Dämonen drohen

Sprechverbote bringen die offene Gesellschaft in Gefahr. Setzen wir uns gemeinsam gegen die Gedankenpolizei zur Wehr.

Reden kann zum größten anzunehmenden Unfall führen: Wer Neger sagt, offenbart sich als Rassist, wer vom „Frauenbonus“ spricht wie Peer Steinbrück, enttarnt sich als Chauvinist, bietet er eine Tanzkarte an, ist er gar ein Sexist wie Rainer Brüderle. Die Erregungsliste verbotener Wörter wird länger. Schwul dürfen Schwulenverbände sagen – für alle anderen gilt: Sei vorsichtig, was du sagst. Wenn sich Polizisten zurufen, dass „Zigeuner“ als Taschendiebe unterwegs sind, riskieren sie ein Disziplinarverfahren. Wobei „der Polizist“ nur erlaubt ist, wenn das Wort in einem negativen Kontext steht; wenn die Polizei gelobt wird, ist natürlich von Polizistinnen und Polizisten die Rede. Sonst ist es schon wieder sexistisch. Auch Eskimo gilt als abwertend, Chinese darf man sagen. Die fühlen sich nicht als Opfer. Sprechverbote werden von lautstarken Minderheiten erkämpft.

Der öffentliche Diskurs ist damit fremdbestimmt und umgewertet. Vorher galten Werte wie Tatkraft als vorbildlich, wurde bewundert, wer soziale oder ethnische Herkunft abstreifte und Benachteiligungen aus eigener Kraft überwand. Jetzt dagegen wird eine generelle Opferhaltung gefeiert und Opfern die Selbstdeutungsmacht übereignet. Beleidigtsein genügt. Wer einer öffentlich anerkannten Opfergruppe angehört, darf staatliche Hilfen und einen Opferbonus im öffentlichen Dienst, an Universitäten und zunehmend auch in Unternehmen einfordern. Eine Opferindustrie wächst aus sich selbst. Den tatsächlichen Opfern von Sexismus und Rassismus hilft das alles gar nichts. Ihr Leiden verschwindet im selbstmitleidigen Talkshow-Gejammer durchgeknallter Girlies, wie Bettina Röhl spottet.

Man könnte es also gelassen nehmen, wenn sich dadurch nicht doch Wichtiges verändern würde: Der einklagbare Opferbonus verdrängt zunehmend auch in der Wirtschaft Leistungsfähigkeit. Die offene Gesellschaft betritt mit der Political Correctness und der durch sie ausgelösten Kollektiv-Erregung, um mit Thomas Mann zu sprechen, „ein dämonisches Gebiet“ und hat einen Feind gefunden, der so gefährlich ist wie totalitäre Ideologien: Das offene Gespräch stirbt, wenn jeder Politiker oder Manager fürchten muss, dass selbst nachts an der Bar eine/einer lungert oder jeder neue inhaltliche Gedanke sofort vom aufgebrachten Mainstream plattgewalzt wird.

Die Erneuerungsfähigkeit einer Gesellschaft leidet, wenn Angst vor Denunziation die Diskussionen lähmt. Camouflierung und Entkernung der Sprache behindern das Denkvermögen. Schlimmer noch, klare Ansage in Gesellschaft, Politik wie in Wirtschaft droht zum medialen Selbstmord zu werden. Statt Menschen unterschiedlicher Herkunft, Geschlechts, Neigung oder Ausbildung einzubeziehen, wobei wir ja durchaus auf gutem Wege sind, drohen neue Vorsichtsmaßnahmen und Rückschritt: Gruppen igeln sich wieder ein, Gespräche ersterben, Frauen werden ausgegrenzt, weil sie wieder als Bedrohung gelten. Wie gefährlich für eine moderne Gesellschaft, wenn Witz, Kunst und Debatte im politisch korrekten Korsett verklemmen und verenden!

