser Wirtschaftsform, dass nur Staatsdefizite den Laden in Schwung bringen können.

Nun hat es ja keinen Sinn, darüber zu jammern, dass die Euro-Retterei gegen sämtliche Vernunftprinzipien der Währungspolitik oder solider Haushaltspolitik verstößt: Besser ist es, sich jetzt schon darauf einzustellen, statt sich dumm überraschen zu lassen, wenn die Inflation zu galoppieren beginnt. Schon hat EZB-Präsident Mario Draghi die Maginotlinie geräumt, welche die Inflation knapp unter zwei Prozent eingrenzen sollte.

Und was jetzt? Inflation kommt nicht sofort. Es ist ein krebsartig schleichender Prozess, der in immer neuen Bereiche wuchert. Die heutige Flucht ins Betongold, die gleichermaßen Immobilienpreise und Mieten treibt, zeigt schon die hässliche Fratze der Inflation: Schlangen von Kaufwilligen wedeln mit Geldscheinen, um an die knappen Güter heranzukommen. Ludwig von Mises hat schon 1912 beschrieben, dass die Inflation in Schüben unterschiedliche Gruppen begünstigt oder belastet. Am besten haben es die Beamten und Staatsdiener, so Mises.

Denn deren Gehälter werden immer als Erstes erhöht. Und wie um dem Klassiker der Nationsökonomie noch posthum recht zu geben, marschiert der öffentliche Dienst gerade jetzt mit kräftigen Lohnerhöhungen voran. Da werden andere Gewerkschaften in den kommenden Wochen nicht den armen Jakob der wirtschaftlichen Bescheidenheit geben können. Nicht, dass ich das zu kritisieren hätte, wie mir manche Leser vorwerfen: Ich verstehe, dass deutsche Arbeitnehmer nicht länger das europäische Sparschwein geben wollen. Und schließlich sind ja unserem Politiker auch nicht besser als ihre Wähler, wie denn auch: Es vergeht kein Tag, an dem Volkskümmerer wie Ursula von der Leyen oder Hannelore Kraft nicht neue Sorten Kamellen erfinden und sie vom Prunkwagen locker in die Menge streuen. Das ist nachvollziehbar: Arme-Leute-Kost für den eigenen Wähler, damit der Nachbarn weiter Elefanten jagen kann, das ist ein Programm, das auch der idealistischste Politiker nicht lange aushält. So verändern die Euro-Rettung und der Schwenk zu einer anderen, mediterranen Stabilitätspolitik die wirtschaftlichen Voraussetzungen.

Eine andere Wirtschaftskultur aber verlangt auch anderes wirtschaftliches Verhalten. Die Stabilitätskultur des europäischen Nordens wird durch inflationsgeübte Verhaltensweisen ersetzt. Das mag langfristig für Wohlstand und Wachstum nachteilig sein. Aber Sie können es nicht mehr ändern. Also üben Sie schon mal für das neue süße Leben im Club Med.

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Ende der Spar-Zeit http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/04/05/ende-der-spar-zeit/ http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/04/05/ende-der-spar-zeit/#comments Thu, 05 Apr 2012 04:17:36 +0000 Roland Tichy http://blog.wiwo.de/chefsache/?p=786 Deutschland zwingt die Euro-Staaten zum Sparen. Dabei halten wir das nicht einmal zu Hause durch – zum Schaden der Euro-Zone.

