» 09.02.2008, 07:00

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Frühling in D.

Es gibt offensichtlich auch ein anderes Deutschland, in dem die bunte Heiterkeit des Frühlings vielfach Einzug hält, dank der Klimaerwärmung früher als erwartet. „Der Bauer ist bei Frauen wieder heiß begehrt, denn seine Milch hat wieder Wert.“ Diesen Spruch habe ich auf einem Faschingswagen in der oberbayrischen Milchproduktionszone gelesen – wer hätte uns so viel Selbstironie zugetraut?

Deutschland ist ein Land, in dem erstaunlich viel gut funktioniert. Ja, auch die schnellen Züge der Bahn sind meist pünktlich, und doch regen wir uns über einen einzigen verspäteten ICE auf, während wir 100 pünktliche nicht weiter erwähnen. Das Misanthropische und Faustische in uns macht uns unzufrieden und stachelt zu diesem verbiesterten Ehrgeiz an, das Letzte herausholen zu wollen aus dem kaum mehr Steigerbaren. Gewiss, Bürokratie kann uns zum Wahnsinn treiben. Aber schon mal versucht, mit einem amerikanischen Amt zu verhandeln? Meine Sachbearbeiter auf dem Finanzamt Frankfurt II sind erstaunlich hilfsbereit beim Weg durch den Paragrafendschungel, auch wenn sie mir Grausamkeiten nicht ersparen (können): Dieses Land ist nicht korrupt, abgesehen von Einzelfällen, die wir in unserem Perfektionswahn für das Ganze nehmen.

Die Gerichte funktionieren, die jungen Polizisten und erst die Polizistinnen sind fix, kompetent und lässig: In München war zu sehen, wie sie einem derangierten, bedauernswerten Penner eine Leberkäs-Semmel und eine Flasche Bier schenkten – solch ein Umgang mit denen am Rand der Gesellschaft ist Ausweis wahren Bürgersinns. Wir wollen die Probleme der Integration nicht verschweigen. Aber: Die Banlieues in Paris und Lyon oder Städte wie Manchester sind auch nicht gerade Vorbilder. Menschen auf hölzernen Krücken wie in den USA sind hierzulande wegen der vorbildlichen medizinische Versorgung nicht zu sehen.

Irgendwie schaffen wir es, dieses hohe Niveau trotz aller so oft beklagten Malaisen und wachsender globaler Konkurrenzen aufrechtzuerhalten. Sind das die viel zitierten deutschen Eigenschaften, diese ungeheuren Kräfte, die den Laden trotz alledem vorantreiben? Und dennoch droht eine schleichende Veränderung. Die Vertrauensbasis in die soziale Marktwirtschaft bröckelt. Während die Gesellschaft oberflächlich noch funktioniert, erodiert das zu- grunde liegende soziale Kapital. Ludwig Erhard konnte mit Verweis auf immer prallere Portemonnaies die Sinnfragen, die auch im Wirtschaftsleben gestellt werden, noch beantworten.

Heute versagen Deutschlands Manager dabei, ihre Entscheidungen zu erklären, und manche halten das sogar für überflüssig: Als ob sie, mit der Fabrik auf dem Kamel, einfach weiter und immer weiter dorthin ziehen könnten, wo gerade die Standortbedingungen besser sind. So kommt es in diesen Monaten zu einer gefährlichen Spaltung (siehe Seite 22): Die Wirtschaft gegen die Politik – weil die Wirtschaft erwartet, dass die Politik Reformen hinfummelt, für die sie aber selbst in den Wirtshaussälen und Talkshows nicht kämpfen will. Politiker wiederum schielen auf die aus ihrer Sicht überzogenen Gehälter. Mit Streit können wir anscheinend nicht umgehen: Seit Luthers Bekenntnis „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ sind Kompromisslosigkeit und Selbstdestruktion verschwistert.

So droht das Gefühl für die gemeinsame Verantwortung verloren zu gehen. Aber diese Entfremdung hält das Land nicht aus. Nehmen wir uns ein Beispiel am hilfreichen Bäcker.

» 09.02.2008, 07:00

    8 Kommentare zu “Frühling in D.”


  1. greenpeace logo eps…

    [...]to Lennox soon after Lennox’s authorized team lodged factors of regulation with the Northern Eire courts stating [...]…

  2. Alfred aus Augsburg sagt:

    Deutschland einig Jammerland! Ich kann nur darüber lachen.
    Ich gehöre zu der Spezies \”Spätaussiedler\” und lebe erst seit 20 Jahren in BRD. Ich habe den Entschluss freiwillig nach D zu gehen keinen Tag bereut, nicht deswegen weil mir und meiner Familie der
    Staat besonders viel auf den Weg gegeben hätte. Die durch mich und meine Frau gezahlte Steuern haben alles was wir an Leistungen bekommen haben längst um das mehrfache übertroffen. Jeder der so viel zu jammern hat müsste mal für ein paar Monate gen Osten gehen und dort versuchen ohne Arbeit zu überleben. Ich kann Wetten, jeder von den Jämmerlingen würde bereits nach ein paar Wochen, wenns nicht anders ginge, auf den Knien gen Westen rutschen. D ist Alles in Allem ein wuderbares Land trotz einiger Baustellen.

  3. Jo sagt:

    Heute, gestern, morgen. Alles wird schlimmer als es war. Die soziale Kluft klafft klaftertiefer denn je…

    Dass es den sogenannten Armen rein materiell gesehen besser denn je geht (Kühlschrank voll, Handy, Fernseher, Internet, Gameboxen, Brenner, Gigabytes voller silikonschwangerer Ablenkung von der Wirklichkeit, Myriaden von Fernsehkanälen, Möbel Walters Wohnlandschaften aus beqemem Plüsch u.u.u.) ist die eine – gerne übersehene – Seite.

