» 01.09.2007, 09:25

Obszönes Internet

Satelliten fotografieren unsere Terrassen und Gärten. Autos fahren in den USA mit Spionagekameras durch die Straßen und
filmen, wer die Haustür verlässt. Die neugierigen Linsen sollen sich bald auch bis in unser Wohnzimmer strecken. Noch sind die Intervalle der ständigen Ausspähung lang, die Kuchentafeln nicht ganz aktuell im Bild. Aber die Zeiträume der peinlichen Inaugenscheinnahme werden täglich verkürzt, schon werden an wichtigen Punkten Webcams installiert. Das Überwachungsnetz im Dienste der bloß Neugierigen, gerissener Geschäftemacher und einer wachsenden Zahl internetgesteuerter Krimineller, wird räumlich und zeitlich immer dichter. Google Earth ist das letzte Glied in einer Kette von Maßnahmen, die uns, unsere Familien und unser Leben ins Netz stellen, offen für jeden, der uns anklickt. Längst ist Ihr privates Leben nur noch einen kurzen Klick vom Bildschirm entfernt.

Das ist ein qualitativer Sprung. Natürlich, die Geheimdienste haben immer schon unsere Briefe gelesen und ihre Mikrofone oder Kameras auf uns gerichtet. Aber heute ist jeder von uns im Visier, und für jedermann einsehbar. Die Privatheit wird den obszönen Gelüsten der Internet-Gemeinen geopfert.

Neuerdings erfasst auch das Finanzamt jede unserer finanziellen Bewegungen in seinen Datenspeichern. Jedes Handy-Gespräch wird aufgezeichnet und aufbewahrt, zur gefälligen Benutzung der Sicherheitsorgane. Das Bankgeheimnis ist nur ein Fetzen wertloses Papier. All dies geschieht im öffentlichen Interesse, auf gesetzlicher Grundlage und in diesen Bereichen unter sorgfältiger Kontrolle von Richtern und anderen Gremien. Die Aufregung über die jüngsten Pläne unseres Innenministers Wolfgang Schäuble darüber, dass künftig „elektronische Bundestrojaner“ auch Computer-Festplatten zu Hause und Blackberrys ausspähen, aber sind ein Ablenkungsmanöver: Hier werden wenigstens noch die Rituale des Rechtsstaats beachtet. Das ist nicht „Stasi 2.0“, wie manche Internet-Freaks behaupten. Vielmehr hat uns das Internet längst jeder Privatheit entkleidet, weil unsere Nachbarn Bilder unseres Lebens ins Netz stellen können, Google und andere dies organisieren und weltweit verbreiten und dafür noch gefeiert werden.

Vielfach gehen wir auch selbst leichtsinnig damit um. Unsere Laptops sind zugänglich für jeden, der darin blättern will: Ein Unternehmensberater erzählte mir stolz, wie er Hunderte von Akten ständig mit sich führe, elektronisch, jederzeit verfügbar. Leider auch verfügbar für die Konkurrenz, die ihn ohne Mühe ausspähen kann – ebenso wie die 100 kleinen Zeichen unseres Lebens: Die SMS-Nachrichten an die Liebsten, die Überweisung vom Konto, die Notiz über das jüngste Meeting.

Einst erfolgte die Erkenntnis über unser Menschsein anhand des Satzes: Ich denke, also bin ich. Heute sind wir erst dann Menschen, wenn wir Fotos, Videos und Datensätze abgeben, weltweit verfügbar und einsehbar. Die Tür zumachen zu Hause? Auch das ist öffentlich, und bald auch, was dahinter geschieht. Wehren wir uns dagegen, wo immer es noch geht.

» 01.09.2007, 09:25

    8 Kommentare zu “Obszönes Internet”


  1. will smith divorce jada…

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  2. Angelo Gabby sagt:

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  3. Martin Randelhoff sagt:

    Wenn Sie darüber schreiben, dass wir Onlinedurchsuchungen und die Beschnediung der Privatsphäre durch den Staat hinnehmen müssen, da wir uns ja auch freiwillig im World Wide Web entblößen, empfinde ich das als wahren Hohn. Wären sich die Menschen bewusster, welche Konsequenzen ihre Offenheit im Web hat, würden sie sich in diesem virtuellen Exhibitionismus sicherlich einschränken. Als aufgeklärter Bürger, der sich dieser Gefahren bewusst ist, habe ich also die Wahlfreiheit wie viel ich von meinem Privatleben preisgeben möchte. Diese Wahlfreiheit gesteht mir kein Staat zu. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Terrorabwehr, solange diese maßvoll und vor allem auch sinnvoll ist. Sie schreiben, dass “wenigstens noch die Rituale des Rechtsstaats beachtet” werden, wer garantiert mir, dass dies in Zukunft auch noch der Fall sein wird? Wer überwacht denn die Überwacher und überprüft wer, wann, was mit meinen gesammelten Daten gemacht hat. Man hat doch gesehen, dass z.B. das Parlamentarische Kontrollgremium dazu nicht in der Lage war/ist und in naher Zukunft nicht in der Lage sein wird, zu sagen, welcher Geheimdienst welche Aktionen durchgeführt hat. Wir haben doch schon einen Staat im Staate. Sie schreiben bei Onlinedurchsuchungen von einer Überwachung durch einen Richter. Wie war am 31.8 bei Welt Online zu lesen? Neben potentiellen Gefährdern, übrigens ein Begriff, der immer noch nicht definiert ist, sollen auch Daten unverdächtiger Personen durchsucht werden können, sofern sie einen Computer mitbenutzen oder in einem Netzwerk zusammenhängen.