Mit der Stabilitätsbremse made in Germany soll sich Europa gesundsparen. Aber was ist, wenn die Sparerei den Deutschen selbst nicht mehr schmeckt? Genau danach sieht es aus: Der fette Zuschlag von 6,3 Prozent bis auf die für den öffentlichen Dienst wird auf Pump finanziert, und alle. Weniger aus Nächstenliebe zum Stadtkämmerer freuen sich Konto: Wenn die von Verdi mit Müllwerker, eher mit Blick auf das eigene der Sechs nach Hause gehen, brauchen die Bosse der Gewerkschaften Chemie und Metall sich mit einer Vier gar nicht erst blicken lassen. So aber werden die Lohnstückkosten steigen, und die Wettbewerbsfähigkeit wird sinken. Da mag die deutsche Politik den Griechen, Portugiesen und Italienern noch so sehr Sparsamkeit und Maßhalten predigen – die Deutschen selbst haben längst die Nase voll von der elenden Sparerei: als Ministerpräsidentin in Nordrhein-Westfalen Hannelore Kraft ist krachend gescheitert, weil ihre Hochschuldenpolitik keine Mehrheit im Parlament fand. Jetzt will sie über neue Wahlen zu neuen Schulden kommen.

Auch der Haushalt der schwarz-gelben Bundesregierung ist nicht sparsam, sondern “wachstumsfreundlich”. Wachstumsfreundlich, das heißt nach Lesart des gültigen Vulgär-Keynesianismus: wachsende Verschuldung. Deshalb wird Schäubles Haushalt nicht über Einsparungen solide, sondern nur über wachsende Steuereinnahmen, die aber nur bei Wirtschaftswachstum sprudeln. Kriselt es wieder, oder werden auch nur ein paar der vielen Bürgschaftsmilliarden für die Euro-Rettungsschirme fällig, stürzt der Haushalt ins Tiefrote; schon eine höhere Pendlerpauschale zerrupft das sorgsam frisierte Zahlenwerk. Schäuble droht damit das Schicksal seiner Vorgänger Peer Steinbrück und Hans Eichel: Erst schauen die Zahlen schön aus, dann stürzen sie ab.

Das Verballern immer neuer Milliarden für den Euro nehmen die Deutschen ja hin – aber anders als erwartet: “Jetzt sind wir mal dran, nicht immer nur die Griechen”, das war der Schlachtruf der “Schlecker-Frauen”, mit dem sie Forderungen nach Staatsknete für ihre Transfergesellschaft begründeten. Nun könnte man das ja als unzulässige Einzelfalllösung abtun – aber brav soufflierte die Hamburger “Zeit”: Dann müssten eben Rettungsschirme für alle Arbeitnehmer her, so schlicht kann Logik sein. Nicht Solidität ist die Lehre aus dem Debakel südeuropäischer Schuldenmacherei – sondern Wettlauf um neue Schulden zugunsten des eigenen Portemonnaies. War schon “Sterben für Danzig” in Frankreich 1939 nicht populär, so wenig ist es im verwöhnten Heute Sparen für Griechenland.

In Euro-Land wird die neue deutsche Großzügigkeit bei Staatsmilliarden und Löhnen gerne gehört. Schließlich seien ja die deutsche Wettbewerbsfähigkeit und die daraus resultierenden Exporterfolge für die Schulden der anderen verantwortlich. Ganz ohne expliziten Regierungsbeschluss steigt jetzt die deutsche Binnennachfrage durch Lohnerhöhung und Staatsverschuldung – so wie es beispielsweise Chefin Christine Lagarde und der sozialistische IWF- Präsidentschaftskandidat François Hollande in Frankreich fordern.

Wenn sie sich nur nicht täuschen. Denn die Beschäftigten im öffentlichen Dienst werden jetzt keinen Nachfragesog nach französischen Weinen, spanischen Immobilien und überteuerten Urlauben in Griechenland entfalten. Dafür wird eher die Euro-Zone insgesamt in die Schieflage geraten, wenn Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit auf europäisches Mittelmaß heruntergewirtschaftet ist: Nur der deutsche Exportüberschuss in die außereuropäischen Länder sorgt dafür, dass die gemeinsame Leistungsbilanz von Euro-Land ausgeglichen bleibt.

Auch der Kurs des Euro ist nur deshalb halbwegs stabil, weil Dollar in noch als solide geltende deutsche Bundesschatzbriefe investiert werden. Bricht aber der deutsche Stabilitätsanker, sind Europa und der Euro sowieso perdu.