Der Philosoph Peter Sloterdijk konstatierte, dass sich in einer globalisierten Welt die Nation nur noch im Erregungszustand der Medien spüren könne, dann, wenn die Medien die Menschen „zum aktuellen Aufregungsdienst einberufen“. Wie zum Beweis dieser These zeigen Christian Wulffs aufgepumpte Fehltritte, Steinbrücks Geldversprecher und Brüderles Handkuss-Affäre eine Gemeinsamkeit: Es ist Dramatisierung von Banalitäten anstelle des politischen Diskurs und der Debatten.

Dabei ist es so einfach, dem zu wehren: Verweigern Sie sich der Wortdiktatur, lassen Sie uns wieder offen und unverkrampft reden; Fragen zuspitzen, statt nur noch lauwarme, risikofreie Formulierungen zu suchen. Das ist das einzige Rezept gegen Unfreiheit. Nichts ist gefährlicher für eine offene Gesellschaft als Einschüchterung und Rückzug aus Furcht.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in 1 von Roland Tichy. Permanenter Link des Eintrags.

Über Roland Tichy

Roland Tichy lernte Lokaljournalismus beim legendären "Salzburger Volksblatt". Er studierte in München Volkswirtschaft und Politik, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Nach einer Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Volkswirtschaftlichen Institut in München arbeitete er im Bundeskanzleramt, danach als Bonner Korrespondent der WirtschaftsWoche. Nach der Wiedervereinigung war er für den Umbau des Rundfunksystems der DDR zuständig, danach folgten Stationen in Industrie und Medien. Seit 2007 ist er Chefredakteur der WirtschaftsWoche. Tichy ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien "Wohin treibt Europa".

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Alle Kommentare [218]

  1. @ Immer …,

    auch ohne verklausulierungswahn bleiben
    wir doch ganz artig alle in unserer
    scheuklappen-gesellschaft gefangen
    und tragen sehr gerne das aufgezwungene
    joch, odda?

    Überischens, Deinen “Verwässerungs-Vorschlag”
    habe ich schon lange umgesetzt, das
    Nachlese-Büchlein zur grossen geldverschwendungs-Gala
    mit allen polit- und wirtschaftsbanditen, steht auf
    der startbahn und wartet auf die abhebe-erlaubnis, chrchrchr.

    Schönen Gruss vom Wiedervereinigungs-Wende-
    Willy-Brandtschutz-Masshalte-Baulöwen-Polit-Desaster, Zamir

  2. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Nicht umgekehrt, Zamir. Nicht Träume und Phantasien sind es, die Dein Denken leiten, sondern Dein Tun! …wo bist Du zu irgendwas gezwungen? …. es gilt die Macht des Faktischen – nochmals: – setz alles auf eine Karte und bohr ein Loch in den Starenkasten, nimm die Hilti bei der Arbeit mit einer Kamera auf, stell es morgen in youtube und Du bist der King of BER – Presse Funk und Fernsehen berichten…

    Überschrift ein Herz für Tiere! Zamir der Retter heimatloser Zugvögel und Sperlinge…schlägt zwei Flieger mit einer Klappe…

    Ein Platz in der Galerie moderner Expressionisten ist Dir damit sicher, viel eher, wie wenn Du hier noch tausende Kommentare schreibst! …. durch ein einziges Loch, in einer Wand! und Du wirst sehn…. von da an geht´s bergauf!… Sprechchöre: Zamir Zamir Zamir !!!

    … ja, so ist das…nicht immer an der Wand lang, sondern auch mal durch!

  3. @ Tjaha lieber Immer …,

    es ist diese mephistofelistische alternative,
    die den menschen nahezu gezwungen hat, sein
    wirkliches leben zu verkaufen, die sogenannte:

    “Ver-geld-ung der Welt.”