    Überdies soll das BKA auch gegen an sich unverdächtige Personen schnüffeln dürfen, und zwar schon dann, wenn sie als „Kontakt- und Begleitpersonen“, derer sich potenzielle Täter „zur Begehung der Straftat bedienen könnten“, eingestuft werden. Man muss sich klarmachen, dass schon gegen “potenzielle Täter” an sich nichts Verwertbares vorliegt. Das sind Leute, die bislang weder eine Straftat verabredet noch eine kriminelle Vereinigung gegründet haben. Ansonsten könnten sie nämlich schon strafrechtlich verfolgt werden.(http://www.welt.de/politik/article1147710/Online-Razzien_auch_ohne_Richtererlaubnis.html)

    Aber ich möchte hier jetzt kein Fass aufmachen, ich würde mich nur freuen, wenn sie sich des Unterschiedes der wahren informationellen Selbstbestimmung und der des Staates klar würden. Und wie schreiben Sie so schön: “Wehren wir uns dagegen, wo immer es noch geht.” Stimmt. Wehren wir uns.

  4. Nikolaus Huss sagt:

    Gut, wenn die Diskussion aufkommt, was es nutzt und was es schadet. Auf politik-digital ist morgen, dienstag, ein liveblogg dazu um 16.00 http://politik-digital.de/salon/termine/index.shtml#szwierlein
    Und was viele noch nicht wissen: Wenn Google Doubleclick übernimmt, dann tut sich die Nr. 1 und die Nummer 2 im Online-Werbemarkt zusammen. Wer dann noch andere Technologie nutzen will, dürfte es schwer haben. Höchste Zeit, die Diskussion zu beginnen, wie die Online-Welt für alle offen und überschaubar bleibt.

  5. Walter Tichy sagt:

    Soctt McNealy, Chef von Sun Microsystems, sagte 1999:
    “You have zero privacy anyway.
    Get over it.”

    Es ist prinzipelle unmöglich,
    am Informationszeitalter teilzuhaben
    und gleichzeitig nichts über sich preiszugeben. Wer mit
    laufendem Funkgerät herumspaziert, kann nicht erwarten,
    dass er nicht geortet werden kann.
    Wer elektronisch Geschäfte erledigt, muss wissen, dass er massiv digitals Spuren hinterlässt–und will es auch so, denn nur dann kann man diese Transaktionen auch wieder rückgängig machen oder selbst prüfen. Wer sein persönliches Tagebuch öffentlich macht oder in der eigenen Wohnung Mikrofone und Kameras aufstellt, ist selber schuld. Dass es permanent neue
    Abhörmöglichkeiten gibt ist auch nichts Neues. Trojaner in der Bundesregierung–wie lächerlich ist eigentlich unsere Spionageabwehr? Dass Laptops in chinesischen Hotels angezapft werden, dürfte einem Geschäftsmann nicht mehr passieren. Und Satellitenbilder gibt`s viel genauere und aktuellere als bei Google, schon seit Dekaden,
    für staatliche Stellen (und die sind viel gefährlicher als der
    gewöhnliche Voyeurismus auf Promis.)

    Ich glaube, Dich hat gerade die gute alte Reaktion auf sich ändernde Verhältnisse erwischt. Bekämpfen oder resignieren hilft hier nicht. Stellen wir uns auf sie ein! Dann können wir auch mitgestalten und unsere Privatheit
    besser selber schützen.
    Otherwise, you have zero privacy.

  6. Andre Kowalski sagt:

    Wir leben im technischen Fortschritt mit menschlichem Rückschritt. Allein sich mit Worten wehren, ist mehr minder verwehren. Hauptsache in Ehren und sich als Bittsteller bewähren.
    Urteil ist den Wenigsten gegeben, Meinung wollen alle haben. So ist es im menschlichen Leben, was andere alle haben.
    Wir leben im jeweiligen Erlebnispark ohne weiteres Ergebnis. Hauptsache Ereignis.
    Privatsphäre und -leben hat nichts weiter ergeben als zwischen allein und zu Zweien leben.
    Am Besten ist, man tut so als ob nichts geschieht, wer weiß, was einem blüht.

    Mit freundlichen Grüßen
    Kowalski

  7. Peter Turi sagt:

    Wie gut, dass es Chefredakteur gibt, die sich den “obszönen Gelüsten der Internet-Gemeinen” freiwillig aussetzen:

    http://www.watch-berlin.net/vipo/portal/watchberlin_video_64382
    ;-)

  8. Hardy sagt:

    Sie gehen allerdings von Voraussetzungen aus, wie sie nicht bei Google Earth vorliegen: der ständigen Aktualisierung. Selbiges ist jedoch, wie ich schon oft feststellen musste, nicht der Fall. Die Satellitenbilder sind alle mindestens ein Jahr alt, teilweise sogar noch älter, wie ich mir letztens von einem enttäuschten Bekannten anhören musste. Selbst die Sitzbank, welche er im Frühjahr 2005 aufstellte, war nicht zu sehen.

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