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Deutsche Zank http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/03/31/deutsche-zank/ http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/03/31/deutsche-zank/#comments Sat, 31 Mar 2012 04:00:28 +0000 Roland Tichy http://blog.wiwo.de/chefsache/?p=783 Wie viel darf ein Manager verdienen? Die Frage ist schwer zu entscheiden, denn sein wahrer Verdienst zeigt sich erst am Ende.

Der jüngste Protest gegen die Managervergütungen entzündet sich an VW-Chef Martin Winterkorn – 17 Millionen Euro ist ja ein Betrag, für den muss Oma lange stricken. Aber Winterkorn hat den Gewinn von 1,8 auf 18,9 Milliarden Euro gesteigert. VW ist eine Erfolgsgeschichte schon vor Winterkorn. Anfang der Neunzigerjahre fast pleite, überredete der Personalvorstand Peter Hartz die Gewerkschaften dazu, die 28,8-Stunden-Woche zu akzeptieren. So befreite er den Konzern von erdrückenden Kosten. Am Ende musste Hartz wegen Bordellbesuchen dieser Betriebsräte vom Hof flüchten. Wie viel ist seine Leistung wert?

Die erstaunlich erfolgsorientierte Gewerkschaft IG Metall nickt dafür in den Aufsichtsräten zweistellige Millionenbeträge ab. Den neuen Maßstab setzten die angelsächsisch getriebenen Banken: So segnete Josef Ackermann 2000 mit dem IG- Metall-Chef Klaus Zwickel jene 60 Millionen ab, damals noch gute Mark, die es dem Mannesmann-Chef Klaus Esser erleichterten, das Unternehmen an Vodafone zu verkaufen. Ackermanns peinliches Victory-Zeichen im Mannesmann-Prozess war das Symbol gleichermaßen für den Beginn der monströsen Gehaltsexzesse und der so wiedererweckten Kapitalismuskritik.

Nun geht Ackermanns Karriere bei der Deutschen Bank zu Ende. War er etwa die 100 Millionen Euro wert, die er in den letzten zehn Jahren dort verdiente? Nach Finanz- und Staatsschuldenkrise muss man sagen: Die Deutsche Bank gibt es noch, wenn auch im globalen Ranking arg zurückgefallen und übel gerupft, mit Schadensersatzprozessen überzogen und demolierter Reputation. Ackermann hat immer versucht, sich aus allen fragwürdigen Deals persönlich wie ein gütiger König herauszuhalten, während seine Gefolgsleute und Barone die Bauern plündern. Persönlich klug und bescheiden, ließ er zu, dass eine semiprofessionelle PR ihn zu einer Art präpotentem Michelin-Männchen des Bankgewerbes aufblies, aus dem allerdings unvermeidlich immer wieder die Luft pfeifend entwich, wenn er an der Realität seiner Mitverantwortung für die Finanzkrise gemessen wurde.

Sein Abgang wird nun von seinen letzten Getreuen inszeniert wie ein Stück fürs Bauerntheater – der Mann vergiftet den Acker, statt ihn seinen Erben gepflegt zu übergeben. Man kann nicht über die Frankfurter Fressgass gehen, ohne von seinen Büchsenspannern mit intimsten Daten, Personalien und Gerüchten gefüttert zu werden. Ohne Joe, wie sie ihn peinlich kumpelhaft titulieren, falle die Bank an eine anglo-indische Gang (deren Chef er mal war), wandere nach London ab (wohin er selbst wollte) und steige das Risiko ins Unermessliche – wobei solche Indiskretionen das eigentliche Risiko darstellen. Die journalistisch peinlichsten Storys über die Deutsche Bank werden in ihren Türmen selbst geschrieben – und dementiert.

Am Ende ist das Loslassen doch die höchste Kunst. Dass es auch anders geht, zeigt Jürgen Großmann: dass er bei RWE einen anderen Erben inthronisieren wollte, spürt man nicht – ein glatter Übergang. Ähnlich lief es bei Henkel: Der neue Chef Kasper Rorsted sagt, dass ihm der erfolgreiche Wechsel von IT zur Chemie nur mit Rat und Tat seines Vorgängers gelingen konnte. Aus der Deutschen Bank wird mit dem Chefwechsel die Deutsche Zank, die Zwietracht aus Leidenschaft pflegt.

