Finanz-Jongleure

iemlich leichthändig hantieren Regierung und Parlament mit ungeheuren Beträgen für die Euro-Rettung. Ich muss mir das schlichter vorstellen: Die europäischen Rettungsschirme, Zinsen und Zinseszinsen und unsere Beiträge zum Internationalen Währungsfonds addiert unser Kolumnist Hans-Werner Sinn auf 468 Milliarden Euro. Nun ist das pessimistisch gerechnet, nehmen wir der Einfachheit halber 400 Milliarden. Macht bei rund 80 Millionen Deutschen – je Kopf 5000 Euro Bürgschaft. Das klingt eigentlich gar nicht so schlimm. Schließlich lasten ja schon Staatsschulden auf uns – ebenfalls pro Kopf 25 000 Euro. Es muss ja nicht immer das Allerschlimmste eintreten, aber so ganz wohl ist mir nicht, dass sich die Schuld meiner fünfköpfigen Familie gerade von 125 000 Euro auf 150 000 erhöht hat. Können wir das stemmen, meine Frau, meine Kinder und ich? Oder darf man so nicht rechnen – denn ans Zahlen soll man nicht denken bei Staatsschulden. Man schläft besser, wenn man dem heiligen Schwur der Bundesregierung glaubt, dass Bürgschaften schon nicht fällig werden – übrigens ein Glaube, der schon so manchen Bürgen ruiniert hat.
Ich bin da ja eher skeptisch; vielleicht weil ich als vorsichtiger Kaufmann gelernt habe: Rechne mit dem Schlimmsten und hoffe das Beste. Wobei es einem die Bundesregierung ja nicht leicht macht, das Beste zu hoffen. Denn: Das erste Rettungspaket für Griechenland, gerade eineinhalb kurze Jährchen ist es her, betrug 20 Milliarden Euro, aus heutiger Sicht, angesichts des 20-Fachen, ein geradezu läppischer Betrag. 250 Euro pro Kopf sollte uns der Euro schon wert sein, dachten damals viele – im noch nicht so fernen Mai 2010.

Noch beunruhigender ist, was hinter den Kulissen passiert. Noch während die Bundesregierung ihre heiligen Schwüre schwört, hinsichtlich der Begrenzung der Rettungsschirme, arbeiten die Euro-Experten schon an ihrer Verdoppelung und Vervierfachung. Man nennt es „hebeln“. Das geht so: Der Euro-Rettungsfonds kauft mit seinen 440 Milliarden unsolide Staatsanleihen von Italien und Spanien auf – und hinterlegt sie bei der Europäischen Zentralbank. Dafür erhält er wieder 440 Milliarden Euro. Damit kauft er wieder Staatsanleihen und so weiter und so fort.

Dieses Spiel kann man beliebig komplizieren, um die Summen zu vervielfachen und zu verschleiern. Es sind die Hebel, mit denen die Investmentbanken die Welt in die Finanzkrise jongliert haben. So kann man die ersten 440 Milliarden als „Versicherung“ einsetzen, damit Banken Staatsanleihen kaufen, was sie sonst nie riskieren würden. Die Finanzakrobatik soll jetzt im Staatsauftrag wiederholen, was uns in den Abgrund gerissen hat, und aus einem Euro so viele in so vielen verschiedenen Taschen machen, bis keiner mehr seine Schulden kennt oder gar bezahlen kann.

Nun verspricht in Berlin jeder, dass so was niemals, NIEMALS!, zugelassen werden würde. Die Schlitzohren in Brüssel sind da sogar ehrlicher. Sie haben diese Hebel schon vorsorglich in das Vertragswerk hineingeschwindelt und sagen jetzt, für so eine wundersame Vervielfachung brauche man gar kein Gesetz. Das sei nur eine kleine, technische Präzisierung dessen, was die Abgeordneten des Deutschen Bundestags unter Druck ihrer Partei und unter Schmerzen wegen ihres politischen Restanstands dieser Tage verabschiedet haben. Der Rettungsfonds brauche nur eine „Banklizenz“, also die staatliche Erlaubnis zum Raubzug beim Steuerzahler, bei dem dann die vervielfachten Schulden landen. Wobei uns dies wieder als Ermächtigung zum Retten verkauft wird, denn retten und immer wieder retten, das wünschen wir uns doch alle.

Kommen wir da noch raus? Oder sollte ich mir das Kopfrechnen abgewöhnen? Da kommt mir diese Zeile vom Düsseldorfer Heinrich Heine in den Sinn, der hier erst Kaufmann lernte, ehe er die eigentliche Wahrheit in der Poesie gefunden hat: Denk ich an den Euro in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in 1 von Roland Tichy. Permanenter Link des Eintrags.

Über Roland Tichy

Roland Tichy lernte Lokaljournalismus beim legendären "Salzburger Volksblatt". Er studierte in München Volkswirtschaft und Politik, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Nach einer Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Volkswirtschaftlichen Institut in München arbeitete er im Bundeskanzleramt, danach als Bonner Korrespondent der WirtschaftsWoche. Nach der Wiedervereinigung war er für den Umbau des Rundfunksystems der DDR zuständig, danach folgten Stationen in Industrie und Medien. Seit 2007 ist er Chefredakteur der WirtschaftsWoche. Tichy ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien "Wohin treibt Europa".

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