Juvenile Welt

In den Siebzigerjahren beherrschte eine Angst die deutschen Medien: Sie trug die Farbe Blau und bestand aus drei Buchstaben: IBM. Der Computerhersteller wurde als die große globale Datenkrake gefürchtet, die bald das gesamte Wissen der Welt sammeln und ausbeuten würde. Die große Angst schien berechtigt – immerhin zwei Drittel Weltmarktanteile entfielen auf den Riesen. Und heute? Es hat sich alles geändert – nur die deutschen Ängste nicht. IBMs Riesencomputer wurden von Steve Jobs Personalcomputern zerlegt und von asiatischen Konkurrenten zerschlagen.

Heute ist IBM ein tüchtiges, aber kaum Angst einflößendes Unternehmen. Trotzdem fürchten wir uns heute wieder vor blauen Gespenstern – diesmal heißen sie Facebook und Twitter. Und wieder ist es die schreckliche Geschichte von der Datenkrake, die uns aussaugt. Übrigens: Vor einem Jahr haben wir die Geschichten schon einmal gelesen. Damals trug der Totengräber der zivilisierten Welt das Namensschild „Google“. Deutschland ist das Land der Verschwörungstheorien, nirgendwo sonst paaren und vermehren sie sich so schön wie im Klima der Fortschrittsangst und in der Tradition des Kulturpessimismus. Denn so bedrohlich der Handel mit Daten sein mag – jede neue Methode der Informationsverarbeitung ermöglicht auch Missbrauch. Deshalb sollte das Web 2.0 auch reguliert werden – nur zu. Aber gleichzeitig gilt: Die neue Welt muss erst entdeckt werden, bevor sie kartografiert werden kann.

Da ist es schon erstaunlich, mit welcher Leidenschaft sich die Medienpolitik in Deutschland immer noch der Vergangenheit zuwendet, sich um die Arterhaltung verdient macht und Traditionsorgane pflegt: Zeitungen, die ihre Blüte im 19. Jahrhundert hatten, sowie Hörfunk und Fernsehen, etabliert im vorigen Jahrhundert, von Tausenden Bürokraten in „Landesanstalten für neue (!) Medien“ misstrauisch beäugt, im Falle von ARD und ZDF gar staatlich getragen, weil angeblich eine Knappheit an Übertragungswegen herrscht. Gegenwart und nahe Zukunft, also das Internet und seine sich ständig neu verändernden Möglichkeiten, scheinen aber bei deutschen Medien, Verfassungsrechtlern und Politikern mental noch nicht richtig angekommen zu sein. Wer die Entwicklung der digitalen Kommunikation auf die Frage des Datenschutzes reduziert, darf sich nicht wundern, wenn Deutschland allenfalls die Rolle einer digitalen Kolonie zufällt, ferngesteuert aus dem Silicon Valley.

Keine Angst also vor Twitter, Facebook, Google: Die Angst vor der Angst ist viel begründeter. Schließlich geht es dabei auch um neue wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten. Der Kontinent Facebook, das Reich Twitter, die Supermacht Google – das alles sind riesige, aber fragile Imperien mit einer vermutlich kurzen Lebensspanne. Nicht nur IBM ist gefallen. Wer erinnert sich noch an die vorübergehend unbezwingbar erscheinenden Netzweltmächte Yahoo, AOL oder MySpace? Viele Internet-Gründungen sind schnell entstanden – und ebenso schnell wieder verschwunden, weil neue Innovationen aufblühten und das launische Publikum neue Adressen anklickte.

Beständigkeit ist kein Merkmal dieser von juvenilen Launen getriebenen Welt und ihrer Entrepreneure, die in Deutschland alle viel zu jung wären, als dass man sie in die Kreditabteilungen der Banken vorließe, um über die Finanzierung einer Startup-Idee zu reden. Die Instant-Imperien wachsen, weil ihre Kosten fallen, je mehr Teilnehmer sie an sich binden. Und jeder neue Teilnehmer ist ein weiteres Argument, um sich dem größten Netzwerk anzuschließen: Die Zahl der Nutzer steigert den Nutzen. Deswegen wachsen die großen Netzwerke so schnell. Deswegen drängen sie die jeweils kleineren flugs aus dem Wettbewerb – bis ein neues Netzwerk up to date ist.

Entstehen da neue Blasen? Na klar. Alle Innovationen sind Entwicklungen ins Offene – Sieg und Niederlage stehen da nah beieinander. Eine unermessliche Rendite ist heute nur einen Mausklick vom Totalverlust entfernt. Na und? Risikobereitschaft ist die Schwester des Fortschritts.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in 1 von Roland Tichy. Permanenter Link des Eintrags.

Über Roland Tichy

Roland Tichy lernte Lokaljournalismus beim legendären "Salzburger Volksblatt". Er studierte in München Volkswirtschaft und Politik, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Nach einer Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Volkswirtschaftlichen Institut in München arbeitete er im Bundeskanzleramt, danach als Bonner Korrespondent der WirtschaftsWoche. Nach der Wiedervereinigung war er für den Umbau des Rundfunksystems der DDR zuständig, danach folgten Stationen in Industrie und Medien. Seit 2007 ist er Chefredakteur der WirtschaftsWoche. Tichy ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien "Wohin treibt Europa".

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