Verdienst zeigt sich eben erst am Ende – wie bei Wendelin Wiedeking: Er hat die kaputte Porsche-Manufaktur meisterlich modernisiert und wurde dafür 2008 mit 77,4 Millionen Euro nicht zu hoch honoriert. Am Ende hat er zu riskant gespielt, die Eigenständigkeit verzockt und allen Beteiligten Prozessrisiken in Milliardenhöhe eingehandelt.

Und wie geht es weiter mit der großen Bank? WirtschaftsWoche-Reporter haben in Frankfurt, London und New York die zukünftige Strategie des Geldgiganten recherchiert. Die Bank wird nicht verzockt – vielleicht aber vorher noch verdaddelt, wenn nicht bald klare Schnitte erfolgen.

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Es läuft verdammt gut http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/03/24/es-lauft-verdammt-gut/ http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/03/24/es-lauft-verdammt-gut/#comments Sat, 24 Mar 2012 05:00:36 +0000 Roland Tichy http://blog.wiwo.de/chefsache/?p=779 Der Bundespräsident lebt eine ungeheuerliche Neuerung vor: Optimismus. Sofort fragen Schwarzseher: Kann das gut gehen?

Erst hat das Ausland angefangen, uns Deutsche für die seltene Kombination aus Lockerheit, Lebenslust und Wirtschaftskraft zu bewundern. Und jetzt haben wir auch noch einen Präsidenten, der sich freut, gelegentlich ein recht männliches Tränchen der Rührung verdrückt und uns vorhält, dass es uns doch eigentlich gut geht, dass wir eigentlich stolz sein sollen. Das ist ungewohnt bis zur Ungehörigkeit. Aber er hat recht: Noch nie in der Geschichte dieses Landes ist es so vielen Menschen so gut gegangen. Man traut es sich ja kaum auszusprechen – die Verelendung der Massen findet auf höchstem denkbarem Konsumniveau vor dem Flachbildschirm statt. Die Hartz-IV-Gesetze haben keine soziale Katastrophe ausgelöst, sondern mündeten in ein Jobwunder – zugegeben zu oft noch geringen Löhnen. Aber der beschworene Verteilungskonflikt entzündet sich in Form von lästigen, aber gesitteten Streiks, bei denen die Beschäftigten 6,5 Prozent mehr Lohn verlangen. Auch diese Zeitschrift wird nicht müde, vor der unmittelbar bevorstehenden Plünderung durch die gierigen Bewohner südlicher Peripheriestaaten zu warnen und Kerzen sowie proteinreiche Notfallreserven als Vorsorge für den bevorstehenden Blackout unseres Energiesystems zu empfehlen.

Vermutlich unterschätzen auch wir die ungeheure Fähigkeit der Deutschen, in der Stunde des drohenden Stromausfalls und der Katastrophe zu organisatorisch-technischen Höchstleistungen aufzulaufen. Manchmal hat man das Gefühl, die Deutschen sehnen sich heimlich nach Katastrophen wie der zündelnde Feuerwehrmann nach einem Brand, nur um dem ewig gleichen ermüdenden Luxuszustand zu entkommen und mal zeigen zu können, wie ausgeklügelte Notfallpläne in die Tat umgesetzt werden: Es gibt einfach nichts Schöneres, als mit dem blank gewienerten Laster des Technischen Hilfswerks durch den Matsch einer Katastrophe zu donnern. Zum wahren Mann wird der Deutsche erst unter dem Schutzhelm, der selbstverständlich mindestens sieben Prüfsiegel tragen muss. Problematisch ist die Lage nur für junge Männer, bei denen altersbedingt der Testosteronspiegel ein latentes Grundbedürfnis nach Revolution auslöst: Es gibt einfach keine Mächte der Finsternis mehr, denen man sich heldenhaft entgegenwerfen kann.