    Die andere auch immer wieder gerne durch den Medienkakao gezogene Facette zeigt das BILD des raffgierigen Managers/entrückten Politikers, der längst den Bezug zu den eigenen Wurzeln verloren hat. Soweit so gut.

    Schlussfolgerungen:

    Die Schere wird ihren gefühlten Winkel weiter vergrößern, passieren wird jedoch nichts. Das Volk hat genug Spiele. Es sei denn, es gelänge, eine Revolution aus dem heimischen Sessel, etwa per Fernbedienungsterror, zu organisieren. Andererseits werden Politiker und Manager weiterhin die größten Tortenstücke ins trockene bringen.

    Und die Mittelschicht wird zur Ergänzung ihres Speisezettels weiterhin an Moralfragen knabbern, der eine mehr und der andere weniger.

    Nichts neues also im Westen.

  4. Eysel sagt:

    Ja, es wird zu viel gejammert.
    Ganz überwiegend “funktioniert” das Land (noch).
    Über W A S aber wird gejammert in der scheinbar so typischen deutschen “Angst”? – Gejammert wird, weil der “TRAUM” von der durch und durch “GERECHTEN” Gesellschaft durch böse, oder und unfähige Manager, das BÖSE Kapital also scheinbar so schändlich hintertrieben wird.
    Eine wunderbare Vorstellung ist dieser Traum. Aber das ist ein eben nur ein Traum, so, wie das Schlaraffenland oder das “Paradies”… welches auch immer. Die Forderung nach dem IDEALEN Menschen steckt dahinter. Der ANDERE soll sich IDEAL verhalten, das EIGENE Verhalten wird eben NICHT durch die kritische Brille betrachtet; der ANDERE, vorzugsweise der STAAT, der sich im Bewusstsein VIELER ja über 30 Jahre als Wohlergehensversprecher profiliert, positioniert hat DER soll es richten.
    Ganz schön scheinheilig oder wie man früher sagte: Pharisäerhaft!

  5. Christoph aus Landshut sagt:

    Ich bin vor 9 Wochen von einem 3 Jahres-Aufenthalt aus der USA wieder zurück nach D gekommen. Das größte was mir auffällt, ist die Deutschen jammern wirklich sehr sehr gerne. Und oft. Aber wir können uns wirklich nicht beschweren. Sicher, die Politker sollten in einigen Aspekten einen besseren Job machen und die sogenannte Mittelschicht entlasten, aber alles in allem bin ich sehr froh Deutscher zu sein und nicht z. B. Amerikaner. Trotzdem wünsche ich mir etwas mehr Lockerheit der Bevölkerung.
    WIR SIND DEUTSCHLAND!

  6. Karl-Heinz Müller sagt:

    Natürlich ist dieser Artikel ein kleiner Adrenalinkiller, aber mit einer Leberkässemmel und einer Flasche Bier ist es nicht getan. Wir und damit meine ich Politiker, Wähler und Unternehmensvorstände, sollten uns wieder an die Grundwerte der solzialen Marktwirtschaft erinnern, die gerechte Verteilung des gesamten Volksvermögens. Der Wunschvorstellung, Arbeit muss sich wieder lohnen, fehlen die Taten. Betrachtet man folgendes: das Verhältnis des Einkommens der Arbeitnehmer zum Einkommen der Führungskräfte, bis in die mittlere Vorstandsebene, in den Anfangsjahren der sozialen Marktwirtschaft, hat sich zu Ungunsten der Arbeitnehmer verändert. Der Kuchen ist ungleich verteilt. Wenn ein Siemensvorstand 5 Mio bekommt, damit er geht und 8 Mio um woanders anzufangen, dann hat diese Feststellung nichts mit Neid zu tun, das ist brutale Realität. Noch realistischer wäre, wenn die Wiwo nicht nur den Manager der Woche , sondern auch den Versager der Woche vorstellen würde. Ich konnte nichts lesen über die Vorstände der Sachsen LB, IKB, WestLB, BayernLB usw. Ich bin jahrzehntelanger Wiwo-Leser, aber wenn ich festellen muss, dass sich die Kanzlerin noch nicht von ihrem Berater von Pierer getrennt hat und Hr. Baron zum Berater des Hr. Ackermann aufgestiegen ist, dann wird es höchste Zeit für die Wiwo, sich die Reißzähne mal wieder schärfen zu lassen.

  7. Mainbube sagt:

    Endlich mal wieder ein Journalist der eine positive Meinung zu Deutschland Papier bringt. Sie haben mir schon am Samstagnachmittag das Wochenende einen Tick positiver gestalten können als ich in der neuen WiWo diese Worte gelesen habe. Es stimmt wir haben einige Probleme, aber die Sorgen die wir uns machen müssen sind, verglichen mit vielen anderen Ländern der Welt, dann nicht wirklich lebensbedrohend für die deutsche Bevölkerung. Jammern auf hohem Niveau ist eine sehr deutsche Eigenart.

  8. Hyperinflationist sagt:

    Nein, so sieht die verhaltene Teuerung aus. Mehr kann sich die alte Dame nicht leisten. Bald wird es noch schlimmer. Geldmengenwachstum und Kreditexpansion werden noch für eine eisige Kälte sorgen nachdem nun alle wieder den guten alten Keynes entdecken. Gruss aus Gold,- und Silberland.

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