    Und danach gings bergab, ZAmir

  4. Pampa als Nachruf: … lebt er noch..oder hüpft er schon?

    „Lese jeden Tag etwas, was sonst niemand liest. Denke jeden Tag etwas, was sonst niemand denkt. Tue jeden Tag etwas, was sonst niemand albern genug wäre, zu tun. Es ist schlecht für den Geist, andauernd Teil der Einmütigkeit zu sein.“

    Deinen Lessing-Spruch, den mußte´e bei Dir zu hause über den Kreuzstock an der Eingangstür nageln und nicht nur das, den hängst´e als Anlagetipp über das Portal Deiner Dreh-Bank, brauchst nur den letzten Satz anzupassen:

    “Es ist schlecht für ´Geist und Geld`, andauernd Teil der Einmütigkeit zu sein.

    …so wird ´Gold aus (L)Messing`!

  5. Ach nein Minotaurus,

    wir “pluralis majestatis” haben ja auch noch nie das name-game probiert? ;-)

    Schöne Grüße Ghost an das Loch nahe Salzburg ;-)
    Pampa

  6. liberty head alias Magic alias……..
    “ob Du klar denken kannst”
    Diese Frage solltest Du Dir in der Tat einmal stellen – aber vielleicht erst nach Fasching :-)

  7. Die beweise liegen auf der hand, die dummern
    und “die g’scheiten” sind eng miteinander
    verwandt.

    Frech kommt weiter, es liegt in der natur
    des menschen, der mensch ist des menschen
    wolf und so weiter auf der hühnerleiter.

    Der mensch prägt die gesellschaft und sie
    zahlt es ihm zurück, mit allerlei dümmlichkeiten
    und mordenden, modernen auswüchsen.

    Wo bleibt der oft gerühmte fortschritt auf der
    strecke und gibt es eine übersättigung zum
    einen und die gewollte armut, den hunger und
    die not auf der anderen seite?

    Alle hochgelobten erkenntnisse und wissen-
    schaften können Gier, Neid, Arroganz und
    Macht nicht auf ein erträgliches mass
    reduzieren, somit sind gesetze, spielregeln,
    richlinien, verordnungen und wertegemein-
    schaften nur ein schwacher versuch, noch
    grössere katastrophen zu verhindern.

    Schönen Gruss von Stellenwert moderner Wissenschaft, Zamir

  8. Rückruf:

    Welche eigenständige Denkleistung nehmen die plagger für sich in Anspruch?

    Ist es nach Sch.eisel´scher Unschärfentheorie in Relativer Gestein-formel:

    Deutsch = (curricularer Hochmut + Haarspalterei)²

    Gruß von Dr. God Vadder

  9. @ Magic,

    offene gesellschaft, Freiheit, globalisierung
    sind begriffe, die es verdient
    haetten, haarklein und genauestens
    definiert zu werden.

    Gruss Zamir

  10. “Nichts ist gefaehrlicher fuer eine offene gesellschaft als einschuechterung und rueckzug aus furcht”

    Ich bin sicher, zamir, du fuerchtest dich nicht, gelle[♥]

  11. @ Immer…,

    da werde ich Dir mal flankierend zur seite
    stehen, die macht ist schon lange da, länger
    als das heilige römische reich deutscher
    nation bestand hatte.

    Die knallharten, freien marktgesetze sind die
    erfindung der pharisäer, die im auftrag ihrer
    herren auch annodazumal, die zehn gebote
    erfanden, nur damit die massen besser unter
    kontrolle und im zaum zu halten waren und
    sind.

    Der orff, der carl, der hat es so wunderbar beschrieben,
    vermögen-macht-gesetz-gewalt.
    Um diesen klitzekleinen motor herum, reguliert sich eine
    ganze welt, seit anbeginn der civilisationen.

    Niemand ist es bis heute gelungen, diese eigendynamik
    aufzuhalten, einzudämmen, geschweige denn sie
    in die schranken zu weisen.

    Um die einfachsten weltenläufe zu erkennen, benötigt
    niemand einen titel, keinen Dr., keinen Prof. und
    sonstige, tolldreisten bezeichnungen, alles kalter kaffee.