Anton Schlecker, das Inbild des Ausbeuters, entpuppt sich mittlerweile als guter Patron, der älteren Frauen in Provinznestern einen Job besorgt hat, bis zum eigenen Vermögensverlust. Jetzt wünscht sich ihn sogar die Gewerkschaft zurück. Selbst die Atomindustrie hat klein beigegeben und macht auf Windrad. Der letzte Castor-Transport ist abgefahren, und es ist rührend, wie Claudia Roth von den Grünen versucht, den bürgerkriegsähnlichen Protest gegen das atomare Endlager wieder und wieder anzufachen: Man möchte ihr zurufen, dass einer halt den Müll runterbringen muss.

Natürlich gibt es trotzdem Dinge, die man perfektionieren kann. Aber man muss sich schon Probleme suchen wie unsere famose Sozialministerin Ursula von der Leyen: Es gibt zu wenige Frauen in den Dax-Vorständen? Also gut, machen wir uns auf den Weg, und schaffen wir rund 1000 Jobs mit einem Jahresgehalt von mindestens einer Million Euro – so schwer kann das doch nicht sein, oder? Trotz der vielen Schweinereien, die seit der Vertreibung aus dem Paradies unvermeidlich so geschehen sind, kann man aber nicht von Diskriminierung sprechen in einem Land, das von einer Kanzlerin, Ministerpräsidentinnen, Schwulen, Lesben, Muslimen und immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund regiert wird.

Es läuft also gut. Kein Grund zur Panik? Aber unbedingt. Denn es ist diese Angst, diese Panikmache, mit der wir Deutsche uns zu immer neuen Höchstleistungen anspornen. Wir brauchen Panik um ihrer selbst willen. Die lassen wir uns nicht verbieten, auch nicht von Joachim Gauck. Dafür jedenfalls gehe ICH auf die Straße.

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Flucht aus Hotel Mutti http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/03/17/flucht-aus-hotel-mutti/ http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/03/17/flucht-aus-hotel-mutti/#comments Sat, 17 Mar 2012 05:00:11 +0000 Roland Tichy http://blog.wiwo.de/chefsache/?p=775 Als Bundeskanzlerin punktet Angela Merkel bei den Wählern – die aber der CDU in den Ländern davonlaufen. Wie lange geht das gut?

Der grau gewordene Bürgerschreck Daniel Cohn-Bendit hat genau beobachtet, warum die Spitzen der CDU mit den Grünen flirten: “Wir Grünen und die CDU treffen uns immer auf Vernissagen und Opernpremieren. Da sind die Sozialdemokraten, diese Banausen, nie dabei.” So schön würde es Angela Merkel nie formulieren. Aber sie hat ihre Politik auf dieses neue schwarz-grüne Lebensgefühl in den Metropolen ausgerichtet – dort soll Ursula von der Leyen die jüngeren Frauen abfischen und Norbert Röttgen die neureichen Umweltbewussten im SUV zum Kreuz bei der Union bewegen. Es ist ein kluges Rezept gegen das langsame Verdämmern der CDU, die von älteren Menschen in Kleinstädten gewählt wird. Das Dumme ist nur: Die alten Wähler der CDU haben das Gefühl, dass sie von ihrer Partei nicht mehr gewollt werden, dass sie allenfalls noch Brückenwähler sind, bis die CDU endgültig bei den urbanen, emanzipierten Lebensstilgrünen angekommen ist. Die Traditionswähler der Union warten vergeblich auf ein politisches Projekt, das ihnen klarmacht, warum sie weiterhin die Union wählen sollen. Stattdessen müssen sie zuschauen, wie die Union sich zum Vollender der Programmatik macht, die die Grünen vor 30 Jahren erfunden haben: Atomausstieg, Energiewende zu Sonne und Wind, Abschaffung der Wehrpflicht, Frauenquote und ein Abtragen jener letzten Vorrechte, die bislang Familien geschützt haben. Nun tragen die Konservativen ja Veränderungen mit – wenn man sie mitnimmt und ihnen das Gefühl gibt, dass es ihre eigene Einsicht war.

Aber Vermittlung ist keine Stärke von Angela Merkel. Für sie ist Politik am liebsten so “alternativlos” wie ein physikalisches Gesetz, gegen das Überzeugung nichts ausrichtet; Bedenkenträger werden niedergeblafft und entsorgt. Selbst die Energiewende inszeniert sie als persönliches Saulus-Paulus-Erweckungserlebnis, nicht aber als gemeinsame Einsicht: Parteitage und Parlament sind nicht Teil eines Veränderungsprozesses, sondern werden nur noch zur notariellen Beurkundung benötigt. Dieser forsche Stil hat seine Fans – in der Euro-Krise vermittelt Merkel die Sicherheit, dass schon alles in guten Händen ist und vielleicht nicht gut, aber bestmöglich gewendet wird. Ansonsten sind Ministerpräsidenten oder auch Großstadtbürgermeister mit CDU-Parteibuch eine aussterbende Spezies: Hamburg, NRW, Baden-Württemberg, bald das Saarland und vielleicht Bayern: Die Wähler flüchten aus dem Hotel Mutti wie Studenten, denen es im Hotel Mama unheimelig wird.

Und nun also wieder NRW, oft politisches Laboratorium Deutschlands genannt: Weil die FDP als Bündnispartner kleingehackt wurde, ist die CDU auf gnädige Gunst der Grünen angewiesen. CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen schmeichelt sich bei ihnen als Mister Atomausstieg ein. Aber dabei vergisst er, dass solche Bündnisstrategien vom Wähler nicht goutiert werden – das Original ist immer beliebter als die Kopie. Zudem hat die CDU schon die letzte Landtagswahl in den Ruhrgebietsstädten verloren – da, wo Arbeitslosigkeit und Elend wachsen und durch den Wegfall der energieintensiven Industrien sich gerade jetzt täglich beschleunigen. Darauf aber bleibt er jede Antwort schuldig, und auch sonst klappt es nicht so recht mit dem neuen Lebensgefühl der schwarzen Smarties: Die frisch arbeitslose Schlecker-Verkäuferin begreift, dass ihr eine Frauenquote für den Dax-Vorstand allenfalls einen Job als Putzfrau bei der Karrierefrau bringt. Die derzeitige Partnerin der Grünen, Hannelore Kraft, warnt frech vor einer drohenden Katastrophe durch Röttgens verstolperte Energiewende und rechnet genüsslich vor, wie viel die Bewohner der alten kollektiven Wohnsiedlungen an der Ruhr für die Solardächer der bayrischen Bauern und ergrünten schwäbischen Lehrer blechen. Da ist der schwarze Flirt mit den Grünen in der Oper nur für eines gut: die Wiederbelebung längst tot geglaubter sozialdemokratischer Milieus.

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Endemischer Fehler http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/03/10/endemischer-fehler/ http://blog.wiwo.de/chefsache/2012/03/10/endemischer-fehler/#comments Sat, 10 Mar 2012 05:00:08 +0000 Roland Tichy http://blog.wiwo.de/chefsache/?p=769 Ist ein Chefarzt in erster Linie Arzt, Chef oder Manager? Davon hängen immerhin Leben und Gesundheit der Patienten ab.

Beim Vergleich einer dieser blitzsauberen Automobilfabriken oder einer Flugzeugwerft mit einem Krankenhaus oder einer Uniklinik drängt sich schnell der Gedanke auf, dass man lieber am Fließband krank wäre als im Spital. Keimverdacht kommt spätestens dann auf, wenn man sieht wie eine sichtlich unterbezahlte, der deutschen Sprache kaum mächtige Hilfskraft mit dem Feudel über die Gänge schmiert.