    “Habe ich das vermögen, bilde ich die macht,
    habe ich beides, werde ich gesetze in meinem
    sinne anzuwenden wissen, sie kaufen und brechen,
    sie mir dienstbar und gefügig
    machen für alle zeiten und sollte es dann immer noch
    probleme geben, dann entsende ich zum schluss
    auch noch die gewalt in vielfältigster form, wie z.b.
    krieg, hunger, not, elend, seuchen, unruhen, armut
    und ausbeutung von allem was kreucht und fleucht.

    Weil diese mittel nur den wenigen auserwählten,
    den gottbefohlenen, den wahren herrschenden
    zustehen, damit die unordnung und das chaos
    nicht die oberhand gewinnen und eine kleine
    elite, die zeiten überdauert.”

    Schönen Gruss aus der griechischen Mythologie, Zamir

  12. Sie stehen zwar auf der Roten Liste der aussterbenden Gattung, aber es gibt sie noch, die Spinner die!

    “Der Markt ist hungrig auf neue Ideen”

    Am Anfang waren wir fünf Leute, nach sieben Jahren sind es 30.000.

    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/geox-gruender-polegato-der-markt-ist-hungrig-auf-neue-ideen-1.1593480

    +

    FDP-Mann Hahn empört mit Äußerungen zu Röslers Herkunft

    Fronten beim EU-Haushaltsgipfel verhärtet

    “Peerblog” nach Hackerattacken eingestellt

    ….Rückzugsgefechte…nichts als….

    +

    mein Glas ist leer,…. wenn ich auf den Boden see…

  13. karel 16:25

    “Es mag ja alles rechtens und richtig sein,
    käme man da nicht hin und wieder heftig ins Grübeln.”

    Es geht auch nicht um Recht und Gesetz, karel, es geht in Politik immer nur um das Eine… nicht um Sex ne ne: Macht!

    Knallharte freie Marktgesetze innerhalb des Staates, ja ja: Es sind weniger freie Pöstchen an Zahl, als freie Agenten. Alle wollen zu den Trögen, da geht das Geschachere los, das Gedrängele … und ab und zu, muß Eine/r im Aufzug nach unten fahren, damit die anderen oben bleiben können… sonst würde es die anderen mitreissen…

    PS: auch im Spiel schalten manche auf God mode.. kommst´e in ´nen anderen level…

    http://de.wikipedia.org/wiki/God_mode

    Gruß aus der Zentralverwaltung des Bananengroßhändlers FidelMaestro & cie NL Pillepalle

  14. Die klassischen varianten des double eagle, die aeltere wie die juengere, werden mit ca. 1200,–eu gehandellt, was zahlt man denn fuer die variante mit der besonderen praegung?
    Sexismus? Nichts, war nur ein test,,ob du klar denken kannst.

  15. liberty head
    Es ist ein sehr schönes Motiv, Adler mit strahlender Sonne mit Ceres auf der Rückseite, also männlich und weiblich. Es gibt übrigens einige extrem seltene Exemplare, die nach altgriechischer Art mit besonders hohem Relief geprägt wurden.
    Wo ist da der Sexismus?

  16. Jaja, dtesch, du hast draussen rum gestanden in der hitze und auf einen beratungsauftrag gewartet…. waehrend die verwaltungsausschussmitglieder der arbeitsagenturen die m…ey-konzepte
    Auf den weg gebracht haben, um manchem schwachsinn ein ende zu machen. Haette damals jemand der insider geahnt welche geballte portion gefundener menschenverstand in sachen hartz, europpa, geldzystamie und spanferkeley sich hier tummelt, haetten diemeckies ihren hut nehmen muessen und das vaterland waere lang gerettet. So aber muessen wir dieses jahr wagners 200.geburtstag feiern und noch immer weiss das tescherl alles besser, tja grau teurer freund bleibts ewig guter draht, es sei denn dtesch dir zu raten naht;-))