Unser Krankenhausreport zieht ein trauriges Fazit – es fehlt den Krankenhäusern nicht so sehr an Geld wie an Management; glücklicherweise nicht an ärztlichem Ethos, aber leider an Benchmarking. Mangelware ist nicht der gute Wille am Krankenbett – aber ein leistungsfähiges IT-System; die Spitäler brauchen nicht noch mehr Paracelsus, aber mehr Peter Drucker, diesmal in Weiß.

Lange Jahrzehnte lehnte der medizinische Sektor wirtschaftliches Denken als unvereinbar mit dem Eid des Hippokrates ab. Das Idealbild war der genialische Chefarzt, dem auf der Visite der ebenso weiß gewandete Sternenschweif williger Unterärzte folgte und dem Patienten dankbar huldigten. Das ging gut, weil der schnelle medizinische Fortschritt in den Sechziger- und Siebzigerjahren, finanziert von Krankenkassen mit unerschöpflich tiefen Taschen, fast automatisch mehr Gesundheit und längeres Leben produzierte. Aber dieses goldene Zeitalter der “Quick Wins”, wie man das im betriebswirtschaftlichen Denglisch nennen würde, ist nach einem Dutzend kostensparender Gesundheitsreformen vorbei: Die Ärzte vielfach unterbezahlt, das Pflegepersonal übernächtigt, die Patienten so notorisch undankbar wie anspruchsvoll, die Budgets ständig überstrapaziert und der medizinische Fortschritt, ausgehend von einem unerhört hohen Niveau, eine aberwitzig teure Schnecke.

Nur langsam bricht sich die Einsicht Bahn, dass Betriebswirtschaft nicht Gier und Profit bedeutet, sondern Effizienz, dass die geniale Kunst des Operateurs am OP-Tisch vergeblich ist, wenn Planung, Prozessabläufe und Nachsorge hapern. Dieser Mangel an übergreifender Teamarbeit, Management und Wettbewerb, das ist vermutlich das endemische Krankheitsbild der Kliniken.

Benchmark am Krankenbett

Management ist ja mehr als nur ein PC bei der Patientenaufnahme und das Umsetzen des sich verschärfenden Spardrucks, der zunächst zulasten der Mitarbeiter geht und doch früher oder später auf Kosten von Leben und Gesundheit der Patienten umschlägt. Management bedeutet vielmehr die knallharte Rationalisierung wirklich aller Abläufe, die brutalstmögliche Qualitätskontrolle an jedem Glied der Prozesskette und deren Standardisierung, das gnadenlose Offenlegen aller möglichen Fehlerquellen – wie es in der modernen Fabrik eben so üblich ist. Genau daran aber fehlt es oft noch in Krankenhäusern.

Der traditionellen Garde von Krankenhauschefs und Chefärzten ist das ein Gräuel. Sie fürchten um die Maximierung der Zuwendung, die sie im Interesse der Patienten einfordern, ohne zu erkennen, dass Ineffizienz die medizinische Leistung auffrisst, noch ehe sie zum Patienten kommt. Viele fühlen sich ehrlich einem höheren Ethos verpflichtet oder der Caritas; Benchmarking und Balanced Scorecard gibt’s nicht auf Latein. Ist das noch zeitgemäß? Längst denkt Gottes weißes Bodenpersonal auch am Krankenbett oder OP-Tisch an Geld und Karriere – ohne materielle Anreize ist Leistung nicht zu haben. Weil das Krankenhaus keine Schraubenfabrik ist, lehnen die Traditionalisten in Weiß es auch ab, Daten zu erheben oder zu veröffentlichen. Damit fehlt die Voraussetzung für Wettbewerb – die Transparenz von Leistung und Kosten. Und Patienten bleiben so einer unheimlichen Maschinerie ausgeliefert.

Die Gesundheitspolitik schaut zu und jammert, aber handelt nicht. So verknäueln sich Medizin, Spardruck und Organisationsmängel, leiden Patienten mehr als medizinisch verantwortbar und wächst Frustration bei Ärzten und Pflegern.

Arzt allein reicht nicht – Management muss dazukommen.

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